Ausgabe 
30.5.1886
 
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171.

Füße auf den Schemel, den Ellinor ihm unter die Füße gerückt und sah mit Behagen, wie die Schaar der Arbeiter vom Heumachen zum Mittagsmahl in den Hof strömte.

Geht in die Halle, Kinder, da ist's kühl, rief ihnen der Ba ron zu,esset und ruhet aus. Ein herrliches Wetter, wir werden heute viel Heu einbringen!

Jeder grüßte ehrerbietig den alten Herrn und Einer nach dem Andern verschwand in der geräumigen Halle des Schlosses, wo der Mittagstisch für die Leute gedeckt war.

Nun lies mir die Zeitungen vor, Julia, sagte er, und legte sich behaglich zurück.Du bist doch nicht krank, oder werden meine Augen trübe? ich meine, Du wirst täglich dünner und durch sichtiger. Du mußt Dir keinen Kummer um den Patron machen, fing er weich und zärtlich an und streichelte ihre Hände.Laß ihn doch in Australien machen, was er will; das sage ich Dir aber, wenn er mir hierher kommt, so lasse ich ihn greifen.

Er sah sie mit den alten freundlichen Augen an und fuhr fort, ihre Hände zärtlich zu streicheln. Sie lächelte ihm freundlich zu und nahm die Zeitungen vom Tische. Sie war es gewöhnt, daß er sie seit dem letzten Jahre öfters mit ihrer Mutter verwechselte und oft auf den Grafen Hermani zurück kam. Es war eine Art von Sympathie zwischen ihnen, denn obgleich sie ihm nichts davon vorgelesen, was in vergangenem Februar alle Zeitungen füllte, er wähnte er häufig den Mann, dessen letztes Abenteuer in Berlin Julia mit Schrecken und Angst erfüllte. Die Zeitungen hatten von der jungen reizenden Frau des Grafen Hermani gesprochen und Julia beklagte die Aermste, wer sie auch sein möge, von ganzem Herzen. Ja, wenn er nur wieder in Australien wäre, wie der alte Onkel meinte. Der Mann ohne Wort und Glauben hatte wieder deutschen Boden betreten! Nun wurde noch einmal dieser häßliche Staub aufgewirbelt, und Julia öffnete täglich zitternd die Zeitungen.

Mama, laß mich die Zeitungen vorlesen, Du bist heute so

bleich, sagte Ellinor und richtete die klaren braunen Augen besorgt

auf ihre Mutter.

Du siehst, Kind, Dein Onkel ist schon eingeschlafen; gehe Du nun Deinen kleinen Geschäften nach, erwiderte die blasse, zarte Frau.

Der Onkel schlief fest und Ellinor trat mit einem mit allerlei Körnern gefüllten Korbe aus dem gegenüberliegenden Wirthschafts gebäude und verschwand durch eine kleine Thüre, die zu dem Hühner⸗ hofe führte. Julia sah ihrer Tochter nach und ihre Augen weideten sich an der schlanken kräftigen Gestalt, die so sicher und leicht dahin schritt. Das kurze, hellblaue Kleid ließ das schön geformte Bein zum Vorschein kommen. Selten waren Anmuth mit frischer Ge sundheit und jugendlicher Kraft so harmonisch vereint, wie bei diesem dreizehnjährigen Kinde.

Die Arbeiter hatten mit leisen Schritten die Halle verlassen, als der erste Heraustretende den andern ein Zeichen machte, daß der Herr eingeschlafen sei, und Alles ruhte nun in dem tiefen Schweigen des Sommermittags. Julia's Blick fiel zerstreut auf das Zeitungsblatt, sie schrak zusammen, da stand wieder der unglückselige Name!Der als Fälscher verfolgte Graf Hermani wurde heute in Bremen festgehalten, als er sich gerade auf ein nach Amerika abgehendes Schiff begeben wollte. Trotz Perrücke und sonstiger Verkleidung war man seiner habhaft geworden. Unter dem Vorwand, seine Legitimationspapiere dem Polizisten vorzulegen, beschäftigte er dessen Aufmerksamkeit einen Augenblick, dann zog der Graf einen Revolver hervor und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. Der drastische Schluß dieses Abenteurerlebens Julia las nicht weiter, sie war von ihrem Sitze in jähem Schreck aufge⸗ fahren und, einer Ohnmacht nahe, zurückgesunken. Es vergingen einige Minuten, der Greis schlief friedlich den Schlaf eines Kindes, und auf dem Angesicht der bleichen Frau dämmerte es auf wie eine Morgenröthe, die gute glückliche Tage verheißt.Endlich! rief sie, wie befreit von einem furchtbaren Gewicht, aus,endlich darf es wieder Tag werden zwischen ihm und mir! Und ihr Gesicht zeigte den Ausdruck einer unbeschreiblichen Verklärung, als sie mit ge⸗ falteten Händen hinauf in das dichte Laubdach der uralten Linde sah.

Mama, nun sitze ich schon eine ganze Viertelstunde und habe alle meine Lektionen wiederholt; wirst Du mir heute Nachmittag keinen Unterricht geben? fragte Ellinor an einem der nächsten Tage. Julia sah mit thränenüberströmtem Gesichte zu ihrer Tochter auf und legte die Feder nieder. Vollgeschriebene Blätter bedeckten ihren Schreibtisch.

Was meinst Du, was willst Du, mein Kind? fragte sie wie aus einem Traume erwachend.

O Mama, Du hast geweint, rief die Tochter und legte stürmisch den entblößten runden Arm um ihrer Mutter Hals.An wen hast Du denn so viel geschrieben, Du sagtest mir doch oft, wir hätten niemand auf der Welt, wie den Onkel.

Und Deinen Vater, mein Kind! rief sie mit leuchtenden Augen. a Meinen Vater? Ich glaubte, der müsse gestorben sein, Du hast nie mehr über ihn gesprochen.

Das verhüte Gott, daß er gestorben ist! O nur das nicht, mein Gott, es wäre zu schrecklich.

Mein Vater lebt noch, und Du hast alle diese Blätter an ihn gerichtet? Ellinor sah mit fragendem Blick ihre Mutter an.

Julia entgegnete:Es lag ein Geheimniß zwischen uns, das ich nicht aufklären durfte; nun aber bin ich meines Gelöbnisses entbunden und diese Blätter enthalten Alles, was ich Deinem Vater zu offenbaren habe. Wenn Du älter geworden bist, sollst Du Alles erfahren, mein Kind, und sollst wissen, durch welche Verkettung der Umstände wir gezwungen waren, Mandsfeldt zu verlassen. Gott allein weiß, wie hart es mir geworden ist, und wie ich diese Noth wendigkeit mit bittern Thränen beweint habe. Dein Vater war unschuldig daran, und ich auch. Nun frage nicht weiter, mein Kind, glaube an Deine Eltern, Du sollst eines Tages Alles er fahren. a f Werden wir denn meinen Vater wiedersehen? fragte Ellinor ganz bleich vor Erregung.

O ich hoffe, daß wir ihn bald wiedersehen. Diese Blätter werden ihm sagen, wie ich gelitten, wie ich vergangen bin aus

Heimweh nach ihm! Gehe, mein Kind, gehe, Du solltest nicht

Zeuge sein von der Schwäche, die diese Stunde mit sich bringt; aber ich habe, fern von ihm, zu viel gelitten und die Lösung des langen Unheils mußte den letzten Rest meiner Kraft niederwerfen. Und Julia weinte laut am Halse ihres Kindes.

Die Blätter wurden mit bebender Hand zusammengefaltet und die Adresse geschrieben.Mandsfeldt! rief Ellinor.Das war's; ich habe mich so manchmal auf den Namen besonnen und wollte Dich doch nicht fragen; aber gedacht habe ich oft an das große Haus und die wunderschönen Gärten und träumte Nachts, ich tummelte mich da unter Blumen herum. Wie aber der Papa aussieht, darauf kann ich mich nicht mehr besinnen.

Wenn es nur nicht zu spät ist! rief Julia. Sie zeigte eine Erregung, die Ellinor nie an der still freundlichen resignirten Mutter gekannt hatte. Erst als sie neben dem Onkel im weiten Zimmer saß und von den kleinen Erkerfenstern die Sonne prächtig unter gehen sah, da wurde sie ruhiger. Der Onkel sprach heute Abend auffallend klar und drückte in den rührendsten Worten aus, wie glücklich Julia und das Kind sein Alter gemacht hätten. Als Barthel ihn zu Bett gebracht, und er sanft eingeschlafen war, ging Julia in den von hohen Mauern umgebenen Garten. Der Sommer abend war so wunderschön; es schlug eine Wachtel in der stillen Dämmerung und Julia, ganz von den Eindrücken des Tages er griffen, ließ sich auf eine Bank nieder und weinte.

Julia, flüsterte eine heftig bewegte Stimme hinter ihr. Darf ich vor Dich treten und um Deine Verzeihung flehen?

Sie fuhr auf und sah mit weitgeöffneten Augen in ein Gesicht, das ihr Tag und Nacht vorgeschwebt, aber inniger und rührender hatte sie es nie gesehen. Es leuchtete in ihren Augen wie selige Verklärung:Theurer, Geliebter! flüsterte sie und lag ohnmächtig in den Armen Lindners. Dieser drückte sie voll Entzücken an seine Brust, er küßte das alabasterweiße verklärte Gesicht heiß und leidenschaftlich und fühlte erst, daß der Augenblick zu überwältigend für sie gewesen war. Aber die blauen innigen Augen öffneten sich bald wieder und ruhten mit einer Glückseligkeit auf ihm, die Zeit und Ereignisse vergessen hatten.

Weißt Du es schon, Theurer? fragte sie.Haben die Zeitungen Dir den Zusammenhang erklärt? Gott sei Dank, der