Ausgabe 
29.8.1886
 
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Und Martina? fragte Weber statt der Antwort. Sie ist ein starkes Mädchen, sie wird es nicht allzu schwer überwinden ihr Stolz wird ihr helfen, mich zu vergessen.

So, murmelte Weber vor sich hin.

Heddenheim sah ihn forschend an.Du meinst nicht?

Weber zuckte die Achseln.Wie soll ich es wissen! Ich bin kein Frauenkenner. Nur halten starke Naturen das einmal Er⸗ griffene bisweilen fester als schwache.

So hätte ich durch meine Sorglosigkeit eine um so größere Schuld auf mich geladen.

Die Du sehr leicht zu zahlen im Stande bist, mein Sohn, erwiderte Weber mit gutmüthigem Humor.

Niemals kann ich Martina's Loos an mein unsicheres binden, und wenn ich es wollte, ich dürfte ebenso wenig meines Onkels streng gehütetes Geheimniß preisgeben, wie ohne das um ihre Hand werben.

Chimäre! war Webers einzige Antwort.

Denke darüber wie Du willst, entgegnete Heddenheim,ich weiß, was mir meine Anschauungen von Recht und Pflicht gebieten.

Seitdem berührte Weber diesen Gegenstand nicht mehr und Heddenheim, so heiß es ihn verlangte, von Martina zu hören, fragte nicht nach ihr. Seine Sehnsucht steigerte sich unter diesem ge⸗ waltsam geübten Zwange zu einem krankhaften Empfinden und wenn er es sich auch stündlich sagte, daß es am besten sei, wenn er nichts mehr von ihr hörte, so hätte er doch viel darum gegeben, wenn Weber sein Schweigen gebrochen. Diesem entging des Freundes Zustand nicht und er sah in demselben das sicherste Zeichen baldiger Rückkehr zur Vernunft, wie er es nannte.

Beinahe drei Wochen waren so vergangen. Heddenheims ge⸗ schäftliche Verhältnisse gestatteten ihm jetzt möglicher Weise ein längere Abwesenheit und nachdem der Bruch mit Ornshagen vollzogen war, versprach er sich von der Entfernung und von neuen Eindrücken das Beste. Er beabsichtigte nach England zu gehen, vielleicht, daß er dort auch über seines Onkels Verheirathung und den Verbleib von dessen Gattin in diskreter Weise Erkundigungen einziehen konnte. Er mochte es sich selbst nicht gestehen, daß sich die Hoffnung leise in ihm regte, er möchte vielleicht erfahren, daß Jeanne todt sei, dann stand ja seinem Glück nichts im Wege.

Die Vorbereitungen zur Abreise waren schon getroffen; in einigen Tagen meinte er aufbrechen zu können. Er hatte eben eine längere Rücksprache mit seinem ersten Buchhalter gehabt und diesem mitgetheilt, daß er eine längere Zeit, vielleicht einige Monate abwesend bleiben werde; derselbe hatte es mit sichtlicher Ueberraschung aufgenommen, dasselbe Erstaunen, sagte er sich, würde seine Reise, von der er selbst Weber noch nichts angedeutet, noch bei Unzähligen erregen. Er ging grübelnd im Zimmer auf und ab; die Gedanken wirbelten in seinem Kopf durch einander, das Herz lag wie ein Stein in seiner Brust, ihm wurde das Athmen schwer. Er stieß den Fensterflügel weit auf, doch auch das wollte nichts helfen, es war ja nur eine dumpfe, staubige Stadt⸗ luft, die sich da hereinwälzte. Ihm fiel plötzlich ein, daß, seit er zuletzt in Ornshagen gewesen, er die Stadt nicht mehr verlassen hatte, wie war es ihm nur möglich gewesen das zu ertragen! Er klingelte und befahl anzuspannen. Es war nicht eigentlich angenehmes Wetter, ein heftiger Wind wehte und als er hinauskam, entdeckte er, daß es seitdem Herbst geworden war. Das Laub hatte sich ge⸗ färbt, der ganze Ton und Charakter der Landschaft war nicht mehr sommerlich, es lag wie ein Hauch des Abschiednehmens und Sterbens über der ganzen Natur; das wirkte nicht befreiend, aber die Luft that ihm doch wohl. Er wollte an die See, das Rollen und Brausen der Wogen hören, sich von dem Winde durchwehen, von dem Schaum bespritzen lassen.

Zehn Minnten vor dem eleganten Seebad, das der Stolz der Bewohner D.'s war, bog vor der Hauptstraße ein Seitenweg ab,

der nach kaum halbstündiger Fahrt direkt an den Strand führte. Es erhob sich hier eine nach der See hin steil abfallende Höhe, von der aus man einen herrlichen Fernblick über das Meer, den Strand und in's Land hinein genoß. Es war dieselbe ein häufiges Ziel der zu Fuß und zu Wagen unternommenen Ausflüge der Kur gäste jenes Seebades, und infolge dessen hatte sich am Fuße der Höhe auch ein kleines, freilich ziemlich primitives Gasthaus etablirt. In dieser vorgeschrittenen Jahreszeit durfte Heddenheim indeß nicht fürchten, die Einsamkeit, die er suchte, durch Andere gestört zu sehen, der Badeort war wahrscheinlich vollständig leer, von der Stadt fuhr kaum Jemand hierher und überdies ließ sich die Höhe umgehen und

ihn aufzusuchen.

man gelangte dann durch eine Art Schlucht unmittelbar an den

Strand. Hierhin lenkte Heddenheim die Fahrt. Vor dem Gast⸗ hause, das nicht viel besser als irgend ein armseliges Fischerhaus aussah, ließ er halten, sprang aus dem Wagen und befahl dem Kutscher zu warten; dann schlug er zu Fuß den Weg zum Strande ein. Die grün schillernden, schaumgekrönten Wogen kamen wuchtig und breit dahergerollt, um dann am Strande hoch aufspritzend zu zerschellen, ein großartig schöner Anblick, der sich Heddenheim bot, während er die Schlucht passirte. frische, feuchte Luft, ihm that es wohl, sich den Wind um Haupt und Brust streichen zu lassen; am Ende der Schlucht blieb er stehen, das mächtige Schauspiel vor sich betrachtend. Eine dunkle Wolkenwand stieg am Horizont empor, der Wind jagte als Vor⸗ läufer einzelne Wolkenfetzen über den lichtblauen Himmel und wie sie über die Sonne, diese verdunkelnd, hinflogen und sie dann doch wieder siegreich hervorbrach, wechselte auch die Farbe der Wellen, vom dunkeln Grün zum tiefsten Blau und Violett. Der Anblick mußte von der Höhe aus noch schöner sein und Heddenheim be⸗ dauerte schon, nicht doch lieber den Weg hinauf eingeschlagen zu haben. Da erinnerte er sich, daß auch von der Seeseite aus ein zwar steiler und unbequemer, aber für gute Fußgänger doch immer⸗ hin benutzbarer Pfad hinaufführte und beschloß nun auch sogleich, Kaum daß er, aus der Schlucht hinaustretend, sich rechts wandte, als er in einer durch die See ausgewaschenen Vertiefung der steil aufsteigenden Höhe eine weibliche Gestalt sitzen sah. Sie hatte das Gesicht auf die verschlungenen Hände gegen die Erdwand gestützt, das Tuch, das sie um den Kopf geschlungen, war herabgeglitten es war ein Bild tiefen Schmerzes; diese schlanke, biegsame Gestalt, dieses nachtschwarze Haar er fühlte seinen Herzschlag stocken konnte er sich täuschen?! Mit einem Schritt war er an ihrer Seite.

Martina!

Sie fuhr auf und starrte ihn einen Moment wie eine Er scheinung an, dann stand sie auf ihren Füßen.Wie kommen Sie hierher? Der Ton schwankte zwischen Schreck und Freude, ihre Augen hingen an ihm, sie hatte nicht einmal daran gedacht, die Thränen von den Wangen zu wischen und duldete es, daß er ihre Hände ergriff. Es dünkte ihr, er müsse sie gesucht haben, um ihretwillen hergekommen sein.

Ohne ihre Frage zu beantworten, stammelte er:Sie hier, Martina, in Sturm und Wetter und, o mein Gott, Sie haben geweint?

Es war so unverkennbare Ueberraschung, die aus seinen Worten sprach, daß sie aus dem süßen Hoffnungstraum, der sie einen Augenblick umfangen gehalten, jäh erwachte. Sie entzog ihm rasch ihre Hände und zog das Tuch über den Kopf.Mich hatte wieder einmal die Krankheit der Traurigkeit überfallen, sagte sie mit fester, beinahe harter Stimme,weiter nichts, die See ist mein Heilmittel.

Auch ich suchte, wenn nicht Heilung, so doch Beruhigung, der Sturm draußen sollte den Sturm in mir dämpfen, drängte es sich

ohne Ueberlegung und Besinnung über seine Lippen,und nun

plötzlich stehen Sie vor mir, Martina, nach deren Anblick ich mich esehnt

5Bitte, nicht weiter, unterbrach sie ihn,Sie sollten wenigstens so viel Achtung vor mir haben, mich nicht mit Phrasen abfinden zu wollen. Sie war, ihn mit stolzem Blicke messend, einen Schritt zurückgetreten und setzte jetzt achselzuckend hinzu:Diese Sehnsucht wäre leicht zu befriedigen gewesen, wenn Sie Ornshagen nicht be harrlich gemieden hätten. f

Vergessen war, was er sich wochenlang gesagt und vorgesetzt, vergessen, daß er gemeint, ihre Verachtung tragen zu müssen, daß er schweigen gewollt, um jeden Preis.Martina! rief er,o Sie zürnen mir; doch wenn Sie wüßten, was ich in dieser Zeit gelitten, wenn Sie wüßten, was mich zwang

Ich weiß es.

Sie wissen?

Ich meine, allzu dunkel war Ihre Handlungsweise nicht. Ein spöttisches Lächeln zuckte um ihre Lippen.Da der Zufall uns aber, wider meinen Wunsch, noch einmal zusammengeführt hat, will ich Ihnen Eines sagen: wer den wenig rühmenswerthen Muth hat, Vertrauen zu täuschen, der sollte denn auch den Muth haben, den Schein zu wahren und zu thun, als wüßte er nichts.

Er athmete in tiefen Zügen die

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