2
———9————
en von
1
e
*
Martina Erwiderung finden könne, getäuscht zu haben.
vergangenen Tages besinnen konnte. N ü tauchten in ihm auf; er durfte nicht so scharf und unvermittelt mit
e ee
500
zu den
Obherhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Juhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 35.
Gießen, den 29. August.
Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.)
XI.
Heddenheim hatte es sich schon auf der Heimfahrt von Orns— hagen gesagt, daß er Martina nicht wiedersehen dürfe, jetzt war ein neuer Moment dazu gekommen; auch das Gespräch in der Stadt, das ihren und seinen Namen zusammen nannte, mußte ver— stummen. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, leichtsinnig nicht
an die Zukunft gedacht, in dem Glück der Gegenwart sich über die
Tiefe seines eigenen Gefühls, über die Möglichkeit, daß es bei Jetzt gab es nur Eines, was ihm Ehre und Pflicht geboten: Trennung. Er konnte sich eines Gefühls unaussprechlich süßen Glückes nicht erwehren, das ihn bei dem Gedanken erfüllte, von ihr geliebt zu sein; freilich durfte er sich diesem Gedanken nicht hingeben, denn es zog ihn gewaltsam zu ihr und doch durfte er sie nicht wieder⸗ sehen, er mußte fern bleiben und schweigen. Was sie von ihm denken, welche falschen, unedlen Gründe sie seiner Handlungsweise unterlegen würde— er mußte es tragen, ihm blieb keine Wahl. Martina, das wußte er gewiß, würde die Unsicherheit seiner Zukunft nicht schrecken, doch Frau von Hartwitz. Wie hart hatte er sie über Berting urtheilen hören, der es gewagt, Anneliese in sein zweifel⸗ haftes Geschick hineinzureißen, und hier war es noch tausendfach schlimmer; er trat als der reiche Mann vor sie hin, der seiner Gattin ein Loos bot, das an jedem Tage eine vollkommen andere Gestalt annehmen konnte. Nein, er durfte, er wollte es nicht, es wäre unehrenhaft. Eine Erklärung für sein Verhalten konnte er ihr nicht geben, so mochte sie ihn verachten und dann— vergessen. Wie er Martina kannte, mit ihrem starken, stolzen Sinn, würde sie s bald überwinden, sie würde nicht an einer unglücklichen Liebe hinsiechen, den Mann, der sie plötzlich und scheinbar grundlos ver⸗ ließ, noch ferner zu lieben, würde ihr Stolz ihr verbieten. Er hatte sich so sicher gefühlt, hatte gemeint, die Liebe könnte ihm nichts anhaben, und nun hatte sie ihn doch mit ungeahnter Gewalt erfaßt. Er hatte noch lange, in Nachdenken versunken, in seinem Wohn⸗ zimmer gesessen, erst spät stellte sich endlich die Müdigkeit ein. Als er in das Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf Martinas Rosen, die er, als er sich zum Diner angekleidet, dort gelassen hatte, um sie nicht fremden Blicken preiszugeben. Er nahm sie in die Hand, drückte einen Kuß darauf und legte sie dann sorgsam in sein Taschen⸗ buch— sie sollten ein Erinnerungszeichen an eine kurze, glückliche Zeit sein. g Er erwachte am nächsten Morgen mit einem schweren und wüsten Kopf, und es dauerte eine Weile, bis er sich auf die Erlebnisse des Allerlei Gedanken und Pläne
Ornshagen brechen, wenn er allmählich seltener hinausführe und
dann endlich ganz fernbliebe, würde es nicht auffällig scheinen. Würde er denn aber stark genug sein, Martina wiederzusehen, nach— dem er ihr süßes Geheimniß wußte und sich über sein eigenes Herz klar war, ohne sich zu verrathen, und wenn selbst, wäre es denn nicht nur eine stets erneute Qual für ihn und für sie, ein immer länger ausgedehnter Schmerz? Am besten dünkte es ihn zu verreisen, ein kurzer Abschiedsbesuch würde ihm möglich sein; er konnte dann eine dringende Geschäftsreise, plötzlich erwachende Reiselust, irgend etwas vorschützen und ging dann fort, weit fort, das mußte den Alp von seiner Brust nehmen. Doch augenblicklich ließ es sich kaum thun, daß er das Geschäft verließ; große Sendungen wurden erwartet und waren zu expediren und überdies war ja nichts als ein Auf— schub gewonnen, sobald er zurückkehrte, mußte sich der Bruch voll— ziehen, der durch die Reise nicht bewirkt war. So blieb er.
Einige Tage später forderte ihn Weber auf, ihn nach Orns⸗ hagen zu begleiten, er wolle nach Willy sehen, der neulich etwas gehustet habe. Heddenheim machte sich an seinem Schreibtisch zu thun, während er es unter einem nichtigen Vorwande ablehnte. Weber schwieg, doch traf den Freund ein prüfender Blick.
Die Ablehnung wiederholte sich zum zweiten Mal. Weber nahm sie wieder ohne Einwand hin, doch berichtete er am nächsten Tage, Frau von Hartwitz habe sich einigermaßen verwundert ge— äußert, daß Heddenheim so lange nicht draußen gewesen, ja, Fräulein Martina sei sichtlich ein wenig gereizt darüber, sie lasse ihm sagen, man dürfe seine Freunde nicht also schlecht behandeln, es habe wie ein Scherz klingen sollen, aber eine gewisse zornige Erregung sei nicht zu verkennen gewesen.
Darauf folgte eine minutenlange Pause, dann sagte Weber: „Ich kann hinter diesem plötzlichen thörichten, ganz unberechtigt thörichten Zurückziehen nur die Wiederkehr Deiner alten Grillen, die ich überwunden glaubte, sehen. Sage einmal, Konrad, willst Du wirklich Dein und eines lieben, vortrefflichen Mädchens Glück einem Phantom opfern?“
„Phantom?“ fuhr Heddenheim auf,„als ob es sich nicht um ein sehr Thatsächliches handelte! Du hast recht, mir einen Vorwurf zu machen, ich mache ihn mir bitterer, als irgend ein Anderer es kann, darüber, daß ich leichtsinnig die Beziehungen mit Ornshagen angeknüpft und fest gehalten habe, daß ich mich über mein Gefühl für Martina selbst täuschte, ja, täuschen wollte. Ich bin ja kein Stein, kein Eisblock, ich hätte es ja wissen müssen, daß ich nicht die Nähe dieses Mädchens, die süße Vertraulichkeit mit ihr tragen konnte, ohne der Gefahr zu erliegen. Ich ging lange wie ein Blinder umher, als ich aber sehend wurde, da blieb mir nur Eines: den grausamen Schnitt zu vollziehen, so lange es noch Zeit war, bevor ich daran verblutete.“
7,8—


