Ausgabe 
28.11.1886
 
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Kometenschweif dem neuen Gestirn zu folgen, das er selber ihnen gezeigt. Sein Bild hing unbeachtet hinter ihm, und er war von Niemand vermißt worden; nur Gottliebe stand neben ihm und sah ängstlich in sein Gesicht. Mit unabweisbarer Gewißheit empfand er plötzlich, daß sie genau wußte, was in ihm vorging, daß ihr keine seiner Regungen verborgen geblieben, daß sie seine zuckende, schmerzende Eitelkeit in aller Nacktheit vor sich sah; er wurde zornig, maßlos zornig gegen die Eine, die um ihn litt, weil sie ihn durch schaute, und vor der er nicht nöthig hatte, sich zu beherrschen.

Was willst Du? fuhr er sie zornig an.Ist Dein Platz nicht an Marion's Seite? Was veranlaßt Dich mir nachzuspioniren? Freust Du Dich etwa über meinen Triumph? Beißender Hohn lag in den letzten Worten, Gottliebe schreckte es nicht ab.

Wäre es nicht gut, wir gingen nach Hause? fragte sie, und der ihr eigne ängstlich scheue Blick ließ nicht von seiner gefurchten Stirn und den zuckenden Nasenflügeln.

Erregt die Bewunderung, die Deiner Schwester zu Theil wird, etwa Deinen Neid? lachte er höhnisch.Auf dergleichen mußt Du doch schon verzichten gelernt haben, Du, die Gattin des schönheits durstigen Roland Hartenstein. O! Ich Thor ich Thor! murmelte er mit festzusammengebissenen Zähnen.

Roland! sagte sie so bitter-schmerzlich und vorwurfsvoll. Aber was sie auch sonst noch hätte hinzufügen mögen, hier war nicht der Ort dazu, und Gottliebe das Schweigen gewohnt. Als sie auf die breite Treppe hinaustraten, die von der Kunstausstellung in das Freie führte, hörte sie hinter sich einige scharf akzentuirte Worte.

Hartenstein's Glück sollte man sagen, nicht Hartenstein's Genie!

Ob die Bosheit auch zu Roland's Ohren gedrungen, wußte sie nicht; er lachte gerade und legte eine Strähne von Marion's goldenem Haar über ihre Schulter zurück.

Aber er hatte Gelegenheit, es noch öfter zu hören, nirgends blieb es ihm erspart. In den Kreisen seiner Freunde sprach man von seinem Modell, in den Spalten der Kritik sang man dessen Lob und gestand ihm nur zum Schluß ein paar anerkennende Zeilen zu.

Zusammengeballt schleuderte er das Blatt in den fernsten Winkel des Ateliers, aber was half ihm sein ohnmächtiger Zorn. Wenn sie noch sein wäre, dies bewunderte Weib, sein mit Leib und Seele! Wenn er sich mit ihr schmücken gekonnt hätte, als mit seinem schönsten, meistbeneideten Kleinod, dann war es ein anderes Ding.

Die in den Himmel gehobene Marion gehörte dann doch ihm, ihm allein, und was man ihr darbrachte, fiel hundertfältig auf ihn zurück; aber so war es nur ein loses Band, das ihn mit ihr ver knüpfte, eine Verwandtschaft, die nicht einmal eine war. Der erste

Beste konnte kommen, begehrlich die Hand nach ihr ausstrecken, sie

ihm rauben, und er mußte thatenlos zusehen, er der Mann der unschönen unbeachteten Schwester.

War das Liebe, was ihn so ruhelos hin und her trieb? War es Eifersucht oder nur verletzte Eitelkeit, die sich an irgend etwas aufzurichten strebte? Roland Hartenstein schloß selbst die Augen vor dem Chaos in seinem Innern, das ihn allmählich beherrschte. Man hatte ihm Marion gegen seinen Willen entrissen. Die Frauen der Gesellschaft drängten sich, sie in ihrem Hause zu sehen, und er sah sich gezwungen, ab und zu nachzugeben, obgleich es allmählich für ihn zur Tortur wurde. Er hätte sie am liebsten an sich ge⸗ rissen und weit fort getragen, auf irgend eine stille Insel, wo die Welt nichts von ihr wußte, und sie nichts von der Welt, aber Marion war keine Natur, die sich so leicht beherrschen ließ. Sie schmollte mit dem Schwager, setzte seiner Heftigkeit Widerstreben und offnen Trotz entgegen, und weil ihm das zum ersten Mal zu Theil wurde, schlug es ihn in Banden.

Eines Tages, als Roland Hartenstein mißmuthig und in Ge danken verloren die Straßen der Residenz durchschlenderte, hörte er sich plötzlich angeredet und sah aufblickend in das feine distinguirte Gesicht des jungen Engländers, von dem er sich einredete, daß es ihm seit ihrem ersten Begegnen unsympathisch sei, weil er fühlen mochte, daß er ihn zu fürchten habe. Wo sie sich auch bisher ge troffen, und das war zu verschiedenen Malen gewesen, stets begegnete er Lord Stratton mit ausgesuchtester, unhöflicher Kälte und hielt sich wie ein Aufseher an der Seite seiner schönen Schwägerin, so

bald sich dieser zu nähern versuchte.

Da mir die Gelegenheit so unerwartet günstig ist, begann Lord Stratton in unveränderter Höflichkeit, die er Hartenstein gegen

geeignet scheinen.

über stets zur Schau trug,gestatten Sie mir wohl eine kurze Unterredung, Herr Professor.

Ich wüßte wirklich nicht, womit ich Ihnen dienen könnte, war die hochfahrende Entgegnung.

Das sollen Sie sofort erfahren, sobald wir nur die Straße hier verlassen und einen Gang durch den Park vor dem Thore machen wollen. Was ich Ihnen zu sagen habe, verträgt keinen Lärm.

Hartensteins große feurige Augen kehrten sich einen Angenblick in das schmale blonde Gesicht neben sich, dann nickte er zum Zeichen des Einverständnisses.

Draußen im Park raschelte das Laub schon unter den Füßen der Wandernden, blauer Herbstduft hing zwischen den kahler werden den Bäumen und Lord Stratton sagte ohne alle Einleitung und Vorrede:

Herr Professor, ich liebe Ihre Schwägerin und habe die Ab sicht, mich um sie zu bewerben. Auskunft über meine Person giebt Ihnen das englische Konsulat, mein Vermögen ist ein beträchtliches, ich bin völlig frei und unbeeinflußt in der Wahl meiner Gattin und bereit sowie im Stande, ihr ein glänzendes Loos zu bereiten. Ich hoffe, Sie legen meiner Bewerbung nichts in den Weg, ob gleich ich allem Anschein nach das Unglück habe, Ihnen zu miß fallen.

In Roland stieg ein unbeschreibliches Gefühl auf und raubte ihm fast den Athem. Was er gefürchtet, wenn auch erst in unab sehbarer Ferne, nun stand es greifbar vor ihm und zugleich die felsenfeste Ueberzeugung:

Ich selber liebe Marion! Mein ist sie, mein muß sie bleiben!

In dem Sturm der Erregung war er doch noch im Stande, ruhig zu fragen:

Weiß meine Schwägerin etwas von Ihrer Werbung?

Nein, Herr Professor, ich wollte mich zuerst Ihrer Zustimmung versichern.

Nun denn, nie, nie! rief Roland Hartenstein erregt und stieß wie zur nochmaligen Bekräftigung den Stock bei jedem Wort auf den Kies, daß er mit einem kurzen scharfen Klang emporschnellte,nie gebe ich meine Einwilligung. Marion ist in meinem Hause und wird sich meinem Willen fügen.

Und darf ich fragen, womit Sie diese Ablehnung begründen?

Die kühle, leidenschaftslose Ruhe des jungen Mannes stach grell gegen die zitternde Erregung des Aelteren ab. Roland Hartenstein schaute ihm in das Gesicht, als hätte er Lust, ihn zu morden. Dann wandte er sich brüsk um.

Weil Sie mir nach keiner Richtung hin zum Gatten Marions Geben Sie sich keine Mühe, meine Entscheidung ist gefallen.

Und ich unterstelle mich derselben nicht, da ich ihre Haltlosig keit und Ungerechtigkeit sehr wohl einsehe. Ich begreife Ihre Ge fühle, Herr Professor, aber ich weiche ihnen nicht, da es sich um mein Lebensglück handelt. Wozu ich mich Ihnen gegenüber als Kavalier verpflichtet fühlte, ist geschehen, gestatten Sie mir nun, mich zu entfernen.

Er grüßte höflich und drehte sich um. Roland Hartenstein ging hastig vorwärts; er merkte es nicht, daß er seinen Schritt immer mehr beschleunigte, daß er fast laufend seine Villa erreichte und in gewaltigen Sätzen die Stufen emporsprang. Es war, als zöge ihn ein unsichtbarer Magnet widerstandslos an sich. Er athmete kurz. und heftig, riß den Hut vom Haupt, während er durch die Zimmer stürmte, die leer waren, und stand endlich, immer noch unter dem Bann seiner gewaltigen Aufregung, in Marions Wohnraum, in dem sie am Fenster saß, eifrig beschäftigt, Spitzen um den Saum eines Kleides zu heften.

Sieh da, Roland! sagte sie erstaunt, ließ die Arbeit fallen und kam auf ihn zu. Er sah in dem matten Herbstlicht, das direkt auf seine Züge fiel, blaß, fast entstellt aus. Die Augen flackerten unruhig und das Haar hing ihm wüst um Stirn und Schläfe. Auch seine Stimme klang anders wie sonst, der Griff, mit dem er die Handgelenke des Mädchens umspannte, war eisern und doch zuckte Fieberhitze in jeder Fingerspitze.

Marion, begann er halblaut und zog sie näher zu sich.Ich liebe Dich und Du sollst mein sein, mein allein, für Zeit und Ewig⸗ kein! Ich will es nicht haben, daß ein Anderer begehrend die Hand nach Dir ausstreckt, denn mein bist Du, mein allein! Sage mir, daß Du mich liebst, daß Du mir gehören willst.