Ausgabe 
28.11.1886
 
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Seine Arme umschlossen sie mit aller Gewalt, sie rang vergeblich sich zu befreien.

Und Gottliebe? fragte sie endlich athemlos. liebe vergessen?

Was kümmert mich Die! Wir Beide leben, Du und ich und lieben einander. Künstler sind nicht so treu und ich bin in keiner Weise groß und stark. Meine Pflicht allein ist es, mir Genüge zu schaffen, sei es in Freiheit, Begehren oder Erringen, nur so kann ich groß bleiben, größer werden. Deine Schönheit hat mich hin gerissen, entzückt, begeistert, ich habe sie zu einem Theil von mir gemacht und ich will sie behalten. Du hast keine Macht mehr über Dich, denn mein Wille ist stärker wie der Deine. Ich liebe Dich! Hörst Du es? Und was auch kommen mag, ich halte Dich fest.

Wie ein Meer von Gluth umwogten sie seine Worte, es war ihr, als gingen Flammen von ihm aus, die sie versengten, ihr den Athem von den Lippen nahmen, sie widerstandslos machten. Wie ein wesenloser Schatten tauchte das Antlitz ihrer Schwester vor ihr auf, und sie murmelte leise:

O Gott, es ist schlecht! Schlecht!

Ein Thor, der den Wünschen der Herzen Gut und Böse gegenüber stellt. Es läßt sich nicht von einander unterscheiden und ist deshalb ein Unsinn. Sage mir, daß Du mich liebst, daß Du mir angehören willst und wir haben das Gute erwählt. Wozu sind wir mit Leiden schaften und heißen Wünschen geboren, wenn wir unsere Ehre darin suchen, sie zu bekämpfen. Sieh um Dich, Marion, Alles lege ich Dir zu Füßen, mich selbst, meinen Ruhm, meinen Namen, bewundert und beneidet sollst Du am meisten sein unter allen Frauen. Das Band, das mich mit Gottliebe verbindet, ist ein Schemen, ein Nichts, noch schlimmer, eine Heuchelei, es ist nichts anderes werth, als daß es zerrissen wird.

Aber ich glaube, sie liebt Dich.

Er lachte auf.Möglich! Was thue ich damit, nach solchen Sentimentalitäten kann ich nicht fragen. Du und ich, wir Beide sind für einander geschaffen. Ich will Deine Schönheit unablässi verherrlichen und die Bewunderung, die Dir gezollt wird, gehört dann gleichzeitig mir. Sträube Dich nicht, Marion, ich will, daß Du mein wirst; ich will die Hindernisse dazu aus dem Wege räumen, Du sollst mir blindlings vertrauen und Du wirst mich lieben. Ich verlange es, ich zwinge Dich nöthigen Falls dazu.

Die elementare Kraft, die Roland Hartenstein besaß, verleugnete auch diesmal nicht ihre Macht. Willenlos, betäubt fast, lag Marion in seinen Armen, ihr goldnes Haar überfluthete ihn, und berauscht drückte er Augen und Lippen in dasselbe. Er hatte gesiegt! Sie gehörte ihm, Triumpf schwellte seine Brust. der Eifersucht auf sein Modell war geschwunden, fortan durfte man ihr huldigen, so viel man wollte, war sie doch nun ein Theil von ihm. Er glaubte, er liebte sie, und doch sahen die Wurzeln dieses überbrausenden Gefühls zum Verwechseln einem andern ähnlich, das Hartenstein's ganzes Sein durchflocht: Eitelkeit und Egoismus. Aus diesem Taumel fuhr Marion auf und blickte entsetzt nach der gegen überliegenden Thür. In derselben stand Gottliebe, sehr blaß, aber unbeweglich. Nur die beiden Hände hatte sie auf's Herz ge preßt, als müsse sie dort etwas festhalten, das heftig schmerze.

Sie! murmelte Marion mit leisem Schauder und schmiegte sich dichter an Roland. Auch er sah jetzt auf seine Frau.

Desto besser, sagte er kalt, und noch niemals hatte ihm das unschöne Gesicht so wenig Theilnahme eingeflößt, noch niemals hatte er so schonungslos alle Mängel desselben mit einem Blick erfaßt, es erspart uns dann das Weitere. Du wirst nicht zögern, Gott liebe, mich frei zu geben. 1

Sie lehnte sich wie ermattet an den Thürrahmen, und ihre Stimme war sehr leise, als sie sagte:

Gönne mir Zeit bis morgen, Roland.

Er zuckte ungeduldig die Achseln.

Hoffe auf keine Rückkehr meinerseits, Gottliebe. Du hast es niemals verstanden, mich zu halten, Du wirst es auch in Zukunft nicht können. Gehe Jedes fortan seinen Weg, und Du wirst Dich nicht über mich zu beklagen haben.

Ehe er noch ausgesprochen, war die Thüre leise geschlossen worden. Wie eine Träumende schwankte Gottliebe zurück in ihr Zimmer. Es war ihr, als wäre in ihrem Herzen alles todt und gestorben, leer und öde. Sie blieb am Tisch stehen, faltete die Hände und senkte den Kopf tief. Eine unbeschreibliche Kälte durch

Hast Du Gott⸗

Das häßliche Gefühl

schauerte sie und nichts regte sich in ihr, weder Schmerz noch Zorn, noch irgend ein Gedanke an die Zukunft, alles lag wie gelähmt in ihr. Vielleicht hätten ihr Thränen Erleichterung gebracht, aber auch diese blieben ihr versagt, nur einmal hörte sie sich laut sagen: O Gott, wie trostlos sind Deine Wege. (Schluß folgt.)

Der Rechte.

Von M. Josephy. (Fortsetzung.)

Einundzwanzig schon, lachte Rosel und war zur Thür hinaus.

Also die Rosel machte sich aus all' den Mannsleuten ganz und gar nichts, daran war kein Zweifel, denn sie selbst hatte es gesagt und sie mußte es doch wohl am besten wissen! Warum nur, wenn es sich so verhielt, stand die sonst so fleißige, rührige Rosel so seelensgern ein paar Augenblicke müßig unter der Thür, wenn der Fleischer-Vinz drüben aus seinem Hause herauskam und warum wurde sie kein Bissel böse und ungeduldig, wenn er neben ihr stehen blieb und sie noch länger von der Arbeit abhielt? Warum wußte auch sie, die sonst nicht im Geringsten darauf achtete, wer die langen Bänke in der großen Gaststube des Bruders besetzt hielt und der es ganz einerlei war, ob sie dem alten, halb verrückten Schäfer das leere Glas füllte, oder dem jungen, feinen Adjunkten des Guts⸗ verwalters, der Handschuhe und ein Augenglas trug, durch das er das hübsche, flinke Mädel so verliebt anblinzelte, warum also, frage ich, wußte sie es immer ganz genau, ob dort unten, in der einen Ecke des Saales ganz 15 am Fenster, ein großer kräftiger Mann saß, mit lichtem, krausen Haar und blauen Augen und warum

zählte sie diesem Manne mit solch' ängstlicher Gewissenhaftigkeit die

Gläser Bier oder Schnaps nach, die er zu sich nahm, als ob von diesem einzigen Gaste das Gedeihen und Fortbestehen der ganzen Wirthschaft abhängig gewesen wäre? Warum nur machte das die Rosel so? Ja, das hätte sie wohl selbst nicht zu sagen gewußt und sie dachte auch gar nicht weiter darüber nach, so wenig wie sie es sich klar zu machen suchte, wie es kam, daß ihr, die sonst ihr Leb tag nicht zu weinen pflegte, die hellen Thränen des Zornes in die Augen traten, wenn sie hörte, wie der Fleischer-Vinz mit immer heiserer und unsicherer Stimme zu trinken verlangte und zuletzt, wenn er keinen Kreuzer mehr in der Tasche fand, oftmals mit tau melnden Schritten nach der Thür der Wirthsstube tappte. Dann trat die Rosel heftig mit dem Fuße auf, wischte mit der verkehrten Hand über die feuchtgewordenen Augen und drehte sich nach der anderen Seite, um mit einem der Gäste ein Gespräch anzufangen, lachen und singen aber mochte die Rosel an solch' einem Abende nicht mehr.

Morgen mußt Du Dein Leben lassen, ohne Gnad', es giebt keinen Aufschub mehr, sagte der Wirth zum weißen Roß und wenn

wir nicht zu unserer Beruhigung sehen möchten, daß diese erbarmungs⸗ lose Rede an ein gemästetes Schwein von ganz wunderbarem Leibes⸗

umfang gerichtet war, das grunzend in dem halbgeleerten Futter

trog herumstöberte, so wären wir über die plötzliche Blutgier des

sonst so sanftmüthigen Mannes wohl nicht wenig erschrocken.He, Th'res, Rose, schaut Euch diesen Kapitalkerl an, Ihr seht ihn heut zum letzten Mal. Wen, meint Ihr, soll ich mir nehmen, daß er ihn mir morgen umbringen hilft?

Nu, den Köhler-Franz, denk' ich, sagte die runde Th'res und befaßte das arme grunzende Opfer wohlgefällig von allen Seiten, er ist uns halt am nächsten von den Fleischern und wenn ich dann zum Kaufmann geh', so kann ich gleich im Vorbeigehen fragen, ob er morgen zu uns kommen will.

Laß das nur, Th'res, sagte die Rosel und bückte sich tief, um das noch übrige Futter im Schweinetrog auf einen Haufen zu⸗ sammenzuscharren, eine durchaus unnöthige Arbeit, die sie sich machte, denn im nächsten Augenblick hatte das übellaunige Schwein den sorgsam aufgeschichteten Haufen wieder nach allen Seiten aus⸗ einander geworfen,laß das Th'res, ich denk, der Ton nimmt sich lieber dem Köhler seinen Bruder, den Fleischer-Vinz von drüben.

Der versteht seine Sache auch und wir sind gewiß, daß er kommt,

wenn's uns paßt.

Hast recht, Rosel, nickte der Bruder zustimmend,Du kannst

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