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Gefühl nicht befaßt, sollte es mir jetzt geoffenbart werden? Es schiene mir zu spät.“
„Sie haben Recht,“ sagte die schöne Frau nachdenklich und schlug den großen Fächer auf, den sie in der Hand trug.„Roland Hartenstein hat niemals geliebt, er zog es immer nur vor, sich lieben zu lassen. Aber wenn ich Ihnen rathen kann, gehen Sie jetzt nach Hause, mein Freund, Sie sehen abgespannt, gereizt und blaß aus. Außerdem dürften Sie befriedigt sein, Ihr Lorbeer hat neue Blüthen getrieben.“
„Und Sie fragen mich nicht einmal nach dem Urbild meiner Venus?“
Gräfin Olivia zuckte die Achseln.
„Weiß Gott, es interessirt mich so wenig.“
Mißmuthig war Hartenstein wirklich und er hätte doch nicht einmal zu sagen gewußt weshalb; oder vielmehr, er wollte es sich nicht recht eingestehen. Wenn er Marions frische, wunderbar faszi⸗ nirende Schönheit morgen in die Oeffentlichkeit führte, so hatte sein Bild, die Frucht so mancher arbeitsvollen Stunden, nur noch in zweiter Linie Reiz, immer und überall würde Marion im Vorder⸗ grund stehen. Das lebende Modell wurde die siegreiche Neben— buhlerin seines Bildes, auf das er so stolz gewesen. Er konnte einer bitteren Aufwallung nicht Herr werden bei dem Gedanken, und der Stachel, der seiner Eitelkeit eingedrückt, ließ sich nicht ent— fernen.
Verstimmt kam er nach Hause und trat bei den Frauen ein, in der leisen Hoffnung, durch Marion's Anblick seine Befürchtungen zu zerstreuen. Sie kam ihm halbwegs entgegen, betroffen blieb sie dann stehen.
„Roland! Es hat nicht gefallen. gefallen?“ fragte sie ängstlich.
„Du! Als ob es allein darauf ankäme!“— Er sprach mit spöttischer Geringschätzung; danu warf er den Hut auf den Tisch, blickte in Marion's dunkle Augen und fuhr in demselben Tone fort:
„Beruhige Dich übrigens. Ich habe einen großen Erfolg ge— habt. Ganz überdrüssig und ekelhaft ist mir all' das Weihräuchern geworden, ich bekam Lust, meine Pinsel zu verbrennen. Auch Dir, schöne Schwägerin, wird eine sensationelle Bewunderung nicht ver— sagt bleiben.“
Marion warf die Arme in die Luft und stieß einen Jubel— ruf aus.
„Also morgen, Roland, morgen wirst Du mich mitnehmen— Du hast mir's versprochen und hältst Dein Wort.“
Er nagte mit den Zähnen an der Unterlippe.
„Entbinde mich davon, wenn Du mir einen Gefallen thun willst.“
„Ich denke garnicht daran. Dein Wort mußt Du einlösen. Und dann Roland,“— sie kam schmeichelnd näher—„willst Du mir wirklich nicht das Vergnügen gönnen, Dich bewundert und gefeiert zu sehen, ich habe mich so sehr darauf gefreut.“
„Es ist gut,“ sagte er kurz nach einigem Zögern,„dann soll es dabei bleiben.“
In sein Atelier zurückgekehrt, ging er eine Weile ruhelos auf und ab. Seine Blicke irrten über die Entwürfe, die halb voll— endeten, in leuchtenden Farben prangenden Bilder, die mächtigen Kartons mit den gigantischen Schöpfungen seiner Phantasie. Ein mächtiges Triumphgefühl schwellte auf einmal seine Brust. Das alles war er, sein Genie hatte hier geschaffen, und er fürchtete die Rivalität eines kleinen Mädchens in der Gunst des Publikums! War er denn vorher bei Sinnen gewesen? Seine Eitelkeit berauschte sich auf Neue in der Erinnerung vergangener, der Hoffnung zu— künftiger Triumpfe und mit ungläubigem Lächeln fast blickte er auf das Gefühl des Neides zurück, das ihn beherrscht hatte, als er die Kunstausstellung verließ. War er nicht Roland Hartenstein, der Liebling der Goͤtter, der nichts unter dem Himmel zu fürchten hatte, am wenigsten ein Weib!——
Gottliebe hatte mit dem scharfen Blick der Liebe gesehen, daß Roland tiefer verstimmt war, als er zeigen wollte und daß ihm Marion's Festhalten an dem einmal verabredeten Plan unangenehm war, sie bemühte sich deshalb die Schwester davon abzubringen.
„Es kann Dir doch garnicht so viel an morgen liegen,“ begann sie in ihrer sanften Art und Weise, als Hartenstein gegangen.
„Wähle einen anderen Tag, Roland scheint mir matt und an—
Ich habe den Leuten nicht
gegriffen.“
Zornig fuhr Marion herum.
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„Spare Dir immerhin Deine Ermahnungen, Gottliebe, sie sind nutzlos. Matt und angegriffen sagst Du? Uebellaunig ist er, nichts weiter. Ich habe nicht die geringste Lust, mich in dieselbe Sklaverei ihm gegenüber zu begeben wie Du, die Du kaum zu athmen wagst, um ihm nicht zu mißfallen. Dies Eingesperrtsein bei Euch habe ich jetzt nachgerade gründlich satt, und geht er nicht mit mir, gehe ich allein.“.
„Roland hätte mehr Rücksichten Deinerseits verdient,“ meinte Gottliebe vorwurfsvoll. g
„Bah! Weißt Du, was er im Grunde seines Herzens ist? Ein Despot! Ein Tyrann, der nichts anderes kennt als sich und noch einmal sich.“
„Du urtheilst hart, Marion.“
„Aber gerecht. Wir wollen einmal sehen, wessen Wille härter ist, meiner oder der seinige.“
Gottliebe war im tiefsten Herzen erschrocken über der Schwester Worte; wenn sie so schroff über Roland zu urtheilen vermochte, konnte nicht ein Funken Liebe für ihn in ihrem Herzen wohnen, denn die Liebe, die Gottliebe allein kannte, die duldet alles, glaubt alles, hofft alles.
Ihr allein fiel eine Last von der Seele, als sie Roland am nächsten Morgen heiter lächelnd und augenscheinlich in bester Laune eintreten sah, um Frau und Schwägerin zu einem Gang in die Kunstausstellung abzuholen. Er bot Marion den Arm, als er die Säle betrat und weidete sich augenscheinlich an dem Aufsehen, das sie erregte.
„Das Modell!“ hörten sie ringsum flüstern.„Die Venus!“ Und Marion erröthete vor Vergnügen und drückte den Arm ihres Schwagers. Aber es kam noch besser. Herren, die bisher vor seinem Bilde in bewunderndem Anstaunen gestanden, drehten sich jetzt ab und starrten in das reizende Mädchengesicht. Leute, die er nie gekannt, kamen wie alte Bekannte auf ihn zu, begrüßten ihn freundschaftlich und drängten sich um die Dame an seinem Arm. Jeder Blick, jeder Ausruf, jedes bewundernde Wort galt heute Marion statt der gemalten Venus.
„Das muß ich gestehen, Meister,“ sagte Jemand, der zu ihm trat.„Ein solches Modell schließt das Nichtgelingen einer Schöpfung von selber aus, hätte sie auch kein Hartenstein geschaffen. Ich weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Natur, die so Köstliches hervorbringt, oder das Glück, daß Ihnen in guter Stunde diese Offenbarung wurde.“
Und wohin er auch hören mochte, immer die Variation desselben Thema. Während er noch das Kunstwerk schuf, hatte er diese Stunde kommen sehen und in seiner Eitelkeit gern dabei verweilt, gehörte Marion, die Gefeierte, Bewunderte, doch zu ihm und seinem Hause. Aber in Wirklichkeit schien ihm jetzt Alles ein anderes Gepräge zu tragen; es kam ihm vor, als stand sie nicht mehr neben ihm, wo er sie hinaufgehoben, sondern als hätte man sie über ihn hinausgehoben und ihn dadurch um sein gutes Recht verkürzt.
Jene verächtliche Bitterkeit, die er schon gestern gefühlt, be⸗ mächtigte sich seiner wieder, er ließ Marion's Arm los, die bereits von einem Schwarm seiner Bekannten umringt war, und trat von ihr weg vor das erste beste kleine Bild, das er scheinbar einer genauen Prüfung unterzog. Er zürnte Marion; sie schien es garnicht zu empfinden, daß sie ihm seine Hingabe, die Drangabe seiner herrlichen Kunst mit dem bittersten Undank vergalt, wie er meinte, daß sie kein Wort, keinen Blick für denjenigen zu haben schien, der sie doch eigentlich erst zu dem gemacht, was sie jetzt war, und den man ihretwegen vergaß.
Ja, völlig vergessen, unbeachtet stand der sonst so maßlos Ge— feierte vor dem kleinen Bild, dessen Sujet er nicht einmal ahnte, und mit dem ihn die Welt beschäftigt glaubte. Das also war Ruhm! Das die Gunst des Publikums, das endlich der Lohn des Genies, das seinen Pinsel in den Sold der Menge stellte! Er hätte laut auflachen mögen vor Hohn und bittrer Selbstironie. Aber er knirschte nur mit den Zähnen im Stillen; es war genug, was er selber fühlte, Niemand außer ihm brauchte es zu ahnen. Er haßte Marion in diesem Augenblick, deren helles Lachen an sein Ohr schlug, er haßte die Welt, am meisten aber sein vergessenes Tannhäuserbild, das er am liebsten zerstört hätte, wäre es nur in seiner Macht gewesen. e.
„Roland!“— Er blickte sich uen. Der Saal war leer, alle seine Freunde und Bewunderer hatten ihn stehen lassen, um als
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