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und spinnen Sie irgend einen interessanten Roman um diese Be⸗
gegnung. Jetzt aber gehen Sie, ich bitte Sie darum. Ich freue
mich, Ihnen einen kleinen Dienst geleistet zu haben und wünsche
Ihnen für den übrigen Abend noch viel Vergnügen!“
„Tausend Dank,“ erwiderte Rosen herzlich und drückte ihre kleinen weißen Hände an seine Lippen.
Doch, zurückgekehrt in den Salon, schien das Fest allen Reiz für ihn verloren zu haben; die Stimmen der Gäste berührten ihn nach der zarten, weichen Sprache, welcher er soeben gelauscht hatte, scharf und unangenehm; und das schönste Gesicht im Saal verblaßte vor der zarten Anmuth des lieblichen jungen Mädchens. Er zog sich für den Rest des Abends zurück und fragte sich wohl hundert Mal, wer die reizende, kleine Fee wohl gewesen sein möge, die ihm das Schicksal in den Weg geführt hatte.
Am folgenden Tage herrschte ernste, trübe Stimmung auf dem Schloß— die Gräfin Linden war plötzlich heftig erkrankt, und die Gäste verließen das gastliche Haus. Auch Rosen blieb keine andere Wahl, als sich mit den Anderen zu verabschieden, so sehr ihn da⸗ nach verlangte, zu erfahren, wer seine kleine Wohlthäterin wohl war, von deren sauften, veilchenblauen Augen und anmuthig⸗-rosigem Gesicht er die ganze Nacht hindurch geträumt hatte.— b
Wenige Wochen später mußte Rosen zur Vertheidigung seines Vaterlandes in den Krieg gegen die Franzosen ziehen, und in der Aufregung dieses kriegerischen Lebens blieb ihm nicht Zeit, der reizenden kleinen Unbekannten viel zu gedenken, die ihn einst so entzückt hatte.
In der Schlacht bei Wörth ward er verwundet, zwar nur leicht, doch so, daß er für mehrere Wochen dienstunfähig wurde. Man brachte ihn nach der Besitzung des Barons von Remsbach, ein großes, altes Schloß, das offenbar schnell seinem Ruin entgegen⸗ ging. Der Garten war ungepflegt, die Statuen verfielen, die Sträucher und Büsche wucherten und ihre Zweige lagen ungehindert über die Wege. Und drinnen, im Innern des Schlosses, sah es nicht minder traurig aus. Die kostbaren Möbel und Tapeten waren verblichen und defekt, nur noch wenig Bedienstete waren im Schloß, und, wie Rosen zu Ohren kam, sollte der Baron von Remsbach tief in Schulden stecken.—
Als Rosen an einem schönen, sonnigen Tag durch den ver— wilderten Garten schritt, froh in dem Gedanken, sich nun bald wieder zu seinem Regiment begeben zu können, kam ihm ein junges Mädchen entgegen, das er auf dem Schlosse bisher nicht gesehen hatte.
Wo aber hatte er diese Augen schon gesehen?
Träumte er, oder war das wirklich dieselbe kleine Fee, die ihm auf dem Kostümball seinen Strumpf genäht hatte?—
„Guten Morgen, Herr von Rosen!“ begrüßte sie ihn mit dem reizenden Lächeln, dessen er sich so gut erinnerte.„Wie freue ich mich, Sie wieder so weit hergestellt zu sehen. Ich habe mich täglich nach Ihnen erkundigt, nur hatte ich bisher nicht das Ver—
gnügen, Sie zu sehen; hoffentlich haben Sie mich nicht ganz ver— gessen.“ „O nein!“ rief der junge Offizier lebhaft, indem er die kleine
Hand zurückhielt, die sie ihm so ungenirt hingestreckt hatte.
„Wie komisch, daß wir uns jetzt so ganz zufällig wiedersehen! Aber ich vergesse ganz, daß Sie mich noch nicht kennen— ich muß mich Ihnen jetzt wohl selbst vorstellen? Ich bin Wilna von Remsbach, die Tochter Ihres Wirthes.“
„So erfahre ich endlich nun den Namen der schönen Un⸗ bekannten, die mir auf dem Linden'schen Ball aus der großen Verlegenheit half! Wie oft habe ich selbst mich vergebens gefragt, wie Sie wohl heißen mögen.“ f
Selisam, wie viel diese Zwei, die einander bisher nur ein einziges Mal gesehen, sich zu erzählen hatten! Von diesem Tage an kannte der junge Offizier für seine völlige Genesung keine bessere Kur als eine Promenade durch den halb verwilderten Garten— selbst, wenn das Wetter feucht und unfreundlich war; meist wollte es der Zufall dann, daß er in den schattigen Gängen die schöne Tochter seines Wirthes traf und lebhaft plaudernd mit ihr weiterging.
Einst saßen die Zwei am Ende des schattigen Gartens auf einer halb von Ginster und Epheu umschlungenen Bank; sie mit leicht gerötheten Wangen, das blonde, leicht gelockte Haar zurückgestrichen von der edlen Stirn, die veilchenblauen Augen gleich Diamanten funkelnd, während seinen Zügen die Blässe der jüngst gehabten Krankheit einen neuen Reiz verlieh. Wilna hatte einen Strauß
köstlich duftender Veilchen gepflückt; sie zeigte Rosen ihre Schätze, und dieser neigte seinen Kopf leicht über den ihren, als plötzlich eine keineswegs sanfte Stimme sie erschreckte..
„Herr Lieutenant, es ist sehr leichtsinnig von Ihnen, sich als Rekonvaleszent dieser feuchten Luft auszusetzen. Und Du, Wilna, komm herauf zu mir, ich bedarf Deiner.“ 8
Mit halb ängstlichem Blick folgte diese ihrem Vater, der ihr téte-A-téte mit Rosen so unbarmherzig unterbrochen hatte.
Am nächsten Tage blieb Rosen allein auf seiner Wanderung
durch den Garten; und gegen Abend ließ Baron von Remsbach ihn auf sein Zimmer bitten. Er empfing den jungen Offizier mit ausgesuchter Höflichkeit und theilte ihm dann mit, daß eine Ordre für ihn gekommen sei, sich wieder zu seinem Regiment zu begeben; er bedauere sehr, einen so liebenswürdigen Gast so bald zu ver⸗ lieren, doch ließe sich nichts dagegen thun.
„Apropos,“ fuhr der alte Herr fort, vielleicht interessirt es Sie, zu hören, daß meine Tochter Wilna sich in allernächster Zeit mit einem entfernten Vetter von mir, Major von Pleyel, verloben wird. Es ist mir eine große Befriedigung, ihre Zukunft an der Seite eines allerdings älteren, aber hochehrenwerthen und reichen Mannes gesichert zu wissen.“
Rosen erstarb der wohl erwartete Glückwunsch auf den Lippen. Ein jedes Wort des alten Herrn war den Hoffnungen, die der junge Offizier zu hegen gewagt hatte, ein grausamer Schlag. So schnell er konnte, verließ er das Zimmer seines Wirthes wieder und ging, ein Opfer trübseliger Gedanken, erregt und ruhelos den schattigen Weingang auf und ab. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er das junge Mädchen von ganzem Herzen liebte, und aus einem deit⸗ weiligen Blick, einem Wort von ihr glaubte er hoffen zu dürfen, daß auch ihr Herz ihm warm entgegenschlage. Aber ach! was halfen ihnen jetzt diese schönen Träume? Er, ein junger Offizier, der nicht viel mehr sein Eigen nennen konnte als sein Gehalt und einen kleinen Jahreszuschuß seines Vaters, wie hätte er als Rival des reichen Grafen von Pleyel auftreten können, wo der Vater der Ge— liebten am Rande des Bankerotts stand. O, wie er den Fremden haßte, der den Preis, nach dem ihm selbst so verlangte, davon— tragen würde!
Als er an einem halbverfallenen Pavillon, der etwas vom Wege zurück stand, vorüberkam, drang plötzlich der Ton von unterdrücktem Schluchzen an sein Ohr— in der nächsten Minute stand er in dem Pavillon und schaute— Wilna's beide Hände in den seinen— mit einer ganzen Welt von Liebe und Liebeskummer in ihr von Thränen überströmtes schönes Antlitz nieder.
„Darf ich Ihnen nicht Glück wünschen zu Ihrer Verlobung?“ sprach er mit einem bitteren Klang in seiner Stimme.
„O nein, nein!“ rief sie abwehrend und erregt.„Ich bin so unglücklich! Aber was soll ich thun? Wir sind arm, sehr arm; und ich kann meinem Vater nicht den Kummer bereiten, nein zu sagen.“
„Lieben Sie irgend einen Anderen?“ fragte der junge Offizier, sie aufmerksam betrachtend.
Statt aller Antwort sank ihr schöner Kopf an seine Brust.
Am folgenden Tage verabschiedete sich der junge Offizier,— mit schwerem Herzen bei dem Gedanken, daß er Wilna vielleicht niemals wiedersehen würde; aber trotz der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe erfüllte das Bewußtsein, daß auch sie ihn liebte, seine Brust mit dem Gefühl stolzen Triumphes.
Es hatte ein scharfes Gefecht zwischen den Deutschen und Franzosen stattgefunden und, eine neue Attaque am folgenden Morgen erwar⸗ tend, blieben die Deutschen noch am Ausgange des kleinen Dorfes liegen. 5
Mit Einbruch der Nacht lagerte Rosen sich mit noch einigen Kameraden um ein schwaches Feldfeuer in der Hoffnung, ein paar Stunden schlafen zu können. i a
„Wenn wir in dieser bitterkalten Nacht nur etwas mehr zum Verbrennen hätten!“ meinte einer der Offiziere.„Berger, laufen Sie'mal nach dem rothen Haus da drüben und sehen Sie, ob sich da nichts Brennbares findet.“
Der Bursche gehorchte und kehrte bald mit einem Arm voll alter, verstaubter, werthloser Papiere und Schriften zurück.
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