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zu den 8
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
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Gießen, den 28. März.
1886.
Wilna.
Deutsch von Jenny Piorkowska.
Zu Ehren des jungen Grafen von Linden, der seinen Geburts— tag feierte, fand auf dem Landsitz der Familie, auf Schloß Linden, ein großes Kostümfest statt. Der schöne, alte Bau strahlte in hellstem Lichterglanz, alle Räume waren von einem Blumenduft er⸗ füllt, als wäre es Sommer und nicht Mitte Dezember; muntere Musik forderte zum Tanze auf, und von den Wänden schauten die Porträts verstorbener Familienmitglieder aus ihren Rahmen herab auf eine bunte Menge von Feen, Dämonen, Rittern und Edel— damen.
Unter den Kapalieren stach ganz besonders ein hübscher junger Mann von schlanker vornehmer Gestalt hervor, der in seinem eleganten Kostüm aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten die schönsten Augen im Saale auf sich zog. Er trug ein Wams von purpurnem Sammt, lilaseidene Strümpfe, gelblederne Schuhe, einen schwarzen Sammtmantel mit weißem Atlas gefüttert, einen Federhut und ein juwelengeschmücktes Schwert.
Eben tanzte er, Konrad von Rosen, mit einer reizenden, kleinen Elsässerin Quadrille, und war in lebhafter Unterhaltung mit der⸗ selben begriffen, als ihm plötzlich Jemand auf die Schulter klopfte und ihm leise zuflüsterte:
„Machen Sie sich so bald als möglich aus dem Staube— Sie haben einen langen Riß im Strumpfe!“
„Schändlich!— er, der Held des Balles, sollte zum Gespött der Gesellschaft werden. Da war's mit einem Mal vorbei mit seiner Heiterkeit; die kleine Elsässerin machte ein ärgerliches Gesicht und zuckte verächtlich ihre hübschen Schultern, als ihr letzter Scherz taube Ohren traf. Gleich einem Märtyrer tanzte der arme Rosen seine Quadrille zu Ende, in der nächsten Minute war er aber auch, hastig eine unverständliche Entschuldigung stammelnd, aus dem Saale verschwunden.
Der Diener, an den er sich wandte, wies ihn den langen Korridor hinab; da, am letzten Ende desselben, im letzten Zimmer zu seiner Linken, werde er eine Jungfer finden, die den Schaden an dem Strumpfe heilen werde.
Rosen, des Dieners Weisung folgend, trat in ein großes, nur matt erleuchtetes Zimmer. Er kam näher und war eben im Be⸗ griff, etwas zu sagen, als er, halb erstaunt, halb erschrocken, einen Schritt zurücktrat und die Lippen wieder schloß.
Dieses reizende Mädchen mit dem blonden Haar, das da im Halbdunkel saß, war sicher keine Jungfer; in dem hellblauseidenen Kleid, reich mit echten Spitzen garnirt, sah sie eher wie eine junge Fürstin aus. Sie konnte höchstens sechszehn Jahre zählen, und das zarte, edle Gesicht, welches sich über eine feine Handarbeit neigte, war so schön, wie Rosen wohl noch keines je gesehen hatte.
„O weh, hier bin ich in falsches Zimmer gerathen!“ sprach er leise vor sich hin, und wollte sich schnell, unbemerkt und ungehört
wieder entfernen, als er plötzlich strauchelte, und die junge Dame erschrocken den Kopf nach ihm wandte.
„Verzeihung!“ stammelte Rosen,„ich suchte nach der Jungfer. Ich wollte dieselbe bitten, mir einen Riß in meinem Kleid zu nähen; doch wie es scheint, verfehlte ich das rechte Zimmer.“
„O nein, Sie sind ganz richtig hier; ich schickte die Jungfer vor einer halben Stunde zu Bett, da sie sich unwohl fühlte. Könnte ich aber nicht das Gewünschte nähen?“ setzte die junge Dame mit reizendem Lächeln hinzu.
„O, danke; nicht um alles in der Welt möchte ich Sie be— mühen! Ich werde schon anderswo Jemand finden,“ entgegnete Rosen in einiger Verlegenheit.
Davon aber wollte die junge Dame durchaus nichts hören, und bevor er noch recht wußte, was sie that, hatte sie einen lila Seiden⸗ faden eingefädelt und kniete auf dem weichen Teppich, auf dem er stand, vor ihm nieder. Mit schneller, geschickter Hand besserte sie den Riß in dem Strumpfe aus.
„Wie sehr bin ich Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit verbunden,“ hub der junge Mann an,„ich hätte gewiß..“
„Eine solche Kleinigkeit bedarf doch keines Dankes,“ fiel die junge Dame ihm lächelnd ins Wort.„Jetzt können Sie zu der kleinen Elsässerin zurückkehren, mit der Sie schon den ganzen Abend kokettirten.“
„Wieso, haben Sie mich heute Abend schon gesehen?“
„Ich befand mich auf der Gallerie unter den Zuschauern. Meine Tante erklärte mich für zu jung, um an dem Feste theil zu nehmen— ist das nicht schändlich? Ich werde nächstens sechszehn Jahr und tanze für mein Leben gern!“
„O, das ist ja ganz unverzeihlich!“ rief Rosen lebhaft, als er in die veilchenblauen Augen schaute, die mit so bedauerndem Aus⸗ druck zu ihm aufsahen.„Beschreiben Sie mir Ihre Tante, und ich will nicht eher ruhen, bis ich sie gefunden und für Sie plä— dirt habe.“
„O nein, thun Sie das nicht, Herr von Rosen,“ sagte das junge Mädchen, Konrad's Aermel leicht mit: ihrer kleinen weißen Hand berührend,„das ganze Haus wäre in Aufruhr, wenn man erführe, daß Sie hier bei mir gewesen sind. Es ist freundlich, sehr freundlich von Ihnen, daß Sie sich meiner so annehmen wollen, aber jetzt ist es zu spät dazu.“
„Ich muß mich Ihrem Wunsche fügen,“ entgegnete Rosen galant. „Wie schmeichelhaft aber für mich, daß es Ihnen der Mühe lohnte, meinen Namen zu entdecken.“
„Nun möchten Sie gewiß auch gern wissen, wie ich heiße,— das aber sag' ich Ihnen nicht,“ sprach sie mit muthwilligem Lächeln, „nennen Sie mich Penelope, oder geben Sie mir den Namen irgend Einer, die fleißig bei der Arbeit ist, während Andere sich amüsiren,
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