Ausgabe 
28.2.1886
 
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Schramme. Wir können fortfahren.

lauten Kommandorufe:

Herr Frank sagte, daß er außerdem mit Ihnen noch eine alte Rech

nung, von Frankfurt am Main her, auszugleichen habe.

Von Frankfurt am Main? stotterte der Baron erblassend. Ich verstehe das nicht. Die Sekundanten zuckten die Achseln. Sie hatten den Sinn der Worte ebenso wenig begriffen.

Und weiter sagte er nichts? fuhr der Baron dann fort, dabei in seinen Erinnerungen herumstöbernd, um eine Aufklärung für die

Bemerkung seines Gegners zu finden.

Da bemerkten seine Sekundanten, wie er plötzlich erbleichte. Sollte dieser Herr Frank... murmelte er zwischen den Zähnen.Doch nein, nein, unterbrach er sich, seine Umgebung

vergessend und wie verloren in seinen Erinnerungen,der hatte einen anderen Namen, und dennoch...

Er verstummte und starrte in Gedanken versunken vor sich hin, bis ihn der Assessor

erinnerte, daß die Vorbereitungen beendet seien.

Die geringe Entfernung von fünf Schritten war abgesteckt und

durch dürre Baumzweige markirt. Die Waffen, glattläufige Pistolen,

wurden geladen und den beiden Duellanten gegeben. Baron Grüner affektirte nicht mehr seine nachlässige Haltung. Er hielt zwar noch immer die Cigarre zwischen den Lippen, doch war ihr Feuer erloschen. a i

Frank hatte in der Rechten die Pistole, in der Linken sein Taschentuch, das er gegen den Mund drückte, um einen Hustenreiz zu unterdrücken. i

Er sah so ruhig aus wie im Cafe hinter seinen Zeitungen.

Nur als der Baron seinen Platz einnahm und den Lauf seiner

Waffe betrachtete, flog ein drohender Blick aus seinen Augen hin⸗ über zu dem Gegner, scharf, schneidend, tödtlich. Ich weiß nicht, ob auch die Anderen diesen Blick sahen, der der Kugel voraneilte. Hatten sie ihn bemerkt, so sagte er ihnen, daß sie nicht auf eine Großmuthsszene rechnen durften, daß Frank vielleicht, nachdem er den Baron unter der Mündung seiner Waffe hatte beben sehen, in die Luft feuern würde! Es war Alles fertig. Der Unparteiische nahm seinen Platz ein. g

Frank drückte mir und dem Kurhessen noch einmal die Hand, die Augen des Barons starrken mit einem unheimlichen, entsetzten Ausdruck auf seinen Gegner. Wenn die beiden Gegner ihre Arme gerade ausgestreckt hätten, so würden sich die Mündungen ihrer Pistolen berührt haben, so gering war der Abstand. 5

Fertig! kommandirte der Unparteiische mit halblauter Stimme.

»Lautlose Stille lag über der Wiese und dem Wäldchen.

Feuer!

Ein Schuß krachte, die beiden Staare flogen erschrocken auf, eine dünne Pulverwolke zerflatterte in der Morgenluft.

Schlechte Munition, murrte Frank, dem Unparteiischen seine Pistole zurückgebend,das Zündhütchen hat versagt. Dabei drückte er sein Taschentuch gegen die linke Halsseite.

Der Baron hielt sein rauchendes Pistol gesenkt in der bebenden

Hand. Er sah verstört aus. Ja, seine Hand hatte gezittert, sonst.

wäre Frank verloren gewesen. So hatte die Kugel nur Franks Hals gestreift, wie wir bemerkten, als dieser das Tuch auf einen Augenblick entfernte. 5 Der Arzt untersuchte die Wunde. i O, es ist nichts, lächelte Frank verächtlich,eine leichte Er sagte es, als handele es sich um eine Partie Billard. Die Sekundanten des Barons meinten indessen, es sei genug die Ehre gesühnt.. Die Ehre! rief Frank, und eine dunkele Röthe schoß über sein bleiches Gesicht.Glauben Sie, meine Herren, ich bin ge kommen, um hier einen Ehrenhandel auszufechten? Der Herr Baron hat meine Bedingungen angenommen, Kugelwechsel, bis einer der Gegner kampfunfähig wird. Ich bin es nicht. Sollte es vielleicht der Herr Baron sein? Er sieht allerdings sehr blaß aus. Der versteckte, aber beißende Spott dieser Worte trieb dem Baron alles Blut nach dem Gesicht. N Meine Herren, ich bitte, rief er mit einer Stimme, die rauh und heiser klang,keine unnöthigen Bemühungen. f Die Sekundanten sahen, daß jede weitere Vermittelung über flüssig war. f. Die Waffen wurden wieder in Stand gesetzt. Dieselbe bange Stille, wie beim ersten Gang, dann rasch hinter einander die halb Fertig! Feuer!

Zwei Pulverblitze, ein fast gleichzeitiges Krachen der Pistolen, das durch die feuchte Nebelluft gedämpft wurde, ein unterdrückter dumpfer Aufschrei, ein schwerer Fall und der zweite Gang war vorüber. Richtiger, es war Alles vorüber.

Wieder wogten ein paar dünne Rauchwölkchen über den fahlen,

braungrünen Rasen, auf welchem der Baron lag, den Oberkörper etwas erhoben und die rechte Hand in die Seite gestützt, schwer athmend, die Augen halb geschlossen.

Frank stand aufrecht, seine Waffe hatte er bei Seite geworfen. Sein Gesicht sah noch einen Schein bleicher aus wie sonst. Aber in seinen Augen war weder Mitleid noch Bedauern über das Ge⸗ schehene zu lesen. Nur eine gewisse Spannung drückten seine Mienen aus.

Der Arzt untersuchte, unterstützt von den Sekundanten des Barons, die Wunde des Letzteren. rechten Achselrings eingedrungen. Man sah einen kleinen bläulichen Flecken und wenige Blutstropfen. Von Weste und Hemd waren einige Fetzen in die Wunde eingedrungen. Die Untersuchung war schmerzhaft der Baron biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten.

Die Kugel wurde nicht gefunden.

Der Doktor legte einen Noth verband an. Unterdessen kam der

Wagen des Barons heran und man hob den Verwundeten langsam

und vorsichtig hinein. 5

Ist die Wunde gefährlich? forschte der Kurhesse den Doktor leise aus, während die Sekundanten des Barons zu diesem in den Wagen stiegen. f

Der Arzt zuckte die Achseln.Der Schulterknochen ist verletzt und es kann Blutvergiftung eintreten, wenn die Kugel sich tiefer senken sollte! 1

Frank hatte die letzten Worte gehört.

Mit einem bitteren, ironischen Lächeln wandte er sich nach mir und dem Kurhessen und sagte halblaut, dem langsam fortrollenden Wagen nachsehend:.

Dem Einen vergiftet man das Leben durch schändliche Ver dächtigung und Angeberei, dem Andern das Blut durch eine bleierne Kugel. Was ist schlimmer? Doch der dort wird Niemand mehr

todtschlagen und Keinem mehr das Leben vergiften, fügte er hinzu,

dem Wagen des Barons elnen drohenden Blick nachsendend.Aber wenn ich bitten darf, meine Herren, so steigen wir ein, setzte er mit nervöser Ungeduld hinzu,ich fühle... Er vollendete nicht. Sein Gesicht entfärbte sich, er fuhr mit dem Taschentuch gegen den Mund, an welchem sich einige blutige Schaumperlen zeigten. Der Arzt, der im Begriff war, dem Wagen des Verwundeten nachzueilen, sprang hinzu und fing den Schwankenden in seinen Armen auf.

Geben Sie mir den Flacon da, rief der Doktor uns hastig zu, auf den kleinen Medizinkasten, der noch auf dem Rasen stand, deutend. 5

Der Kurhesse reichte ihm denselben, aber noch ehe der Arzt ihn an den Mund Franks bringen konnte, entquoll ein starker Blutstrom dessen Brust. 8

Das ist der Tod, flüsterte der Kurhesse bei dem Anblick dieses erbleichenden Gesichts und der geschlossenen Augen.

Der Arzt antwortete nichts.

Holen Sie die Decke aus dem Wagen, raunte er dem Kur⸗ hessen zu, während er und ich den Sterbenden in den Armen hielten. Die Decke wurde auf dem Rasen ausgebreitet, und wir ließen Frank langsam niedergleiten. 5

Der Doktor wischte ihm wiederholt das Blut vom Mund und suchte ihm etwas Essig einzuflößen, der rothe Lebensstrom aber kam nicht ins Stocken.

Es ist vergebens, murmelte der Arzt,eine große Arterie ist zerrissen..

Ein Sonnenstraͤhl drang durch den grauen Nebelschleier, der noch an den Spitzen der Bällsze hing und huschte über die nassen Gräser, an denen tausend Perlen glitzerten. Ein paar Krähen flogen hoch oben unter den Wolken mit lautem Schrei dahin.

Der Sterbende schlug die Augen auf. Er rang nach Luft. Das Blut sickerte nur noch in einzelnen Tropfen über die blassen Lippen.

Die Vögel fliegen mir voran, flüsterte er kaum hörbar.Ich folge meinem alten treuen Freunde bald. Er wird sich freuen. Ich danke Ihnen. Es ist wie in der Nacht vor Friedericia. Ein Schauer, ein Strecken der Glieder und es war zu Ende. Tief

Die Kugel war unterhalb des