Ausgabe 
28.2.1886
 
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zu leben, in seinem treuen Thier seinen besten Freund finden konnte, dessen grausamen Tod er blutig zu rächen entschlossen war.

Punkt sieben Uhr Morgens am andern Tag hielten wir mit einer Droschke vor dem Hause Franks. Wir trafen ihn beim Kaffee und er lud uns ein, an seinem einfachen Frühstück Theil zu nehmen. Frank sah angegriffen und überwacht aus, im Uebrigen war er ruhig und heiter. 5

Ich habe wenig und schlecht geschlafen, sagte er,habe bis gegen Mitternacht geschrieben und als ich mich zu Bett legte, quälten mich Brustschmerzen und Husten, so daß ich nur einige Stunden Ruhe fand. Indessen, das schadet nichts, fügte er mit einem sanften Lächeln bei,ich werde bald Zeit haben, Alles nach zuholen.

Die Anspielung war verständlich und der Kurhesse versuchte, ihm den Gedanken auszureden. Auch machte er noch einmal den Versuch, Frank von den scharfen Duellbedingungen abzubringen. Doch dieser wollte von alledem nichts wissen.Ich habe meinen Freund zu rächen, murmelte er.

Wir stiegen in den Wagen, es war halb acht Uhr.

Nach dem Fasanenwäldchen! rief der Kurhesse dem Kutscher zu und vorwärts ging es durch die noch stillen Straßen der Vorstadt in den winterlichen Morgen hinein, in welchen die Frühsonne einen blassen kalten Schein warf. Es war kälter als am vorigen Tage.

Die kahlen Bäume und blätterlosen Gesträuche waren mit weißem starken Reif überzogen, über der Landschaft selbst aber lag ein grau silberiger Nebelschleier, durch dessen Maschen hie und da ein schwacher Sonnenstrahl schlüpfte, der an den Aesten und Zweigen tausende von Krystallen aufblitzen ließ. Ringsum tiefe Stille. Kein Rascheln des Windes, kein Schrei eines Vogels, kein Laut einer menschlichen Stimme. Selbst die Räder unseres Wagens rollten fast unhörbar auf der flachen Landstraße dahin.

Wie im Traumschlaf lag Alles; hinter uns die große Stadt mit den in der Morgensonne blitzenden Thurmkuppeln, ringsum Feld, Wald und Busch. N

Da bog die Landstraße nach einem Seitenweg ab. Er führte zu dem Fasanenwäldchen.

Wir hatten uns doch etwas verspätet. Unser Gegner war mit seinem Sekundanten und einem Arzt schon zur Stelle. Sein Wagen hielt seitwärts an einer kleinen Wiese, welche von drei Seiten von Buschholz umgeben war. Die Pferde dampften noch von der schnellen Fahrt und pusteten ihren heißen, dampfigen Athem in die kalte Morgenluft hinaus.

Wir begrüßten unsere Gegnerpartei. Nur Frank nahm von dem Baron keine Notiz, sondern ging, das Taschentuch vor den Mund haltend, auf dem gefrorenen Rasen auf und nieder, die Augen hinein in den Wald gerichtet, dessen Baumstämme, von silbernen Spinnfäden umwoben, hell glitzerten. Der Baron warf einen scheuen Seitenblick auf seinen Gegner. Ich sah, wie der große starke Riese mit dem dunkelgefärbten Gesicht und dem dichten rothblonden Schnurrbart, erbleichte, als er die Gleichgültigkeit Franks bemerkte. Diese an Unempfindlichkeit streifende-Ruhe Franks hatte sichtlich etwas Unheimliches für ihn. Plötzlich bemerkte der Baron, daß ich ihn beobachtet. Er suchte nun auf einmal ein sorgenloses unbekümmertes Wesen herauszustecken. Er zog sein Cigarren Etui, brannte sich eine Havanna an und ging, ein Liedchen trällernd und leicht mit den Fingern schnippend, auf und nieder. Aber es entging weder mir, noch meinem Freunde, daß hinter dieser affektirten, gleichgiltigen Haltung sich eine innere, nervöse Unruhe verbarg. i

Die Sekundanten des Barons, der Assessor und ein Offizier, machten noch einen Versuch, Frank zu milderen Bedingungen zu bestimmen, und wir schlossen uns ihren Bemühungen an, obwohl wir voraussahen, daß es fruchtlos war.

Frank hörte die Herren und uns ruhig an. er den Kopf.

Es geht nicht, meine Herren, antwortete er, während aus

Dann schüttelte

seinen blauen, fieberhaft leuchtenden Augen ein Blitz hinübersprang

zu dem am entgegengesetzten Wiesenrand auf und ab gehenden Baron, der Herr Baron hat meinen besten Freund erschlagen und außer⸗ dem, ich habe eine alte Rechnung mit ihm von Frankfurt am Main her auszugleichen.

Sie kennen den Baron? fragten die Sekundanten Grüner's,

Baron.

ebenso überrascht, wie wir es gestern waren. Frank aber schnitt i

jede weitere Erklärung ab. 2 f 8 Ja, ich kenne ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß wir un⸗ versöhnliche Gegner sind. Ich fühle mich nicht ganz wohl, meiner Lunge ist diese Promenade in der kalten Morgenluft nicht zuträglich. Erledigen wir rasch unsere Angelegenheit. 5. g Die Herren verbeugten sich stumm und gingen hinüber zu dem Nur der Arzt blieb in unserer Nähe. 5. Zu ihm wendete sich Frank, der auffällig blaß während der letzten Minuten geworden war. N Herr Doktor... 2 fragte er, den Hut lüftend. Doktor Schrader, ergänzte der Arzt, Frank's Gruß erwidernd. Haben Sie vielleicht etwas Essig bei sich? fügte Frank hastig hinzu.Ich habe einen faden, süßlichen Geschmack im Munde.

Es ist bei mir immer der Vorbote, daß meine Lunge rebellisch wird.

Sie leiden an Blutstürzen, sagte der Arzt, einen prüfenden Blick auf Frank werfend und dabei ein Besteck aus seinem Flacon ziehend,hier, nehmen Sie das! und er gab Frank ein Stück Zucker, auf welches er ein paar Tropfen konzentrirte Citronensäure geträufelt hatte. 5 a.

Es ist nur eine Galgenfrist, lächelte Frank,aber sie genügt, um diesen Handel zum Abschluß zu bringen, und er deutete auf die andere Gruppe, die sich jetzt uns näherte.

Der Baron hatte zwar noch die Cigarre im Munde, aber aus seinem Gesicht war jedes Atom Blut verschwunden. Er sah asch⸗ farben aus, wie das böse Gewissen, und seine Blicke ruhten mit sonderbarem Ausdruck auf Frank, der, das Taschentuch vor den Mund haltend, zu ein paar hohen Birken hinaufsah, auf deren dünnen schwanken Zweigen ein paar Vögel saßen, ein paar vor⸗ witzige Staare, Quartiermacher der großen Zugvogelarmee aus dem Süden.

Sie schienen verdutzt über den kalten, winterlichen Empfang, ägerlich über sich selbst, daß sie zu früh aus den warmen Ländern nach der nordischen Heimath aufgebrochen waren. Sie saßen still mit aufgepustetem Gefieder da und sahen verdrießlich vor sich hin.

Es geht den armen Burschen wie mir, lächelte Frank,sie haben drüben am Tschad⸗-See das Heimweh nach Deutschland be⸗ kommen, wie ich am Mississippi. Eine sonderbare Krankheit, über deren Ursprung ich oft nachgesonnen habe, ohne dadurch in's Klare zu kommen. Die Sache ist um so wunderbarer, da es uns Deutschen, die wir vorzugsweise an der Krankheit leiden, wahrlich nicht so gut im Vaterlande geht, daß wir uns nach ihm deshalb sehnen.

Ein Schwarm von Dohlen und Krähen flog laut schreiend über den Wald. Die Staare sahen, verwundert über die lustigen Kumpane, zu ihnen empor, als wollten sie fragen:Warum seid Ihr schwarzes Volk so fidel bei der Kälte und den Schneewolken droben?

Ich wüßte nicht, wandte sich Frank, dem Flug der Vögel mit den Augen folgend, zu mir, und auf seinen Mienen erschien ein frohes Lächeln, das mich an die Heiterkeit eines gutherzigen Kinder⸗ gesichts erinnerte,welcher Ton für mich einen größeren Reiz hätte,

als der fröhliche Schrei eines Vogels, der in stiller Frühe unter

dem Himmel dahinstreicht. Es ist ein Urlaut, der Schöpfung, den ich zu vernehmen glaube. Es ist Gott, dessen Stimme ich aus

Denn er war es, der ihnen den lebendigen Odem einblies, wie aller Kreatur. Ich weiß, was Sie sagen wollen, wandte er sich gegen den Kurhessen.Sie wollen mir von der neuen Theorie des Engländers, des Nr. Darwin, sprechen. Thun Sie es getrost. Sie kommen mit Darwin wie mit Laplace nur bis an die ersten Keime des Lebens. Ueber den Ursprung des Lebens selbst kann weder der Eine noch der Andere Ihnen Aufschluß geben. Sie sind aber auch viel zu klug, es thun zu wollen, das thun nur die Halbwisser.

Während Frank in dieser Weise sich ruhig, als befänden wir uns auf einem Spaziergang, unterhielt, hatte sich bei unseren Gegnern, wie wir später erfuhren, eine andere kurze, aber bedeutungsvolle Szene abgespielt.

Die Sekundanten des Barons hatten diesem die entschiedene Weigerung Franks, mildere Kampfbedingungen anzunehmen, mit⸗ getheilt. 5 8

Wir hielten es für unsere Pflicht, erklärte der Assessor,noch einen Versuch zu machen, um einem Zweikampf vorzubeugen, der für beide Theile nur tödtlich sein kann. Aber es war umsonst.

dem Geschrei der Vögel höre.

Also, wenn ich bitten darf, meine Herren!

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