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zu den
Gberhessischen Hachrichteen.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Mr. 9.
Gießen, den 28. Februar.
1886.
Hein bester Freund.
Novelle von Karl Wartenburg. (Fortsetzurg und Schluß.)
„Heit diesem Briefe erhielt ich keine weiteren Nachrichten aus der Heimath. Meine Briefe an den Postmeister blieben unbeant— wortet, die Meinigen hatten nie etwas von sich hören lassen. Endlich, als der Zug der Sehnsucht nach dem alten Vaterlande unwider— stehlich wurde und ich mik Findling aus dem Westen in New— York ankam, um mich hier nach Europa einzuschiffen, erfahre ich durch die„Nachrichten aus Deutschland und der Schweiz“, ein Organ, welches hauptsächlich Familiennachrichten bringt, daß der Postmeister gestorben sei. Jene dunkle Ahnung, die ihn durch— schauerte, als er mit mir auf Wiedersehen in dem freien und ge— einigten Vaterland anstieß und sein Glas dabei zerbrach, hatte sich erfüllt. Gleichzeitig erfuhr ich den Tod meines Vaters. Ob er mit mir versöhnt gestorben, weiß ich nicht.“ Frank hielt, vom Sprechen erschöpft, inne und blickte hinaus auf den Hof.
„Und Iduna, die Baronin von Grüner?“ fragten wir Beide.
„Die Baronin von Grüner?“ wiederholte er mit einem ironischen Lächeln.„Alsbald nach meiner Ankunft in Deutschland erkundigte ich mich nach ihr bei einem Universitätsfreund, der in Berlin, dem letzten mir bekannten Wohnort der Baronin, als Arzt lebt. Vor wenigen Wochen erst erhielt ich seine Auskunft. Die Nachricht war in gewisser Hinsicht tröstlicher, als ich nach dem Briefe meines guten Postmeisters erwarten konnte. Möglich, daß die Baronin anfänglich über die Lebensweise ihres Mannes sich etwas unglücklich gefühlt hat. Jedenfalls hatte sie das bald überwunden. Bei solchen Naturen pflegen derartige Unbilden nicht tief zu verletzen. So lange sie ihrer Eitelkeit fröhnen, kokettiren können, geht ihnen anderes Ungemach nicht sehr zu Herzen. Die Baronin wußte sich zu trösten. Sie hatte eine Menge Anbeter, ging jährlich nach Baden-Baden oder Ostende, wurde in den letzten Jahren sehr stark und starb vor einem halben Jahre an Fettherz— der bekannten Krankheit der männlichen und weiblichen Bonvivants.“
„Haben Sie, seitdem Sie nach Deutschland zurückgekehrt sind, Ihre Vaterstadt und die Ihrigen wiedergesehen?“ fragte mein Freund.
„Nein,“ antwortete Frank.„Meine Verwandten hatten auf— gehört, die Meinigen zu sein, als sie mich von sich stießen. Was hatte ich mit ihnen noch gemeinsam? Den Zufall der Abstammung! Aber nichts, was ich die geistige oder seelische Brüderschaft nenne. Sie hatten sich von mir losgesagt, weil ich anderer politischer Mei— nung war. Das hätte ich ihnen verziehen. Aber sie opferten mich auch ihrer Selbstsucht. Sie wollten nichts mehr von mir wissen, keine Gemeinsamkeit mit mir haben, weil sie glaubten, daß dies ihrem Fortkommen schade. Meine Vaterstadt wiederzusehen hatte ich noch andere Bedenken. Der Steckbrief, den man hinter mir losgelassen hatte, ist heute noch nicht zurückgenommen. Noch heute
verfolgt werden. Darum ließ ich mich hier nieder, um die wenigen Jahre, die mir noch beschieden, im friedlichen Stillleben mit meinem treuen Freund zu verbringen. Das feindselige Geschick, das mich so oft verfolgt hat, wollte es anders. Es führte mich mit jenem Baron Grüner zusammen, der schon einmal eine so verhängnißvolle Rolle in meinem Leben gespielt hatte,— und das Uebrige wissen Sie. Ich glaube an keinen Zufall, weder im Leben der Völker, wie in dem der einzelnen Menschen. Nehmen Sie an, daß im Leben der Menschheit wie in dem der Völker und der Einzelnen das blinde Ungefähr herrscht, der täppische oder kluge Einfall des Augenblicks, mit einem Wort: der Zufall, dann muß man jede Entwickelung nach bestimmten Zielen leugnen, Alles von der Laune eines unberechenbaren Etwas abhängig machen. Nehmen Sie aber den bestimmenden Einfluß höherer Gewalten und Gesetze für das Ganze an, so müssen Sie dies auch für den Einzelnen annehmen, denn die Schicksale der Menschheit werden bestimmt durch das Wollen und Thun der Einzelnen. Darum habe ich auch nie zu jenen Enthusiasten gehört, die für die Menschheit schwärmten, aber an dem Schicksale des Einzelnen kalt und theilnahmlos vorübergingen. Das Loos des Einzelnen lindern, heißt das der Menschheit verbessern; denn aus Einzelnen setzt sich die Menschheit zusammen.“
Er schwieg. Seine Erzählung hatte uns mächtig erregt und ihm unsere ganze Sympathie gewonnen. Es war ein Mann, der für seine Ueberzeugungen alles das eingesetzt hatte, was die Welt die Güter des Lebens nennt. Solche Männer sind selten, es sind die Edelsten der Menschheit.
„Und nun meine Herren“, schloß Frank, uns die Hände zum Abschied entgegenstreckend,„wissen Sie, wem Sie morgen einen letzten Dienst erweisen. Das Sprechen hat mich angegriffen, ich bedarf jetzt der Ruhe. Aber es ist mir wohl um's Herz. Wenn ich morgen falle und man mich verunglimpfen sollte, so wissen Sie, wer ich war und werden nicht dulden, daß man den Namen eines Mannes beschimpfen wird, der vielleicht vielfach irrte, der aber sein Vaterland und seine Ueberzeugung mehr liebte als alles Andere. Und nun nochmals meine Herren, gute Nacht und auf Wiedersehen morgen.“
Wir schüttelten ihm die Hände und gingen bei dunkelndem Abend wieder hinein in den ewig drängenden, geräuschvollen Ver— kehr der innern Stadt, deren Gaslicht uns durch feinen Schneenebel entgegenleuchtete. Wir schritten stumm nebeneinander unter dem Eindruck der eben gehörten Lebensgeschichte. Es war uns verständlich geworden, wie dieser Mann, angewidert durch die Kleinlichkeit, Engherzigkeit und Selbstsucht der Menschen, enttäuscht durch den traurigen Ausgang einer großen und idealen Bewegung und ge—
zwungen, fern vom Vaterlande in den einsamen Prairien Amerikas
kann ich wegen Betheiligung an dem Frankfurter Septemberaufstand
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