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widerstanden, sah manchen deutschen Kaiser und hohen Prälaten durch seine Hallen ziehen. Die Spitze jenes Berges aber, der das köstlichste Rebenblut des ganzen Rheines hervorbringt, krönt das Schloß Johannisberg. Die Fürsten Deutschlands schenkten dem Diplomaten Metternich diese steuerfreie Besitzung dafür, daß er ihnen ihre Throne und Thrönchen, dem deutschen Volke aber ein zerstücktes und zerrissenes Vaterland gab.
Rheinabwärts liegt eine der stolzesten Burgen des Rheins, jener Rheinstein, dessen Abbild wir dem Leser in unserer heutigen Nummer vorführen. Bekanntlich ergriff nach der sogenannten Restauration ein Hang zur Romantik die deutschen Gemüther. Da die Jugend ihre politischen Ideale nicht verwirklicht sah, so wandte sich ihr Sehnen der Vergangenheit zu. Die Dichter besangen die Helden des nebelhaften Mittelalters, man begeisterte sich für Burgruinen, Klöster und Gräberfunde und reiche Fürsten ließen auf den hohen Felskuppen die halbzerstörten Burgen des Mittelalters schöner wieder— erstehen, als sie je zuvor gewesen. Im Jahre 1825 ließ der in Düsseldorf residirende Prinz Friedrich von Preußen die Ruinen des Rheinstein in mittelalterlichem Style wieder aufbauen. Auf einem kühn und steil aufragenden Felsen erheben sich die zackigen Mauer— kronen und Thürme der Burg hoch über die grünen Wipfel jener Wälder, welche die Ausläufer des Hundsrück bedecken. Epheu und wilde Reben umschlingen die mächtig aufstrebenden Thürme und in den Hallen und Sälen dieses Prachtbaus befindet sich eine der aus— erlesensten Sammlungen mittelalterlicher Waffen und Prachtgeräthe, die wir in Deutschland besitzen. Fenster mit reichen Glasmalereien, geschnitzte Betstühle, reiche Trinkgefäße und Skulpturen mancherlei Art verstärken die Illusion, daß wir uns in einer Burg aus der Zeit der Kreuzzüge befinden. Wer auf schwindelnden Treppen zu dem höchsten Wartthurm hinaufzusteigen wagt, vor dessen Augen entfaltet sich ein Panorama, wie es großartiger und schöner kaum in einem andern Theile der Welt gefunden wird. In der Tiefe rauscht der Strom durch jene Felsen, welche man als das Binger Loch bezeichnet. Hier zog der Strom bekanntlich eine Menge größerer und kleinerer Fahrzeuge in seine Strudel, bis die Regierung durch Kanonenschüsse die Felsen und Riffe, soweit es der niederste Wasser— stand zuließ, zu beseitigen suchte. Eine ernstliche Gefahr für die Rheinschiffe bietet heute das Binger Loch nicht mehr, aber noch immer dringt das Brausen und Rauschen der Strudel zu den Ufern herüber und mahnt uns an die Gefahren, welche der Strom beim Eisgang oder bei hohem Wasserstand den Bewohnern des Thals bietet. Und vom Rheinstein herab sieht man auch den Mäusethurm, von dem die Sage behauptet, daß derselbe einst die Kornvorräthe des Bischofs Hatto verschlossen habe. In Wahrheit ist der Name dieses Thurmes, der auf einer Insel mitten im Rhein steht und daher zur Ueberwachung und Absperrung des Stromes mit Nutzen verwandt werden konnte, aus der Bezeichnung Mauthsthurm ent— standen. Der Mäusethurm war zuverlässig eine Zollwarte, denn alle die kleinen Herren, welche in der guten alten Zeit am Rhein regierten, suchten den Handel auf dem Strom durch Zölle und Ab— gaben für ihre Kassen auszubeuten. Wo sich daher eine Zollsperre anbringen ließ, wurden die Handelsschiffer geschröpft. Am Fuß des steilen Burgfelsens liegt die Clemenskapelle und diese schaut auf ein Thal herab, wo Kaiser Rudolf von Habsburg jene Raubritter des Rheins erdrosseln und hängen ließ, deren stolze Burgen er zuvor gebrochen hatte. Zu den Raubnestern am Rhein gehörte auch Burg Aheinstein und es war der rheinische Städtebund, welcher dieselbe einst zerstörte. Später wurde dieselbe von Phillip von Hohenfels wieder aufgebaut und den Rittern von Waldeck zur Verwaltung übergeben. In späteren Jahrhunderten benutzte die erzbischöfliche Kämmerei in Mainz die Burg als eine Zollstätte und es ist wahr— scheinlich, daß sie behufs einer wirksamen Kontrole der Rhein— schifffahrt mit dem Mäusethurm und der gegenüber liegenden Burg Ehrenfels in Verbindung stand. Im Lauf des vorigen Jahrhunderts verfiel Alt-Rheinstein ganz und Prinz Friedrich kaufte die Ruine von dem Freiherrn von Eyß. Der Baumeister, welcher sie im alten Styl wieder herstellte, war Lasaulr. Heute gehört dieselbe den Söhnen des Prinzen Friedrich, Alexander und Georg von Preußen. Der Wiederhersteller selber ordnete vor seinem Tode an, daß seine Leiche in der Burgkapelle beigesetzt würde.
a Vom Rheinstein schweifen die Blicke auch zu den Höhen des Niederwalds hinüber, über dessen grüne Eichenwipfel die Germania des Nationaldenkmals die schimmernde Krone emporhebt. Diese
herrliche, majestätische Gestalt Meister Schillings verleiht dem Be⸗ schauer das freudige Gefühl, daß die Burgen und Schlösser des Rheins, die Zollthürme und Basteien heute nichts anderes mehr be— deuten, als einen Schmuck des schönen Stromes.
Schließlich dürfen wir es nicht unerwähnt lassen, daß die poe⸗ tische Schönheit des Rheins in den Augen aller Besucher gesteigert wird durch den Wein seiner Rebenhügel. Wie dieser die Be— geisterung weckt, das verrathen uns die Lieder der besten deutschen Poeten. Die schönste Gegend des Rheins, die Berge und Thäler bei Bingen, sind auch mit den feurigsten und aromatischsten Weinen gesegnet. Der Johannisberg und die Rebengelände zu Rüdesheim liefern die köstlichsten Weißweine, die felsigen Berge von Aßmanns⸗ hausen den herrlichsten Rothwein. Hier kann man wirklich mit dem Dichter Roquette vom Rheingau sagen:
„Wie Stern an Stern, so reiht sich dort In Hügelketten Ort an Ort,
An jedem Ort ein neuer Wein,
Hier goldig, dort im Purpurschein,
Man wandert aus, man wandert ein, Man glaubte im Himmel gar zu sein!“
Lose Blätter.
Die Rosenritter. Die Familie Königsmark führt als Wappenschmuck über der Helmkrone eine Jungfrau, welche drei rothe Rosen in der Hand hält. Die Chronik giebt zwar keinen Aufschluß über die Bedeutung dieses Zeichens, wohl aber wird in der Familie nachfolgende Begebenheit erzählt: „Markgraf Sigismund von Brandenburg verlobte sich im Jahre 1380 mit der damals erst zehnjährigen Königin Maria von Ungarn, der Tochter König Ludwig I., und gewann dadurch ein Anrecht auf die Krone des Magyaren⸗ reichs. Als er sich, um dieses geltend zu machen, 1382 nach dem Vater⸗ lande seiner Braut begab, trat ihm die Partei der Magnaten unter dem von dieser erwählten Könige Karl dem Kleinen feindlich entgegen, so daß er so— gleich in schwere Kämpfe verwickelt wurde. Er gelaugte auch noch keines⸗ wegs in den unbestrittenen Besitz der Krone, als 1385 eine formelle Ver⸗ mählung Sigismunds mit der noch immer sehr jugendlichen Königin statt— fand, vielmehr nahmen die Kämpfe jetzt einen um so heftigeren Charakter an, als es einem seiner mächtigsten Gegner, dem Ban von Kroatien, gelang, die junge Gemahlin Sigismunds gefangen zu nehmen und fortzuführen. Jetzt stand es schlimm mit den Aussichten Sigismunds. Da erbat sich der Ritter Rüdiger von Königsmark, welcher dem Markgrafen nach Ungarn ge— folgt war und stets tapfer an der Seite seines Herrn gefochten hatte, die Erlaubniß, mit einer kleinen auserwählten Schaar auf eigne Hand auszu— ziehen und die gefangene Königin zu befreien. Nach langen abenteuerlichen Fahrten fand der Rikter das befestigte Kloster, welches die holde Gefangene einschloß und erstürmte dasselbe durch Ueberrumplung der überraschten Be⸗ satzung.— Als er darauf die befreite Fürstin ihrem Gemahl zurückgeführt, ließ dieselbe ihren Retter zu sich bescheiden, um ihn würdig für seine That zu belehnen. Auf die an Rüdiger gerichtete Frage, wie dies geschehen könne, gab derselbe zur Antwort, er bäte um die drei Rosen, in deren Besitz sich die Königin augenblicklich befinde. Da neigte sich diese zu ihm herab und reichte ihm die rosigen Lippen zum dreimaligen Kusse dar. Von dieser Stunde an ward Rüdiger von Königsmark von seinen Zeitgenossen der Rosenritter benannt und er selbst nahm zur Erinnerung an die ihm gezeigte bohe Gunst, den oben erwähnten Schmuck in sein Wappen auf. Soweit die Sage! Merkwürdig genug, wissen eine ganz ähnliche, ja fast gleiche Sage die Glieder der in Deutschland, Dänemark und Schweden verzweigten Familie von Rosen von ihrem Ahnherrn zu erzählen. Dieser nämlich stand im Dienst eines ungenannten Königs von Böhmen und leistete demselben bei verschiedenen Kriegsgelegenheiten gute Dienste. Als der Ritter einstmals nach gewonnenem Siege an den Hof seines Herrn heimkehrte, wollte auch die Gemahlin des Königs den Tapfern würdig belohnen und fragte daher, ob derselbe einen Wunsch hege, den sie zu erfüllen im Stande sei. Auf diese Frage soll der Ritter genau wie dereinst Rüdiger von Königsmark ge⸗ antwortet haben und es soll ihm auch eine gleiche süße Gunst wie diesem zu Theil geworden sein. Darauf hat der König dem Ritter den Namen von Rosen beigelegt und bestimmt, daß derselbe drei Rosen im Wappen⸗ schilde führe. Bemerkt muß hier noch werden, daß der Dichter La Motte Fouqus diese Sage in einer herrlichen Romanze poetisch behandelt hat, jedoch ohne näheren Hinweis auf Ort und Zeit. Ur.
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Die Tochter Philipps von Orleans.„Die gute alte Zeit“ ist zu einer stereotypen Redensart geworden, die sich fort und fort wiederholt hat, daß man glauben sollte, wir seien zu wahren Kindern Sr. infernalischen Majestät geworden. Glücklicherweise ist die gute alte Zeit eine grandiose Lüge, und werfen wir einen Blick auf die Spezialgeschichte und die Me— moirenliteratur, so müssen wir wenigstens von dem Jahrhundert, das der großen Revolution vorherging, bekennen, es habe sich den Ruhm der größten Unsittlichkeit erworben, die seit den Tagen der schmachvollen römischen Imperatoren geherrscht hat.
Als Mittelpunkt des Hexensabbaths zeigt sich der Regent Frankreichs während der Minderjährigkeit Ludwigs des Shuffen nk hilipp von Or⸗ leans, der Sohn der sittenreinen Elisabeth Charlotte, deren edle Biederkeit


