Ausgabe 
27.6.1886
 
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mit ungeschminkter Rauheit freilich Hand in Hand ging. Vergeblich war ihr Bemühen, den Sohn zu bessern, vergeblich die e als er die Tochter der Frau von Montespan, Frangoise Marie de Bourbon, als Ge mahlin acceptirt hatte. 5

Die Prinzessin war eigentlich zur Lüderlichkeit zu faul und, was damit Hand in Hand zu gehen pflegt, zu gefräßig. Wochenlang blieb sie oft im Bette liegen und empfing ihren Hof, das heißt wenn sie nicht betrunken war, wie denn das Laster des Trunks unter den höchsten Damen ganz gewöhn lich war. Elisabeth Charlotte schreibt an ihre Halbschwester:Das Sauffen ist gar gemein bey die Weiber hir in Frankreich.

Aus der Ehe des Prinzen mit dem Kinde der königlichen Geliebten gingen sechs Töchter hervor, von denen die älteste, die Herzogin von Berri, schon in ihrem vierundzwanzigsten Jahre ihren Ausschweifungen unterlag. Sie war der Liebling der Großmutter gewesen, die sich erst, als Strenge und freundliche Ermahnung nichts helfen wollten, von ihr abwandte und ihre 1 0 der dritten Tochter, Prinzeß Charlotte Aglaja von Valois, zuwandte.

In ihrer Jugend hatte diese eine Schönheit zu werden verheißen, doch nur zu bald erhielt die Nase des Tabakschnupfens wegen eine unangenehme Form; sie wurde einem Adlerschnabel ähnlich. Trotzdem erregte sie die Neigung des größten Don Juans jener Tage, des gewissenlosen Herzogs (späteren Marschalls) von Richelieu. Derselbe wußte dem fünfzehnjährigen Mädchen eine heftige Leidenschaft einzuflößen, daß sie Anfangs den Herzog Franz III. von Modena, der um ihre Hand warb, ausschlug. Um die ro⸗ mantische Liebe des Fräuleins von Valois und des Herzogs hat die sitten lose Literatur jener Zeit, namentlich Richelieus Biograph, Soulavie, wider⸗ liche Arabesken geschlungen. Da konnte es nicht anders gewesen sein, als daß sich der Held als Kommis, Bettler, Kammermädchen verkleidete, ja so⸗ gar Wände durchbrach, um zu seiner Geliebten zu kommen. Uebrigens hatte die i Mademoiselles die Folge, daß Richelieu am 29. März 1719 in die Bastille gesteckt wurde, wo er blieb, bis Charlotte in die Heirath willigte. Das geschah nach sechs Monaten, die sie bei ihrer Großmutter zubrachte.

Gehässige Zungen haben der Geschichte hinzugefügt, daß es die Hoch 8 gewesen, die den letzten Widerstand zu Boden geschlagen

ätten.

Ju Modena fand das liebebedürftige Herz der Prinzessin durchaus kein Glück. Der Herzog hatte geglaubt, durch die Heirath Frankreichs Macht für sich zu interessiren. Das war nicht der Fall; die Herzogin hatte jeden Einfluß am französischen Hofe verloren. Ihr Gatte wandte sich von ihr ab und überließ sie der Trauer, in der sie umsonst ihr geliebtes Frank⸗ reichmit der Seele suchte. Am 19. Januar 1761 machte der Tod einem Leben ein Ende, das über vierzig Jahre unglücklich gewesen war.

W.

Gute Antwort eines Türken. Als sich Bonaparte in Aegypten befand, Nelson die französische Flotte zerstört hatte, und das Mamelucken-Ober⸗ haupt Murad Bei einen Angriff nach dem andern machte, die abzuwehren es schon Mühe genug galt, wurde Bonaparte's Lage noch verschlimmert, weil man von Konstantinopel einen Pascha mit achtzehntausend Mann sandte, um die Franzosen aus Aegypten zu vertreiben. Dieser Pascha landete bei Abukir, und schiffte seine Truppen glücklich aus, da der französische Obergeneral eben tief in's Land gerückt, um dort Murad Bei die Spitze zu bieten. Kaum hörte er jedoch, was an der Küste vorging, als er mit seiner gewohnten Schnelligkeit dahin zurück eilte, und eu Fürken eine Schlacht lieferte. Der Pascha hatte seinen Kriegern Enthustas mus ein⸗ geflößt, sie wehrten sich kühn und standhaft, die Janitscharen hingen ihre Flinten auf den Rücken, zogen die Säbel und metzelten damit Hunderte ihrer Angreifer nieder, allein die französische Artillerie, und die Ueber⸗ legenheit, welche Bonaparte im geschickten Manöveriren zeigte, gaben den noch den Ausschlag, die Muselmänner wurden theils 1 8 theils in's Meer getrieben, oder auch gefangen. Unter Letzteren befand sich der Pascha selbst, den man entwaffnet zum siegreichen Feldherrn brachte.Ich werde Sorge tragen, wendete sich Bonaparte an ihn,daß der Sultan erfährt, mit welcher Tapferkeit Ihr in dieser Schlacht gekämpft, obschon unglückliche Umstände sie Euch verlieren ließen. Der Pascha antwortete:Die Mühe kannst Du Dir sparen, mein Gebieter kennt mich besser als Du. II.

Schnelle Justiz. Der König von Ashanti, einer Negerprovinz in Afrika, hatte das gesetzliche Vorrecht, 3333 Weiber g haben, denn auf dieser mystischen Zahl sollte das Wohl des Reichs beruhen. Im Jahre 1830 machten diese Weiber eine geheime Verschwörung gegen das Leben ihres Gebieters. Sie wurde aber entdeckt, was vorauszusehen war, denn ein Ge⸗ heimniß, das drei Frauen wissen, bleibt schwerlich lange verschwiegen, wenn man nun annimmt, daß es 3333 Weibern bekannt war, so mußte es vor der Ausführung bekannt werden. Der König bestrafte diese Meuterei folgendermaßen: Er ließ sämmtliche Weiber in einen, mit einer Mauer umschlossenen engen Hofraum treiben. Eine Abtheilung seiner Soldaten mußte auf sie 3333 Kugeln schießen, um die Unschuldigen herauszufinden, denn wer von ihnen weder getödtet noch verwundet worden, galt bei ihm für schuldlos. Getödtet wurden bei dieser Metzelei 1922, verwundet 1174, und 237 blieben unverletzt. Diese wurden in Gnaden aufgenommen und blieben in ihren alten Verhältnissen nach wie vor. N.

Verschwendung in früheren Zeiten. Die römischen Kaiser gaben dem Volke Shnpiele deren Beschreibung an das Fabelhafte grenzt, obschon die Geschichtsschreiber, die von dem Luxus der Ueppigkeit und der Ver⸗ schwendung dieser Herrscher erzählen, darin übereinstimmen. Auf die öffent⸗ lichen Schaubühnen wurden eine Menge großer Bäume gebracht und dar⸗

auf verpflanzt, wodurch ein schattiger Wald symmetrisch dargestellt wurde. In solchem wurden den ersten Tag tausend Strauße, Hirche Rehe und 1 Wildpret getrieben und alles dieses Wild dem Volke preisgegeben; am folgenden Tage wurden daselbst hundert Löwen, hundert Ne und dreihundert Bären zu Tode gehetzt und om dritten Tage traten dreihundert Fechter-Paare auf, welche auf Tod und Leben kämpfen mußten.(Ein solches Fest gab der Kaiser Probus, regierte 276 bis 282 nach Chr. Geb.)

Die großen Amphitheater, welche zu Schauspielen für das Volk erbaut waren, hatten von Außen eine Mauer von Marmor, welche rings herum mit Bildhauerarbeit und Statuen verziert war. In diesem großen Raum waren nach allen Seiten hin sechszig bis achtzig Reihen Bänke, ebenfalls von Marmor und mit Kissen belegt, worauf 1 1 Menschen be quem Platz fanden. Unten war der Schauplatz, wo die Spiele stattfanden, so künstlich eingerichtet, daß man in solchem Spalten öffnen konnte, wodurch es aussah, als wenn es Höhlen wären, aus welchen die wilden Thiere, die für das Schauspiel bestimmt waren, hervorkämen. Außerdem konnte man diesen Schauplatz auch mit Wasser füllen, welches eine Menge Meerungeheuer brachte und auf welchem bewaffnete Schiffe gerudert wurden, um eine See schlacht vorzustellen. Ließ man das Wasser wieder ablaufen, so diente der trockene Grund den Fechtern zu ihren Kämpfen.

Der Dichter Calpurnius singt davon:

Wie oft seh'n wir der versunk'nen Bühne

Wilde Thiere eutsteigen, aus der Erde geborstenem Schlunde;

Und wie oft entwachsen den nämlichen Winkelhöhlen

Goldene Gesträuche mit purpurner Rinde bekleidet.

Nicht die Ungeheuer des Waldes nur gab es zu sehen,

Auch die Meerkälber schaut' ich mit Bären im Kampfe; ein Unthier

Dieses Meerkalb, das eher ein Pferd zu heißen verdiente.

Zuweilen hatte man auf diesem Platze einen hohen Berg voll grünender und blühender Fruchtbäume aufgeführt, von dessen Gipfel ein Bach herab⸗ stürzte, wie aus der Oeffnung eines lebendigen Quells. Zuweilen sah mau darauf ein großes Schiff, welches sich von selbst öffnete und nachdem es vier⸗ bis fünfhundert Thiere zur Hatz aus seinem Bauche ausgespieen, sich wieder schloß und verschwand. Ein andermal ließ man aus der Tiefe dieses Platzes größere und kleinere Wasserstrahlen in die Höhe spielen und aus der Höhe wieder mit seinen Regentropfen auf die versammelte Menge herab fallen. Um die Zuschauer vor schlechter Witterung zu schützen, überspannte man jenen ungeheuern Raum bald mit einem Teppich von Purpur, bald mit Seide von einer oder der andern Farbe. Die Netze, welche zwischen dem Schauplatze und dem Volke aufgezogen waren, um es gegen die wilden Thiere, die man losließ, zu schützen, waren von Gold durchwirkt.

Vaterliebe. Im Jahre 1513 wurden die Franzosen unter der An⸗ führung des Marschalls von Trimouille bei Navarra von den Schweizern geschlagen. Zwei Brüder de la Marck blieben für todt auf dem Schlacht⸗ felde liegen. Der Vater, voll Verzweiflung über dies Unglück, eilte mit seiner Kompagnie, aus hundert Mann bestehend, nach dem verlorenen Schlachtfelde, fest entschlossen, sich entweder in den Besitz der Leichen zu setzen, oder mit seinen Söhnen zu sterben. Er machte einen so wüthenden Angriff auf die Sieger, daß es ihm gelang, bis zu dem Platze vorzudringen, wo seine Söhne lagen. Er nahm den Einen auf sein Pferd, ein Diener den Andern, und so wurden sie ganz zerfetzt in Sicherheit gebracht. Beide waren noch am Leben und man wandte alle mögliche Sorgfalt an, ihre schweren Wunden zu heilen. Es glückte auch und so hatte die väterliche Liebe zwei Jünglinge errettet. Beide haben sich später rühmlich ausgezeichnet und ihrem Vaterlande ersprießliche Dienste geleistet. Der älteste war der nachmalige Marschall von Fleurauge, der jüngste Jametz. M

Dichter und Narr. Jacques Delille(geb. 22. Juni 1738, gest. 1 Mai 1813), der Dichter von les jardins, Pimmortalité de l'ame, der Ueber⸗ setzer des Virgil, der Hohepriester des reinen Deismus, der selbst mit seinen Versen die Terroristen erschütterte, begleitete seinen Freund, den Grafen von Choiseul-Gouffier, auf dessen Gesandtschaftsreise nach Kon⸗ stantinopel. Auf derselben begann das Augenübel, an dem er später ganz erblinden sollte, ernsthaft zu werden, so daß die Aerzte ihm die größte Ent⸗ haltsamkeit empfahlen, ihm unter Anderem das Kaffeetrinken untersagten. Das war für Delille, der, wie Voltaire, den Mokka über Alles liebte, die furchtbarste Marter, er suchte also seine Lieblingsneigung in einem türkischen Kaffeehause, wohin ihn ein türkischer Diener jeden Abend führte, zu be⸗ friedigen. Der Gesandte erfuhr von den geheimnißvollen Gängen seines Freundes und ließ den Kaffeewirth ersuchen, Delille keinen Kaffee zu ver⸗ abfolgen. Die Antwort lautete:Ich kann dem Wunsche des Grafen keine Folge geben, da meine Religion es verbietet, Geistesgestörten etwas zu ver⸗ weigern.Wie? geistesgestört?! närrisch?!Allerdings; er thut, als ob er Niemanden sehe, redet mit sich selber und geht in meinem Laden auf und nieder, während er seltsame Geberden macht. Nur ein Narr thut das; der Narr der französischen Gesandtschaft erhält seinen Kaffee nach wie vor. W. G.

Lord Palmerston berief sich auf den Ausspruch eines berühmten Arztes, als Jemand sich wunderte, daß er bei seinem Alter noch im Amte bleibe: es ist gesund, sich nicht pensioniren zu lassen und fort und fort zu ar⸗ beiten.Wäre nicht eine tüchtige Opposition ebenso gesund? fragte ein eben anwesender Parlamentarier.Nein, nein, rief Palmerston:Oppo⸗ sition macht bitter und sauer. Fragen Sie nur deshalb d' Israeli. Er selbst schien gar keine Galle zu besitzen.Mir thut es leid, ihn geärgert zu haben, äußerte ein Lord, der gegen ihn das Wort ergriffen hatte. Palmerston hatte, in der Nähe stehend, das Wort gebört.Beruhigen Sie sich, sagte er,ich habe nichts von Galle und Aerger empfunden.

W. G.

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