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wieder nach Mandsfelt gekommen sein.— Die dicke Eiskruste war entfernt und nun beschloß Otto, das Wasser langsam ablaufen zu lassen. Er stand, den Blick starr auf das immer seichter werdende Wasser gerichtet, das Becken war leer— Ellinor war nicht unter der Eisdecke erstickt! Er athmete auf. werden, die Polizei von Kenntniß zu setzen. Täg⸗ lich eilte Otto zur Stadt; er setzte hohe Preise aus für diejenigen, die ihm nur irgend eine Spur an⸗ geben wollten. Lindner wartete in Mandsfelt Tag und Nacht auf Ellinor und klagte sich in den herzzerreißendsten Worten an, daß er sie seit der Mutter Tode sich ganz selbst überlassen und das Unglück verschuldet habe. „Meine Ideen verwirren sich! Otto,“ sagte ex, als sein Neffe sich wieder Morgens nach der Stadt begeben wollte;„ich habe so viel Unglück im Leben gehabt; in der Nacht war es mir, als höre ich meine Kind in der größ— ten Bedrängniß nach ihrer Mutter rufen und plötz— lich tauchte höhnend das Gesicht des verlorenen Menschen in Lengen vor mir auf. Wäre es mög⸗ lich, daß er—“ Lindner brach ab, ein nervöses Zittern hatte seinen ganzen Körper ergriffen, Otto eilte auf ihn zu, ihn zu einem Sitz zu führen. „Sie ist nicht ertrunken, Onkel; mit Hilfe der Polizei werden wir sie ausfindig machen,“ trö— stete Otto. Die Worte Lindners aber machten ihm einen tiefen Eindruck und er beschloß beic seiner Rückkehr Abends, ehe der Mond aufgegangen war, nach Lengen zu reiten und sich wenigstens die Oertlichkeiten anzusehen. Er wurde in der Stadt aufgehalten, verschiedene Berichte lauteten, sie wäre freiwillig gegangen, man habe sie an dem bezeich—
Aber nun durfte kein Augenblick verloren dem spurlosen Verschwinden Ellinors in
neten Tage in der Stadt den Abendzug nach dem Süden nehmen
sehen. Otto kehrte Abends in tiefer Niedergeschlagenheit in das Hötel zurück und fragte sich, warum das arme verlassene Kind sich nicht längst an die Familie van Mossel gewendet, wenn ihr die Heimath nach der Mutter Tode so trostlos erschienen. Nun begriff er nichts mehr, vielleicht war sie mit dem Freunde, ja dem Verlobten, wie er annahm, entflohen.
Auf die Eröffnungen des Betrunkenen hin war er mit dem
Wind um die Wette Lengen zugejagt. Er sprang vor dem Wohn— haus aus dem Sattel und überließ sein Pferd dem Begleiter.
Er erblickte an der Hinterseite des Gebäudes Licht. Ein Fenster stand offen. Ueberrascht trat er weit zurück. Lag da nicht im hellen
Gute Freunde.
stalt? Er näherte sich rasch: ein bleiches friedliches Kindergesicht war dem vollen Mond zugewendet, Ellinor schien in süßem Schlafe zu ruhen und die dichten Locken deckten die harte winterliche Erde, als ruhten sie in weichen Kissen. Mit einem leisen Aufschrei warf sich Otto neben sie nieder, hob den Kopf empor an seine Brust und rief in einem herzzerreißenden Tone:„Ellinor, meine Ellinor!“ Er faßte in Verzweiflung den jungen blühenden Leib in seine Arme und drückte glühende Küsse auf das kalte erstarrte Gesicht.„Todt, todt!“ klagte er zu dem kalten Winterhimmel empor.
„Das Pferd herbei,“ schrie er in die Nacht hinein. Er nahm sie fest in seine Arme vor sich auf das Pferd und hüllte sie sorgfältig in seinen Mantel ein. Als das Pferd davon trabte, fiel ein Schuß aus einem der vorderen Fenster und Georg's Stimme rief: „Diebe, Mörder,— Klas ihnen nach!“
Die Kugel war dicht an Otto's Schulter vor⸗ beigegangen,— was war das? er glaubte, ein Zittern sei durch den zarten, dicht an ihn ge⸗ schmiegten Körper ge— gangen.„Wenn sie wie⸗ der zum Leben erwachen könnte,“ rief er in wildem Entzücken in die lautlose Nacht hinaus.—„O, ich wollte sie ja selbst einem Andern gönnen, wenn mich nur ihre süßen, reinen Augen nur einmal noch im Leben lieb und gut wie ehe— mals anblickten.
„Zum Arzt, zum Arzt,“ rief er dem Manne zu, der ihm kaum zu folgen vermochte;„reiten Sie sogleich auf dem kürzesten Wege zur Stadt, eilen Sie, eilen Sie, eine Belohnung von hundert Thalern, wenn Sie den Arzt, ehe der Morgen graut, nach Mandsfelt
bringen.“ Er war wie wahnsinnig vor Freude,
ihr Herz pochte gegen das seinige.„Meine Ellinor,“ flüsterte er leise und küßte inbrünstig ihre feuchten Locken.— Wie Kinder in abgebrochenen Worten im Schlafe reden, so kam leise, wie hingehaucht über ihre Lippen: „Wenn Du es nur wüßtest, Otto, wie ich immer nur an Dich denke, — o, es ist wieder nichts, wie ein Traum,— ich weiß ja, daß er Rose liebt,“ und ein schmerzlicher Seufzer hob ihre junge Brust.
„Ellinor!“ jubelte Otto auf und drückte sie mit unbeschreiblichem Entzücken an seine Brust.„Ellinor, ich liebe Dich, ich habe nie eine Andere geliebt!“
Wie der allmächtige Hauch des Frühlings das im Frost Er— starrte zum Leben und zur Freude des Daseins ruft, so schlug nun Ellinor groß die Augen zu dem Sternenhimmel und zu Otto auf. „Otto,“ flüsterte sie mit einem Kinderlächeln;„könnte ich doch den Traum festhalten mein Leben lang.“
9 Mondschein unter dem hellerleuchteten Fenster eine menschliche Ge— 0


