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Deine Hände gelegt, mich zu einem Menschen zu machen, und Du stößest mich von Dir, weil ich Dein Glück gründen wollte. Ich bin kein Diplomat, Ellinor; ich hätte mit Anstand und Feinheit Dich nach und nach darauf vorbereiten sollen, daß ein glänzendes Glück sich vor Dir aufthue; der vernachlässigte grobe Georg aber kennt keine Grenzen, er hat die verletzt, der er den Himmel auf Erden schaffen wollte. Verzeihe- mir, Schwester; nimm Dich meiner an, Du siehst, welch ein armer Mensch ich bin.“ Und als sie immer noch schwieg, ja sich hartnäckig gegen das Fenster wendete, fiel er zu ihren Füßen, umklammerte ihre Kniee und schluchzte in ihr Kleid hinein, daß sein ganzer Körper davon erschüttert wurde.
„Stehe auf,“ rief sie ungeduldig,„das sind Scenen, die mir in der tiefsten Seele zuwider sind.“
Er stand augenblicklich auf seinen Füßen und blickte sie ver— stohlen an. Was war denn nur plötzlich über das leichtgläubige vertrauensselige Mädchen gekommen? Er mußte hier andere Saiten aufziehen.
„Die Handwerksleute kommen morgen,“ sagte er in ruhigem Tone,„Du bist die Gebieterin hier, Ellinor. Dieses Zimmer hier und zwei und drei daneben lasse Dir nun ganz nach Deinem Ge— schmack einrichten, Du sollst Wagen und Pferde haben und Du hast nur zu befehlen. Der Vater weist Dich vor die Thüre, und ich bin ein glücklicher Mann, meinem Schwesterchen mein Haus zur Verfügung stellen zu können. Wir wollen morgen eine kleine Reise zusammen antreten, die Eindrücke der letzten acht Tage haben Dich verstimmt, und ich will schon sorgen, daß es Dir an Zerstreuungen nicht fehlt; rüste Dich, mein liebes Kind; Klas wird Dir heute aus der Stadt Alles mitbringen, was Du an Wäsche und der— gleichen bedarfst. Setze Dich nun nieder und schreibe Alles genau auf, wie Du Deine Zimmer, während Deiner Abwesenheit, eingerichtet wünschest. Ist nun der Friede zwischen uns geschlossen, Schwesterchen?“ Er sah ihr in's Gesicht und nahm ihre widerstrebende Hand. Sie sah ihn mit großen erschreckten Augen an, aber sie sagte kein Wort. Nun war sie verloren! Wenn er sie weit fortbrachte, in eine un— bekannte Welt, dann mußte sie sich seinen Wünschen und Drohungen fügen. Kam denn kein Mensch in diese Wildniß, hatte sie Nie— manden in der weiten Welt, der sie vermißte, der nach ihr suchte? Was hatte sie gethan?
Wie ein Hoffnungsstrahl durchzuckte sie der Gedanke, daß Klas heute abwesend sei. Sie mußte sich retten, war einmal die Land⸗ straße erreicht, so erbarmte sich ihrer vielleicht ein Mensch und brachte sie in das nächste Dorf.
Georg sah einige Male nach ihr und bat sie, hinunter zu kommen. Sie erwiderte kurz, sie ziehe das Zimmer oben vor. Nachmittags ging sie in den Garten; aber es dauerte keine Minute, da war Georg neben ihr. Mit fieberheißem Gesicht, am ganzen Körper bebend, erwartete sie den Abend. Sie öffnete leise ihre Thüre, die Köchin bewegte sich vor ihr im Dunkeln; sie versuchte es noch einige Male, die Frau schlich immer vor der Thüre ihres Zimmers umher. Thränen der Angst und der Verzweiflung über— strömten Ellinor's schönes Gesicht.„Rette mich, Mama, rette Dein Kind,“ hauchte sie halb ohnmächtig.
An der Wand unter ihrem Fenster waren Latten angebracht, sie waren defekt und hatten früher einmal zum Emporziehen eines Weinstockes oder eines Baumes gedient. In der Nacht schliefen wohl ihre Kerkermeister und Klas schien noch nicht aus der Stadt zurück zu sein. Sie wagte es, sie mußte es wagen, an den Latten hinunter zu gleiten, sobald Mitternacht gekommen war. Wenn sie dann auch die Februarnacht unter freiem Himmel zubrachte, was lag daran, sie hatte doch die Kerkermauern hinter sich.— Sie hatte das Fenster geöffnet und horchte in die Nacht hinaus; Alles war öde und lautlos, wie im Grabe; ihr Herz schlug, ihre Pulse tobten und in den Ohren klang es ihr wie Glockengeläute. Sinnlos, außer sich, sprang sie auf die Brüstung des Fensters und ihr Fuß trat auf eine querlaufende Latte. Ein Krachen des verwitterten Holzes und Ellinor stürzte hinunter. Der Fall geschah aus beträcht— licher Höhe, und blieb sie, ohne nur noch einen Schmerzenslaut auszustoßen, leblos unten liegen.
N. Klas trat in das Gastzimmer eines Hötels der Stadt und sah sich nach einem Tische um, wo er noch Platz finden konnte.
An einem Tischchen saß ein junger Herr, der so in seine Gedanken vertieft schien, daß er nicht merkte, wie sich Jemand geräuschvoll ihm gegenüber niederließ. Klas ließ sich eine Flasche Wein geben. „Von Ihrem besten,“ rief er dem Kellner zu und sah gering—
schätzend auf das Glas Punsch, welches der Herr vor ihm hatte kalt: werden lassen.
Dem Fremden schien eine Erinnerung zu kommen, er faßte plötzlich Klas genauer in's Auge.„Hier, Herr Verwalter,“ sagte der Kellner und stellte die Flasche vor Klas.„Wie geht es Herrn Lindner, man hat ihn so lange nicht in der Stadt gesehen.“
„Herr Lindner hat Besuch, einen feinen Besuch; er will morgen früh eine längere Reise antreten, und ich werde ihn begleiten. Je nachdem kommen wir erst im Sommer wieder zurück,“ entgegnete Klas, steckte die Hände in die Hosentaschen und streckte breit die Beine von sich. Sein Gesicht war geröthet und sein Haar ver— wirrt, er hatte augenscheinlich zu viel getrunken. Die Stimme war dem Fremden bekannt.„Es ist mir, als hätte ich Sie schon einmal gesehen,“ sagte der Fremde zu Klas.—„Mag wohl sein, ich erinnere mich nicht mehr,“ entgegnete der Verwalter.
„Sie sind also der Verwalter des Herrn Lindner von Mands— felt?“ fragte der Fremde. a
„Wer sagt denn das? ich bin der Verwalter des Herrn Geor Lindner in Lengen. Wir sind Jugendfreunde, zusammen aufgewachsen, war wie's Kind vom Hause in Mandsfelt,“ erklärte Georg und trank.
„Herr Lindner hatte drei Kinder, nicht wahr?“ fragte der Fremde mit großem Interesse.
„Ja wohl, noch eine Tochter aus erster Ehe, die schöne Adeline ist verschollen; und dann die jüngste Tochter,— ja, die hatte auch Herr Lindner.“ Georg lachte sonderbar vor sich hin.
„Die Herrn Eduard van Mossel heirathen wird,“ sagte der Fremde in scheinbar gleichgültigem Tone.
„Davon ist gar keine Rede mehr,“ antwortete Klas und schüttelte energisch den Kopf.„Ich meine, jetzt hat wohl ihr Bruder auch ein Wort dabei zu sagen; Fräulein Ellinor heirathet den Freund ihres Bruders und keinen Andern.“ Er trank sein letztes Glas aus und rief:„Kellner, noch eine Flasche von demselben.“
„Das ist mir ganz neu, seit wann ist denn dies beschlossen?“ fragte der Herr mit Interesse.
„Das glaube ich wohl, daß Ihnen das neu ist,“ lallte Klas; „gestern Abend ist in Lengen die Verlobung gefeiert,“ und Klas riß noch einmal die Augen groß auf, bewegte schlaftrunken den Kopf von einer Seite zur andern und dann fiel sein Kopf auf den Tisch. Der Fremde erhob sich leise und verließ das Gastzimmer. Zehn Minuten später flog er auf einem schnellen Pferde, neben ihm ein Reiter als Wegweiser, dem drei Meilen entfernten Lengen zu. Der Wind sauste ihm um die Ohren, sein Pferd berührte kaum mehr den Boden.„Hatte der trunkene Mensch die Wahrheit gesprochen?“
Am Tage nach Ellinors Verschwinden war Otto von Manners nach Mandsfelt gekommen. Warum? Er ärgerte sich darüber; aber die Sehnsucht nach dem Mädchen, das eine Fremde für ihn werden wollte, ließ ihn nicht rasten noch ruhen. Er fand das Haus in Alarm, Herr Lindner raufte sich die Haare und war wie wahn— sinnig. Am vorhergehenden Abend waren Boten zu Eduard van Mossel gesandt worden; man wußte nichts von Ellinor und Eduard war mit seiner Mutter zur Hochzeit seines Bruders gereist. Da fiel es Marie, dem Kammermädchen, ein, daß Fräulein Ellinor ihre Schlittschuhe mitgenommen, als sie Nachmittags das Haus ver⸗ lassen. Otto von Manners untersuchte den dem Tannenwäldchen gegenüber liegenden Weiher; das Eis war an einer Stelle sehr dünn und es sah wirklich so aus, als sei hier Jemand eingebrochen. Es packte ihn die Verzweiflung, er brachte eine Menge Leute zu— sammen, er selbst arbeitete wie ein Wahnsinniger; der Weiher mußte schnell vom Eise befreit werden. Otto mußte die Gewißheit haben, ob das blühende Leben hier unter der Eisdecke ihr Grab gefunden. Er tobte, er wetterte, die Leute arbeiteten gemächlich, als wäre es ihr Alltagswerk, und es galt doch, über sie, über Ellinor, eine Ge— wißheit zu erhalten. Der alte Vater kam wohl ein Dutzend Mal des Tages gelaufen, das lange weiße Haar flatterte im Winde und sein Gesicht drückte eine unbeschreibliche Seelenangst aus; mit den
zitternden Händen nahm er kleine Eisstücke hinweg und fragte den
rastlosen arbeitenden Neffen:„Noch keine Spur von meinem Kinde?“ Auf die stumme Verneinung kam ein Hoffnungsstrahl in seine Seele und er eilte nach Hause, sein Kind konnte ja mittlerweile
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