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Umgebung, Alles gehörte einer andern Sphäre an als der, an welche sie gewöhnt war.„Fort! fort!“ rief es in ihr mit steigender Angst,„lieber sterben, wie hier bleiben.“
Nach einigen Stunden kam ihr Bruder und wollte sie hinunter führen; sie fühlte sich krank, der Tabaksrauch in dem Wohnzimmer, den alle Wände und alle Möbel ausströmten, verursachte ihr Uebelkeit und Georg hatte nun auch wieder angefangen, sich in dichte Rauchwolken zu hüllen; sie wollte lieber oben bleiben. Er aber nahm sie wie ein Kind und trug sie die Treppe hinunter.
Der Freund war wieder gekommen, Klas packte aus einem Korbe Champagner und allerlei Leckerbissen und trug sie auf den Tisch des gegenüber liegenden Speisezimmers. Berschau begrüßte Ellinor wie eine alte Bekannte und behielt ihre Hand in seinen beiden Händen. Sie war so mit ihrem Kummer beschäftigt, daß sie es kaum merkte; er führte sie zu Tische und Georg folgte und schmunzelte und rieb sich vor Vergnügen die Hände. Ellinor mußte überrumpelt werden, fest durch ihr gegebenes Wort gebunden werden, dann waren alle Fäden nach Mandsfelt abgeschnitten.
Es wurde von Anfang des Abendessens an nur Champagner getrunken; Ellinor nippte nur am Glase, so oft auch die beiden Freunde mit ihr anstießen. Georg war in einer tollen Lustigkeit und machte Anspielungen, die Ellinor endlich verstehen mußte.
„Was sollen wir lange hinter dem Berge halten,“ rief er und leerte sein Glas mit einem Zuge.„Ich habe es auf den Erfolg meines theuern Freundes getrunken. Ellinor, der Baron von Berschau liebt Dich mit einer ganz tollen Leidenschaft; er hat Dich schon früher einige Male in der Stadt gesehen, und nun meint er, er könne nicht ohne Dich leben,— doch er mag selber für sich reden.“ Georg füllte sein Glas, hob es empor und schrie aus voller Kehle:„Hoch, das Brautpaar lebe hoch!“
Berschau warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und erhob sich in einiger Verwirrung.„Wir kennen ja Beide Freund Georg, ist es nicht so, Fräulein Ellinor?“ sagte er mit dem ihm eigenen oberflächlichen Lachen;„ich hätte aber gedacht, er würde seine Sache als Brautwerber besser machen. Nun, ich sehe nur in seiner Uebereilung den eifrigen Wunsch, den Freund so schnell wie möglich zum glücklichsten Menschen zu machen. Darf ich auf Ihres Bruders „Hoch“ auch mein Glas erheben, geliebte Ellinor?“
Auch sie war aufgestanden, ihre Wangen glühten und ihre Augen schienen schwarz von dem düstern Feuer, das in ihnen brannte.„Ich bin heute acht Tage in meines Bruders Hause“, antwortete sie langsam mit tief bewegter Stimme,„als Freund meines Bruders ist es Ihnen wohl bekannt, welche verhängniß— schwere Folgen der unüberlegte Schritt, den ich ohne meines Vaters Wissen gethan, für mich gehabt hat. Ich kenne Sie nicht, Herr von Berschau; Ihre Absichten mögen ja gut sein, aber wie können Sie glauben, daß ich, gleichsam wie um meinem Vater zu trotzen, mich von einem Tag züm andern zur Heirath mit einem uns ganz fremden Manne entschließe, ohne auch nur versucht zu haben, meines Vaters Genehmigung einzuholen. Ich danke Ihnen bestens für Ihren Antrag und bitte, niemals mehr darauf zurückzukommen.“ Sie verneigte sich und verließ langsam das Zimmer. Die beiden Freunde sahen ihr stumm und verblüfft nach. Vor der Thüre hörte sie Berschau im höchsten Verdrusse schreien:„Du bist ein Esel, Georg!“
„Nimm es doch nicht so ernst, Mensch; meinst Du, ich würde mit dem kleinen Mädchen viele Umstände machen? Sie soll schon mürbe werden, verlaß Dich darauf, ehe sechs Wochen vorüber sind, ist sie Deine Frau“, und er stieß das Glas auf den Tisch, so daß die Splitter weit davon flogen.
Ellinor war in tiefster Seele empört. spielungen, welche ihr Bruder bei Tische rücksichtslos und geradezu diktatorisch hervorgebracht, als hätte nur er über ihre Heirath zu entscheiden, dann noch die wüthenden Worte, daß das kleine Mädchen sich zu fügen habe, verwandelten plötzlich ihren stillen Herzens— kummer in Trotz und Empörung. Sie durfte nicht mehr länger in diesem Hause bleiben, Alles war Lüge und Betrug. Nun erst frappirte sie Georgs sonderbare Krankheit, und sie fing an zu ahnen, daß man ihr eine schändliche Komödie vorgespielt. Ihr Vater kannte seinen Sohn, ihre gute Mutter, die liebreich gegen jeden Menschen war, hatte es aufgegeben, bei Georg Liebe und Anhänglichkeit zu suchen— wie thoͤricht und verblendet war sie gewesen? Ihre Briefe waren sicher nicht zum Vater gelangt. Der
Die taktlosen An-
Kopf schwindelte ihr. dem Kinde der Frau, die er so sehr geliebt, mit Härte sein Haus verschließen?„Nie und nimmer,“ antwortete sie aus tiefster Seele. Und sie nahm mit zitternden Händen den Mantel und hing ihn um. Es war zehn Uhr Abends und der Mond schien hell. Sie
wollte fort; ein Dorf mußte sie doch irgendwo erreichen; so weit
trugen sie wohl die Füße und einmal bei Menschen, erbarmte man sich wohl ihrer und brachte sie auf irgend eine Art nach Mandsfelt.
Als sie leise die Treppe hinunter ging, hörte sie, wie Georg im Eßzimmer schrie und tobte.„Du sollst Alles haben, bis auf den letzten Pfennig; warte nur mit der Klage, mit der Du mir schon so oft gedroht hast, einen Monat, sie ist reich genug, Deine und meine Lücken auszuflicken, und ob sie will oder nicht will, sie muß.“
Ellinor ballte die kleinen Hände und murmelte:„Elender Mensch!“ Ihr Abschen war so groß, daß selbst das Gefühl der Furcht für den Augenblick schwieg. Sie trat leise aus der Hinter⸗ thüre und glaubte sich, hochaufathmend, gerettet.„Das gnädige Fräulein beabsichtigt wohl, einen Spaziergang im Mondschein zu machen?“ fragte Klas und stand vor Ellinor;„ich würde dazu nicht rathen, es bläst ein recht scharfer Ostwind.“
Was half es, dem Burschen zu sagen, daß sie um jeden Preis fort wolle; er war im Einverständniß mit seinem Herrn, und sie hätte nur einen Auftritt herbeigeführt, der ihre Lage noch ver— schlimmern mußte. Sie kehrte bebend ins Haus zurück, sie sann und sann und in der stillen Nacht erschien ihr plötzlich ihre Lage unheimlich und gefährlich.„Wenn sie es nun noch einmal wagte und schrieb?“ Diesmal wollte sie sich in ihrer Noth an den treuen Freund wenden; er zürnte ihr nicht und er fand gewiß Mittel und Wege, sie zu retten. Man konnte ihr nicht verbieten, das Haus zu verlassen, und sie fand irgend einen fremden Menschen, sie mußte ihn finden, der zu Eduard van Mossel eilte. Sie schrieb die halbe Nacht hindurch und Morgens schon verließ sie entschlossen das Haus. Sie sah keinen Menschen, sie hätte fliehen können; aber ihr Fuß war wieder angeschwollen, sie konnte kaum darauf treten. Ein Junge von zwölf bis vierzehn Jahren ging an der Ecke des Gartens vorbei, sie gab ihm hastig alle Instruktionen und ein Geldstück und der Knabe versprach erfreut, den Brief gut zu be⸗ sorgen. Er lief eilends davon und sie ging auf einen Hügel am Ende des Gartens und sah, wie der Junge in der Ebene dahin— flog. Da brachte ein Zuruf von Klas ihn zum Stehen; Ellinor sah, wie er den Jungen packte und ihm den Brief aus der Tasche zog, und wie der Knabe mit der Behendigkeit einer Katze an ihm hinaufkletterte und ihm das Papier entriß. Es war in Stücke gegangen, der Junge raffte sie auf und lief eilends nach dem reißenden Bach, dem er sie übergab.„Braver guter Junge,“ rief Ellinor, und ließ dann in Verzweiflung die Hände sinken; es war Alles, wie sie gefürchtet, sie war hier eine Gefangene und ihr armer Vater wußte sicherlich nicht, wohin sie gekommen.
Mit bleichem verstörten Gesicht kam ihr Georg entgegen, als sie wieder in's Haus trat.„Ich dachte, es wäre Dir etwas zu⸗ gestoßen,“ sagte er;„unsere Gegend ist so unsicher; Plünderung und Todtschlag sind hier keine Seltenheiten; mir zu Liebe, Ellinor, setze Dich der Gefahr nicht mehr aus.“
„Du weißt ja zu wohl, daß ich nicht weit laufen kann,“ er⸗ widerte sie mit einem so sonderbaren Lächeln, daß er stutzig wurde und ihr die Treppe hinauf in ihr Zimmer folgte.
„Du zürnst mir, Schwester, ich sehe es,“ sagte er mit zer— knirschter Miene,„ich habe gestern zu viel getrunken und habe in meiner Herzensfreude, Dich und den lieben Freund, der mir kurz vorher sein Herzensgeheimniß mitgetheilt hatte, vielleicht vereinigen zu können, viel zu viel herausgeplaudert. Es war so treu und so ehrlich gemeint, Ellinor,“ sprach er und sah sie betheuernd von der Seite mit den wässerigen Augen an. Sie meinte, sie hätte nie etwas Häßlicheres gesehen wie dies Gesicht. Er wartete einige Augenblicke; in Ellinors bleichem Gesichtchen zeigte sich keine Spur von Bewegung, ihre Augen blickten so kalt, ja trotzig, daß Georg einsah, er müsse zu den äußersten Hilfsmitteln greifen.
„Die Freude ist ein seltener Gast im Hause des von der Wiege an Verstoßenen; sie paßte nicht zu mir, sie war mir zu neu und hat mich wahnsinnig gemacht, und der Wahnsinn hat mir Dein Herz entfremdet. Wirf mich nicht hinweg, Ellinor, diese Stunde
könnte entscheidend in meinem Leben werden; vielleicht war es in
Konnte ihr gütiger Vater seiner Tochter,*
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