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8 zu den
Oberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Ur. 26.
Gießen, den 27. Juni.
Die Stiefmutter.
Roman von M. Elton. (Schluß.)
Georg wußte nichts von dem Briefe ihres Vaters, er wußte nicht, daß sie nun immer hier bleiben sollte; es hätte ihn wohl mit Freude erfüllt, hätte ihm aber auf der andern Seite Kummer gemacht, daß er unschuldiger Weise die Veranlassung des Zerwürfnisses geworden. Er mußte geschont werden, der arme Georg, und sie wollte sich von Herzen über seine Genesung freuen und wollte ihm ein freund— liches Gesicht zeigen. Am Nachmittag fuhr ein eleganter Wagen vor, Ellinor vermochte vor Freude fast nicht zu athmen; ein Männer⸗ tritt nahte sich dem Zimmer, sie vergaß ihren schmerzenden Fuß und eilte der Thüre zu. Ihr Gesicht erblaßte, sie stand einem fremden Herrn gegenüber, wo blieb denn der so schmerzlich erwartete Vater?
„Ah, da ist er endlich, mein treuer Freund!“ rief Georg mit einer Stimme, die sich seit dem Morgen recht gekräftigt hatte. „Gieb ihm die Hand, Ellinor, Du und er, Ihr seid Alles, was ich auf der Welt liebe.“ Das junge Mädchen sah den Freund, den Georg so oft erwähnt, mit traurigen Augen an, während Georg fortfuhr:„Du kennst sie ja, habe ich die Farben glänzend genug gemischt, Dir meine Schwester zu malen?“ Herr von Berschau lachte mit einiger Verlegenheit und Ellinor erröthete; man mußte dem armen Georg etwas zu gute halten, er meinte es ja so gut. Sie wollte nach einiger Zeit das Zimmer verlassen; aber Georg ließ sie nicht gehen.„Laß mir noch ein wenig die Freude, Euch Beide um mich zu sehen,“ bat er,„derlei schöne Tage sind selten in meinem Leben, und bedenke, wie lange ich an der Erinnerung zehren werde.“
„Er wird sentimental, Fräulein Ellinor,“ lachte Berschau;„das kann unmöglich seiner gänzlichen Herstellung förderlich sein. Wir müssen suchen, ihn zu unterhalten; vielleicht ein Kartenspielchen? Können Sie ein oder das andere Kartenspiel, Fräulein Ellinor?“
Er that so bekannt, Georg's Freund, er schien ein gutmüthiger Mensch zu sein; er weihte Ellinor in einige Spiele ein, der Tisch wurde an Georg's Bett gerückt, der Kranke spielte mit und der Abend verging der armen Ellinor erträglicher, wie die vorher— gehenden. Der Freund kam auch am folgenden Tage und brachte für Ellinor einen prächtigen Blumenstrauß aus der Stadt mit; er schlug ihr auch einen Spaziergang durch den Garten vor, weil Georg klagte, daß Ellinor's schöne rothe Wangen durch die Stuben⸗ luft gelitten hätten. Es war selbstverständlich, daß er sie vorsichtig und langsam am Arme führte, weniger selbstverständlich fand sie es, daß er anfing, ihr Artigkeiten zu sagen, und das Alles auf eine so ungenirte Weise, als hätte er ein Recht dazu. 5
Mit Georg's Genesung ging es überaschend schnell, nach einigen Tagen konnte er schon das Bett verlassen, und eine Schwäche war kaum sichtbar.„Bleibe bei mir, Ellinor, kehre nicht wieder zu dem Manne zurück, den Du kaum kennst, der Dir kaum ein Vater ge⸗
wesen ist. Laß ihn seine Grillen fangen; er kümmert sich nicht um seine Kinder, so müssen wir uns wohl zusammen trösten, und es soll uns nicht schwer werden, Schwesterchen; was sagst Du dazu?“
„Sprich nichts gegen unsern Vater, Georg, das will und darf ich nicht hören,“ antwortete sie ihm sehr ernst.„Ich verhehle Dir es nicht, daß mir die Trennung von ihm sehr wehe thut, und oft habe ich versucht, meinen kranken Fuß zu zwingen, zu ihm nach Mandsfelt zu eilen.“
„Das rathe ich Dir nicht,“ rief Georg mit einer Erregung, die Ellinor erschreckte.„Ich wollte Dich nicht betrüben, Ellinor, aber nun muß ich Dir doch mittheilen, daß der Vater mir einen schmählichen Brief geschrieben hat. Er sagt, es sei ihm recht, daß Du vorgezogen, mit mir zu hausen; wir sollen nur beide dafür sorgen, daß wir ihm nie mehr unter die Augen kämen, ich mag Dir garnicht sagen, was der alte Mann noch Alles geschrieben hat.“
„Gieb mir seinen Brief; ich muß ihn lesen!“ rief Ellinor außer sich. Er suchte in den Taschen seines Schlafrockes und reichte ihr ihn gleichgültig hin. Sie las mit fliegendem Athem und ließ dann den Brief aus den Händen fallen; sie saß da wie zu Marmor erstarrt und schwere Thränen rannen über ihre bleichen Wangen. So schrieb ihr Vater, der gütige gemüthvolle Mann, der in seiner Denkungsart so vornehm und so edel war! War denn seit ihrer Mutter Tode die Welt für sie aus den Fugen gegangen? Georg hob das Schreiben vom Boden auf.„Gräme Dich doch nicht um den Alten, er ist kein Schäfchen. Wie er Wolle trägt, das habe ich vor Dir empfunden, mein liebes Kind,“ und er streichelte schmeichelnd Ellinor's volle Locken, sie aber saß bewegungslos, das bleiche Gesicht und die starren Augen auf ein unbekanntes Schreck— gespenst gerichtet, das sich drohend vor ihr erhob.
„Es soll Dir schon behaglich hier werden, Schwesterchen,“ fuhr er schmeichelnd fort;„ich habe schon in die Stadt geschickt und heute oder morgen kommen die Handwerker, die machen Dir oben
einige Zimmer zurecht, deren sich keine Prinzessin zu schämen hätte.
Mein Freund Berschau soll dafür sorgen, der versteht dies Alles aus dem ff. Es soll Dir schon wohl hier werden; es giebt einen Mann, dem Dein erster Anblick es angethan hat; auf den aber bin ich nicht eifersüchtig, und wenn ich Dich keinem Menschen gönnte, dem würde ich Dich gönnen.“ Sie erwiederte nichts, er merkte nicht, daß sie ihn nicht anhörte, ihn nicht verstand. Als er an das Fenster getreten war, um einen der Knechte hinauszurufen, verließ sie das Zimmer und gab sich oben in ihrer kleinen Stube einer Verzweiflung hin, in der nur noch eine Sehnsucht in ihr auftauchte, die nach dem Tode. Sie gestand es sich nicht ein, daß die Aussicht, immer hier zu bleiben, immer mit ihrem Bruder zu— sammen zu sein, ihr Heimweh verursache; seine Denkungsweise, seine


