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26.12.1886
 
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jammervolle Epistel, in der ich Dir mein Leid klagte, weil Ruth, ohne die ich nicht leben zu können glaubte, durchaus nichts von meiner Werbung wissen wollte, zu der ich wahrlich mühsam genug der Eltern Zustimmung erbettelt hatte. Glaube mir, sagt er mit schwer⸗ müthigem Lächeln,daß ich damals meine ganze Kraft brauchte, um standhaft zu überwinden. Nun hat sich die schäumende Hochflut allmählich verlaufen. Wir haben den alten Kinderton wiedergefunden, Ruth und ich, wir sind die besten Kameraden. Nur über Eins sprechen wir nie; in Einem hält sie mir nie Stand, dies Eine bist Du!

Ahnt es der gute Gesell, welchen Zauberborn er dem armen, heimwehkranken, verschmachteten Wandrer erschließt an der Schwelle der Heimath?

Ein seliges Licht, das in den ernsten, grauen Augen Detlev's emporblitzt, dankt ihm heißer, bewegter, als es tausend überströmende Worte vermocht hätten.

Nun folgt ein langes, trauliches, rührendes Auseinandersetzen und Plaudern. Wie viel giebt es da zu erklären, zu fragen, zu berichten! Detlev thaut ganz auf unter dem Hoffnungsstrahl, der so warm und sonnig in sein müdes Herz gesallen ist!

Freier, offener, als er es sich ja selbst gestanden hat, senkt er das Bekenntniß seiner eifersüchtigen, eigensinnigen Liebe in des Freundes Brust. Alle Qualen der Trennung, von dem trotzigen Entschluß an, in den todbringenden Fieberzonen Afrika's aufreibende, schmerz betäubende Berufsarbeit, Vergessen oder ewige Ruhe zu finden, bis zu dem Augenblick, wo das Herz gewaltsam die Fesseln des Entsagens brach und aus der Ferne, die weder Tod noch Vergessen gewährte, unabweisbar wieder heimwärts drängte, Alles beichtet nun der sonst so schweigsame, scheue Mund. Gleichsam als Dank für das empfangene Hoffnungsglück zahlt der zurückhaltende Mann sein freundschaftliches, hingebendes Vertrauen. f

Im blassen Frühlicht hält der Zug in B., der kleinen Station, wo alles so wohlbekannt, so mächtig an die Vergangenheit mahnt. Detlev läßt Koffer und Kisten zurück und nimmt fröhlich neben

Edmund auf dem Schlitten Platz.

Welch eine Fluth von Gefühlen, welch ein Hangen und Bangen, welch erwartungsvolle Pein während dieser Fahrt! Schweigsame, gedankenvolle Pausen wechseln mit Edmund's übermüthigem Lachen, mit Detlev's Berichten und Fragen ab.

Nun werden die Schloßthürme im sonnendurchblitzten Morgen nebel sichtbar.Soll ich nicht den Alten vorbereiten, daß Du kommst? fragt Edmund.Die Ueberraschung ist wohl zu groß für ihn. Auch ein freudiger Schreck kann einem morschen Körper

aden. 5 Detlev nickt.So steige ich am Eingang des Dorfes aus und komme zu Fuß nach; Du rüstet mir indessen einen traulichen Empfang.

Wie ein echter, rechter Glücksherold grüßt der junge Mann mit seinem von Kälte, Erregung und Freude gerötheten Antlitz zur Thür des Frühstückszimmers hinein, in welchem Herr Eckart dem jungen Mädchen gegenübersitzt, die ihm, während er den dampfenden Morgen trank schlürft, die Tagesberichte aus den umfangreichen Papierbogen eines Berliner Zeitungsblattes vorliest.

Lächelnd steht sie vom Sitz auf, um die Hunde abzuwehren, die freudig kläffend an dem Ankömmling emporspringen und um dann, als die Thiere sich folgsam in der Nähe des Kamins zu Boden ge schmiegt, dem Kameraden mit herzlichem:Willkommen! die Hand zu reichen.

Die fünf Jahre haben den rosigen Blüthenschmelz von Ruth's Wangen verweht. Es ist nicht das dunkle Hauskleid allein, welches sie so viel großer, schlanker und bleicher erscheinen läßt, als sie an jenem Abend im fröhlichen Festschmuck ausgesehn. Ein leiser, trauriger Zug liegt um ihren feinen Mund und giebt dem lieblichen Lächeln, das ihr noch immer eigen ist, eine geheime Wehmuth.

Rathet, was ich Euch bringe! sagt Edmund in bester Laune. Ich habe Euch Etwas mitgebracht, das einen ganz besonderen Dank verdient, und wenn Ihr errathet, was es ist, so gebe ich es schon heute her und nicht erst in acht Tagen zum Christfeste. Es ist das Schönste, Liebste, Erwünschteste, das ich auf weiter Erde für

Euch hätte finden können.

Schelmisch, herausfordernd sieht er in die erstaunten Gesichter. Ein Gedanke spiegelt sich auf Beiden; er furcht des alten Mannes Stirn und färbt des Mädchens Antlitz noch um einen Hauch bleicher denn zuvor. Wozu immer und immer wieder das vergebliche Hoffen?

Das, was ihnen dasErwünschteste auf weiter Erde wäre, bringt der lustige Bote ihnen sicherlich nicht heim!

Und doch? Welch ein fester, eiliger Schritt draußen auf der Treppe, welch ein stürmisches Klopfen an der Thür! Die Hunde springen auf's Neue empor, fetzt aber ist es nicht des Mädchens Hand, die sie zurückwehrt; wie elektrisirt springt der lahme, gicht kranke, alte Mann von seinem Sitze auf und weist die Lärmer zur Ruhe, als brauche er alle Sinne, um an diesem Klopfen zu er⸗ kennen, ob ihn die Hoffnung täuscht, die ihn plötzlich so stark und fest macht. Ehe noch sein: Herein! erklungen ist, öffnet sich die Thür; ein Schrei, ein Jauchzen, und mit wortloser Seligkeit hält der alte Mann die Erfüllung seiner liebsten Hoffnung in den Armen.

Ruth stützt sich mit der kleinen, zitternden Hand krampfhaft an die Stuhllehne, die sie taumelnd erfaßt hat, als sie den braunen Eindringling erkannte. Nun wendet er sich zu ihr, ergriffen und erschüttert bis zum tiefsten Grund seines Herzens.

Gott grüße Dich, Ruth! sagt er, indem er ihr die Hand reicht. Schnell hat sie sich gefaßt und bietet ihm nun still und zuckenden Mundes die kühle, zitternde Rechte. Einen Augenblick lang hält er sie in der Seinen, dann macht sie sich frei; und während der glückliche Alte nicht müde wird, zu staunen, zu fragen und den Heimgekehrten wieder und wieder zu umfassen, schleicht sie still hinaus.

Stunden verrinnen nun, ehe er sie wieder sieht; Herr Eckart läßt ihn nicht von seiner Seite, und er fühlt es, daß er dem guten, alten Manne das rückhaltloseste Bekenntniß schuldig sei als kleines Entgelt für den Schwerz und Kummer der langen Jahre. Während er beichtet und um Vergebung bittet, kniet Ruth droben in ihrem kleinen, geschmackvoll und kostbar ausgestatteten Zimmer am Rande ihres Lagers und birgt das thränenüberströmte Antlitz in die Kissen. Sie hat ihr Weh so lange tapfer und still getragen; warum denn jetzt diese Schmerzerzensfluth, da das trübe Leid zu Ende geht?!

Allmählich kehrt ihre Festigkeit wieder. Sie trocknet die Augen und badet das Antlitz in klarem Wasser, bis sie die letzte Schmerzens spur verschwunden glaubt. Dann glättet sie die zerdrückten Kissen und geht hinab, um in Haus und Hof allerlei anzuordnen, wie sie es nun seit Jahren gewöhnt ist. Lächelnd giebt sie den erstaunten Leuten Bescheid, denen die Wiederkehr des jungen Herrn wie ein Märchen erscheint. Als sie endlich wieder in's Zimmer tritt, wo Detlev mit ineinander geschlungenen Armen auf- und abschreitet und dem gespannt lauschenden Hörer seine Erlebnisse kund thut, ist ihr Gesicht heiter und ruhig. a

Nach dem Mittagsmahl, bei welchem der fröhliche Klang der Krystalgläser das Wohl des Heimgekehrten feiert, nickt der alte Herr, wie er es seit langer Zeit zu thun pflegt, im Lehnstuhl ein. Die Mittagssonne schimmert draußen auf den Gleisen und Zweigen, und Ruth folgt nach kurzem Zögern Detlev's Bitten, den es unwider stehlich drängt, an ihrer Seite die alten, trauten, beschneiten Park pfade entlang zu wandern.

Bist Du mir böse, Ruth? fragt er sie innig, als sie still und blaß auf dem knirschenden Schnee neben ihm herschreitet.

Du hast uns viel, viel abzubitten, Detlev! entgegnete sie ruhig.Fünf Jahre lang zu schweigen! Wußtest Du nicht, daß Du Deinem Vater damit das Herz brechen konntest?

Er zieht traulich ihre Hand durch seinen Arm.Kannst Du mir nicht verzeihen? sagt er.

Sie schüttelt gedankenvoll das Köpfchen.Weißt Du, daß er in Todesgefahr war, daß der Schlag ihn getroffen hat? Er hatte Niemanden bei sich als mich, aber alle seine Sehnsucht, als er glaubte, sterben zu müssen, warst Du. Das waren schwere, un vergeßliche Zeiten!

Mit banger Klage schaut sie zu ihm auf.

Du scheinst mir nichts schenken zu wollen, Du unerbittlicher Richter, sagt er lächelnd.

Nein, entgegnet sie;nichts, ganz gewiß nicht! Du verdienst es auch nicht! Du hast uns zu namenlos weh ge than; alle Dankbarkeit, die ich gegen Dich empfand, ist nun aufgehoben, wie schön und warm sie mich auch einst erfüllte. Alle Wohlthat, die Du mir erwiesen, die mir wie eine schöne, heilige Schuld erschienen, hast Du tausend Mal aufgehoben durch Dein langes, böses Schweigen; nun habe ich das Gefühl, als seien wir fertig mit einander!

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