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Eine Ahnung, gleichsam ein tiefer, seliger Schauer, ging in jener Stunde durch Detlev's Herz.— Anders, als er es daheim anzu⸗ sehen gewöhnt war, nahm er des Mädchens Bild mit in die Fremde. Tag für Tag träumte er sie sich lieblicher,— und doch wurde sein kühnstes Träumen überstrahlt, als sie selbst ihm nach dem endlosen Jahr der Trennung eentgegentrat.
Seine geheime Liebe, die ihn während der ganzen Zeit so reich, so still, so namenlos beglückt hatte, machte ihn nun, da er dem Wunder ihrer vollerblühten Schönheit gegenüber stand, betroffen und traurig.— Ihr zutraulicher Gruß, ihr Fragen, ihr holdes Lachen that ihm viel tausendmal mehr weh, als wohl. Die ganze Heimath war ihm fremd geworden.
Als er Edmund wieder sah, der seit Kurzem in der nächsten Garnisonsstadt als jüngster Rittmeister stand und der jeden Urlaub daheim zubrachte, ihn, auf den er sich so sehr gefreut hatte, wußte er es auf einmal, was ihn traurig machte. Seit jener Stunde saß das Leid an seinem Herzen. Es machte ihn bitter und ungerecht; er wußte es und konnte doch nicht entfliehn.
In seiner Arbeit suchte er Trost.
Er hatte sich den geheimnißvollen Herd menschlichen Seins, das Herz mit seiner nimmermüden Arbeit, seinem wunderbaren Leben und Beleben, mit seinen Krankheiten und Schmerzen, zum Hauptinhalt seines Studiums gemacht. Seine Doktorarbeit, an der er nun seit
Jahren unermüdlich schuf, besserte und feilte und durch die er manches Neue, manchen Hinweis, manche Aufklärung zu geben, sich vielleicht mit einem Schlage bekannt zu machen hoffte, wuchs und vollendete sich unter den Kämpfen, die sein eigenes Herz ihm bereitete und die doch so himmelfern von den Gebieten seines Wissens und seiner Kunst lagen.
III.
Fünf Jahre sind seitdem verronnen.
Durch den blauen, eiskalten Schneenebel der Dezembernacht blitzen die Laternen des pfeilschnell dahinrollenden Bahnzuges gleich fliegenden Sternen. Die behagliche Wärme der Coupe's vermag die Eisblumen der Fenster nicht hinwegzuthauen, aufdringlich, bitter und scharf dringt die Kälte durch den kleinsten Spalt.
In der Ecke eines weichgepolsterten, gut durchheizten und durch— leuchteten Waggons lehnt ein hagerer, wetterbrauner Mann. Ge— dankenvoll verliert sich sein Blick in dem blauen Schein der Winter⸗ nacht, der durch die Krystalschicht der Scheiben sichtbar wird; aber nicht weich und träumerisch ist der Ausdruck dieser grauen, dunkel— umschatteten Augen, und doch schmeichelt ihm das matte Eislicht unwiderstehliche, unabweisbare Erinnerungen in die Seele.
Es giebt Naturen, denen das Bewußtsein, über das Wünschen und Wollen des eigenen Herzens gesiegt zu haben, das Entbehren leicht und lieb macht. Es sind edle, auserwählte Naturen, und ihre Seelengröße rückt sie sicher dem Himmel nahe. Aber der Mensch, der wahre, vollausgeprägte Mensch als Mittelpunkt des kleinen, engen, menschlichen Getriebes lernt schwer entsagen; ihm wenigstens ist das Entsagen kein Glück; er fühlt den bittern, brennenden Beigeschmack, wie ihn das Brot und der Trank der Armuth an sich trägt, mit denen der Bettler unwillig Hunger und Durst stillt, weil er, ohne zu wollen, das lachende Bild eines wohlbestellten, fröhlich dampfenden und duftenden Mahles vor Augen hat.
Und wenn er noch so herzhaft die herbe Kost genießt,— Jahre lang trägt er es vielleicht,— aber plötzlich überkommt ihn doch das brennende Verlangen,— der Heißhunger nach Glück! Dann ist die Kraft des Darbens auf einmal zu Ende. Verdrossen und müde schüttet er den traurigen, schalen Trank bei Seite,— ach, einen Tropfen nur vom Feuerwein irdischer Wonnen, einen Hauch nur vom Dufte des Lebens, und dann——
Mit einem tiefen, langen Seufzer entreißt sich der Mann seinen Träumereien, er knöpft den Reisemantel zu und streift den einzigen Genossen, einen Herrn in Uniform, der schweigend, in die entgegen— gesetzte Ecke des Coupe's gelehnt, von Berlin bis hierher mit ihm zurückgelegt, mit einem flüchtigen Blick, gleichsam als schäme er sich des Seufzers, den dieser vernommen hat.
Schon lange hat derselbe den finsteren Träumer aufmerksam, gespannt gemustert und beobachtet;— nun fließen die Blicke der beiden Männer einen Moment lang ineinander; eine flüchtige Röthe überzieht die Wangen des Einen, der Andre aber ruft mit dem un—
verstellten, jubelnden Klang der Stimme, wie ihn nur die fröhlichste Laune kennt:
„Detlev!? Ist es möglich?“
Da hilft keine Abwehr, kein fremdes, eisiges Gebahren, kein Ernst und keine Würde.— Eine Freude des Erkennens, welche sich so deutlich, so aufrichtig durch nasse, selig blitzende Augen, durch mühsam verhaltenes Zittern der Stimme kund thut, läßt sich durch kühle Zurück⸗ haltung nicht leicht dammen;— nein, warm und frisch fluthet sie über und schmilzt das Eis, das ihr trotzen wollte.
Wundersam wirkt das Lächeln, das dem ernsten Mann nun doch
über die braunen Züge gleitet.
„Welch ein Wiedersehn!“ sagte er bewegt.„Glaube mir, Edmund, daß ich Dich wirklich nicht erkannte!“
„Mir fielst Du gleich auf, Du verschollener Weltumsegler,“ ent— gegnet der Andre zwischen Lachen und Rührung,„trotz Deines ehr⸗ würdigen Bartes und Deines abgemagerten Gesichts. Du ahnst nicht, wie glücklich ich bin, daß ich Dich wieder habe! Ach, schau nicht so furchtbar ernst darein! Du hast ja das finstre Stirnrunzeln, das Du schon in früheren, fröhlichen Zeiten zu üben pflegtest, zu einer förmlichen Virtuosität ausgebildet!— Nun aber rede: Woher?— Wohin?“—
Er hat Detlev's beide Hände erfaßt, und indem er ihm froh und tief in die Augen schaut, sucht er mit seinen strahlenden Blicken in der Seele desselben zu lesen. f
Gespannt und beklommen sucht Detlev nach Worten. Zuviel beengt ihm die Brust, zuviel wäre zu sagen, zu fragen nach fünf⸗ jährigem, eigensinnigem Fernbleiben von daheim,— zu viel!— Und schließlich doch nur Eins!
Edmund ist kein Freund vom Warten, zumal jetzt, wo ihm so Vieles den Sinn bewegt.
„Weißt Du, daß ich mir Mühe geben muß, an Dein Lebendigsein zu glauben, Du Lieber, Böser? Ich sage Dir's offen, daß ich Dich in Gedanken längst unter die Todten gebettet hatte; denn daß Du lebst und fünf Jahre lang schweigen kannst, allen Zuschriften und Nachforschungen zum Trotz, das war nicht zu glauben! Nach einem solchen Examen, nach einem so glänzenden Erfolg, mit solchen Kennt⸗ nissen der bedürftigen, erwartungsvollen Menschheit unter den Händen weg zu verschwinden!— Hast Du keinen unsrer Briefe erhalten?“
„Nicht einen, Edmund.— Es lag mir zu viel daran, ganz und
gar nichts von daheim zu erfahren, ganz und gar für Euch todt zu
sein!“ sagt Detlev nach kurzem Entschluß.„Deshalb verwischte und
vertilgte ich meine Spuren so sorgsam und führte Euch über die.
Richtung meiner Bahn so völlig irre. Die Genugthuung, daß mir dies gelungen, war, nebst der Freude über einige dem Fieber ent⸗ rissene Menschenleben, das einzige Frohe, was diese fünf Jahre mir gebracht haben. Aber nun,“ fährt er fort, froh, daß der trübe Bann des Schweigens gebrochen ist und doch zögernd, als bange er vor dem Bescheid,„wie steht es in Rotau? Lebt mein Vater? Treffe ich ihn? und wie?—“
Edmunds Lächeln nimmt dem Augenblick seine peinliche, qual— volle Spannung.
„Ein wenig grillig und verhärmt über Dein Ausbleiben, ein wenig schwerfällig durch die Gicht und durch einen leichten Schlag— anfall, den er im Uebrigen glücklich überwunden hat,“ entgegnet er, „sonst aber immer noch als den alten. Ahnt er, daß Du kommst?“
Detlev schüttelt gedankenvoll den Kopf.
Edmunds Antlitz strahlt vor Entzücken über die Weihnachts— überraschung, die seinem alten Freund bevorsteht.
„Das gestehe ich!“ sagt er,„Du weißt Deine Leute in Staunen zu versetzen! Wie wird Herr Eckart sich freuen, und das Mädchen—“ fügt er leiser hinzu.
Betroffen mißt ihn Detlev's Blick; eine jähe Gluth färbt seine braunen Wangen.„Das Mädchen?“ stammelte er verwirrt.„Meinst Du Ruth? Ist sie daheim? Ist sie nicht———“
Nun folgt ein sekundenlanges, wirklich peinliches Schweigen, unter dessen Bann auch Edmunds Lächeln erstirbt. Trotzdem aber ist er es, der zuerst die Fassung zurückgewinnt.
„Höre, Detlev,“ sagt er innig und treuherzig,„laß mich offen sein! Ich ahnte zuweilen, warum Du entflohst.— Hättest Du nicht allen meinen Briefen den Weg zu Dir abgeschnitten, so hätte viel⸗ leicht schon einer der ersten Dich zur Heimkehr bewogen.— Denn nicht lange nach Deinem Fortgehen schrieb ich Dir nach Ostindien, wo wir Dich Deinen falschen Angaben nach vermutheten, eine gar


