Ausgabe 
26.12.1886
 
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Detlev's Herz ist zu selig, als daß ihre Vorwürfe sein junges Glück verdunkelt hätten; er hört nur Eins heraus aus allem, was sie sagt: daß sie ihn vermißte, daß sie um ihn bangte und zagte, daß sie ihn liebt, trotz all des schwermüthigen Ernstes, mit dem sie drein schaut.

Nun muß ja Alles, Alles gut werden! sagt er warm.

Meinst Du? entgegnet sie traurig.Glaubst Du nicht daran, daß es Dinge giebt, die nie wieder gut zu machen sind? Hast Du je gehört, daß eine welke Blume neu erblühte?

Erariffen schaut er zu ihr nieder; ein unaussprechlich weiches, süßes Beben durchschauert sein Herz. Er sagt ihr Alles, Alles, was in ihm glüht, mit zitternden Worten gesteht er ihr sein Lieben und Sehnen, das überwundene Leid und das Hoffen, das ihn nun erfüllt.

Sie aber läßt sich nichts abgewinnen; ernst und abwehrend schüttelt sie den Kopf; alle seine fröhliche Zuversicht, sein heißes Werben scheitert an ihrem traurigen Wort:Es ist zu spät!

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Nun hallen wieder die Weihnachtsglocken durch's Dorf. Die Sonne hat sich den ganzen Tag lang vergeblich durch die Schnee⸗ wolken hindurchgemüht; nun stirbt der letzte Dämmerschein des Tages im traulichen Dunkel der Christnacht.

Im großen Saale von Ober-Rotau breitet Ruth auf langen Tafeln die Bescheerung für die Dorfkinder aus, die ihre fleißigen Hände fürsorglich zusammengestellt. Detlev hilft ihr, die Lichter an den kleinen Fichtenbäumchen befestigen und die Goldsterne an ihre Spitzen heften.

Schweigend beobachtet er sie dabei, wie sie sorglich und flink hin- und hereilt, prüft, mustert und vertheilt.

Es ist nun bestimmt, Ruth, sagt er endlich,ich reise heute heut Nacht. So wie es ist, trage ich es nicht länger.

Sie beugt sich still auf den bunten Kram herab, den sie eben auf den Tisch gebreitet hat.Weiß es Dein Vater? fragt sie leise.

Nein; Niemand weiß es außer Dir und dem Kutscher, der mich nach B. fahren soll und dem ich sein Schweigen hinreichend gelohnt habe. Ich schreibe dem Vater von Triest aus und werde ihm überhaupt nun oft treulich Nachricht senden. Ich habe keinen Grund mehr, zu schweigen. Hier bleiben kann ich nicht! sagte er düster.

Ruth hat, während er sprach, die Christstollen und das süße Mandelgebäck unter die Bäumchen gelegt. Er soll es nicht sehen, daß ihre Finger zittern. i

Der arme Vater! sagt sie traurig.Es ist gut, daß er heute nichts erfährt, er hat sich so sehr auf dieses Weihnachten gefreut!

Du könntest alles noch gut machen, Ruth, entgegnet er; aber sein Wort erstirbt in dem Jubel der kleinen Schaar, die sich nun erwartungsvoll und jauchzend vor der Thür aufgestellt hat und den Moment erwartet, der für sie den Licht- und Glanzpunkt des langen, traurigen Jahres bildet.

Dürfen die kleinen Geister kommen? schallt Herrn Eckart's Stimme von draußen herein.

Gleich, gleich! sagt Ruth, indem sie die letzten Lichter an zündet. Dann öffnet sich die Thür und die Kleinen trippeln, stumm und geblendet von dem Lichterglanz, herein.

Ruth weist darauf jedem sein Plätzchen an; sie hat für jedes das Rechte getroffen, mit seligem Jubel danken ihr die Beschenkten.

Sie ist der gute Engel des ganzen Dorfes, sagt Herr Eckart zu Detlev, während er von seinem Lehnstuhl aus mit nassen Blicken der lieblichen Mädchengestalt folgt, die von Einem zum Andern schreitet und den Kleinen die Gaben des Christkindchens in die mit gebrachten Tücher und Körbe verpacken hilft.

Nun kommt unsere Christfeier an die Reihe, ruft ihr der Alte in fröhlichster Laune zu, als der Dank und das Jauchzen der Kinder verhallt und der letzte, kleine, flachslockige Gast hinaus geleitet ist.

Zur Seite der hohen, im Schmuck von unzähligen, schimmernden Kerzenflammen prangenden Edeltanne rüstet Ruth nun die kleinen Festgeschenke, die sie für den Pflegevater bereit hält, während dieser im Nebenzimmer mit Detlev vereint all den bunten, sinnigen Tand und Flitter ausbreitet, mit dem er Ruth zu beschenken pflegt.

Nun folgt ein gegenseitiges Geben, Danken und Freuen.

Für Dich habe ich nichts, Detlev, sagt das junge Mädchen, als sie sieht, wie der Jugendfreund träumerisch jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgt.

Wirklich nicht? entgegnete er, indem er ihr flehend und be redt in die Augen schaut.

Mußt Du unabänderlich heut fort? fragt sie statt jeder Antwort. g

Unabänderlich, wenn ich das Schiff noch treffen will, das mich hinüber führen soll!

Bis tief in die Nacht hinein sitzen die Drei um den traulichen Theetisch vereint.

Das war doch einmal wieder ein rechter Weihnachtsabend nach langer Zeit! sagt Herr Eckart, als er seine Pfeife zu Ende geraucht hat und die Lider nun von Müdigkeit schwer werden fühlt. Nacht, Kinder, viel hält der alte Körper nicht mehr aus!

Von Ruth's Hand gestützt, geht er hinaus.

Kommst Du noch einmal herunter? ruft Detlev dem Mädchen nach.

Sie lächelt und nickt.Vielleicht! sagt sie leise.

Klopfenden Herzens steht er vor der Tanne, deren verlöschende Kerzen er durch neue ersetzt, um den lieben, langenthehrten Glanz

und Schimmer noch nicht ersterben zu sehn. Ihr leichter Tritt schreckt ihn empor.

Noch eine Stunde habe ich Zeit, sagt er, indem er ihre Hand erfaßt.Willst Du mir, statt Deines ganzen Lebens, wenigstens diese eine Stunde schenken, Ruth?

Du verdienst es nicht, sagt sie ernst, aber doch bleibt sie, und beim Lichte des Weihnachtsbaumes werden nun alle die traurig⸗ süßen Kindheitserinnerungen wach und laut, die sich ihr an das traute Fest der Liebe knüpfen. Jener Tag, an dem sie der Schein der leuchtenden Tanne zu einem neuen Leben erweckt, an dem sie nach langem, mühseligen Entbehren eine Heimath gefunden, steht noch mit allen Einzelnheiten vor ihrer Seele, und mit feuchten Augen

weiß sie gar rührend davon zu erzählen. Er lauscht ihrem Ge⸗ ö

plauder wie einer schönen, frommen Sage, obgleich auch ihm jeder

Augenblick jenes Tages noch greifbar⸗deutlich vor der Seele steht.

So schwindet die Scheidestunde.

Gute

Mit ihrer unter der Schneedecke heiser gewordenen Stimme kündet 0

die Thurmuhr Mitternacht.

Nun muß ich scheiden! sagt Detlev. Er steht auf und fühlt,

wie all sein Blut ihm in heißen, mächtigen Wellen nach dem Herzen

drängt.

Ruth ist bleich und gefaßt.Warte noch einen Augenblick, 1

ich habe Dir noch etwas zu geben, ehe Du gehst! sagt sie leise. Eine Christgabe? jauchzt er bei allem Leid.

Sie lächelt geheimnißvoll, und während er in unsäglicher Spannung 5

jedem ihrer Schritte mit den Blicken folgt, geht sie ruhig zum Flügel,

rückt sich den Sessel und die Lichter zurecht und beginnt nun mit 1

süßer, zitternder Stimme eins jener kindlich-holden, herzbewegenden

Weihnachtslieder zu singen, in denen der ganze geheimnißvolle Zauber 4

des wunderbaren, christlichen Liebesgedankens zum Ausdruck kommt. Detlev hört ihr zu, schwankend zwischen Rührung, Staunen und

Ungeduld. Immer voller, reiner und mächtiger ringt sich ihre Stimme

aus der thränenvollen Bewegung, die sie anfangs umflort hält, hervor.

Nun sitzt der ungeduldige Mann in der dunkelsten Ecke des Zimmers, 1

er hat die Hände im Schoß gefaltet und lauscht, während große, brennende Tropfen über seine Wangen rollen.

Das Weihnachtslied ist zu Ende, aber die Verzauberung dauert fort. Alle jene unvergeßlichen Klänge, die sie ihm früher im Dämmer schein so oft vorgesungen, bei welchen er die schönsten Träume seines Lebens geträumt hat, läßt sie ertönen.

Draußen stampfen die Pferde im Schnee, und ein paar Mal scheint es, als wolle der lauschende Träumer den Bann gewaltsam von sich abschütteln und sich zum Abschied ermannen. Wenn er den Zug versäumt, so muß er die Ausführung seines Reiseplanes wieder auf lange verschieben, denn das Schiff fährt in zwei Tagen ab, und um diesen Christabend daheim zu verleben, hat er seine Abreise bis zum letzten Zuge verschoben.

Als Ruth ihren Sang beendet hat, ist wirklich jede Möglichkeit, noch zurecht zu kommen, vorbei.

Er weiß es; und sie weiß es auch, denn lächelnd schreitet sie auf ihn zu und sagt:Nun habe ich Dich doch wohl zu lange auf- gehalten, Detlev? Was thust Du nun?

Was Du willst! entgegnet er weich.

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