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Martina las: Konrad Heddenheim. Ein jäher Schreck durch⸗ zuckte sie. Wollte, konnte sie ihn denn sehen?„Ich—“ bedaure, sollte folgen, sie stockte eine Sekunde, noch ehe das Wort über ihre Lippen gekommen, stand er vor ihr.
„Verzeihen Sie, ich— durfte mich nicht abweisen lassen.“
Das Mädchen schlüpfte lächelnd zur Thür hinaus, und nun standen sie sich allein gegenüber.
Einen Moment schwiegen Beide, verwirrt, entzückt, in ihren Anblick verloren.
„Ich fürchtete, Sie würden mich nicht sehen wollen, Sie hatten ja ein Recht dazu,“ begann er, zuerst gefaßt„und doch mußten Sie wenigstens hören, was ich Ihnen zu sagen hatte, daß ich in der Trennung von Ihnen, in der heißen, schmerzlichen Sehnsucht nach Ihnen erkannt habe, daß ich ein Thor war, daß es nichts Höheres giebt als die Liebe, daß sie Alles überwindet, Alles zudeckt. Ver⸗ geben Sie mir, Martina, was ich in wahnsinniger Verblendung
„Sie hier? Weshalb und mit welchem Erfolge, das haben Sie mir soeben gezeigt,“ sagte sie.„Sie scheinen vergessen zu haben, daß ich Ihnen erklärte: jetzt bekommen Sie das Mädchen nicht mehr.“
„Tante!“ unterbrach sie Martina mit bittend aufgehobenen Händen.
„Nun, nun, fürchte Dich nicht, ich bin kein Tyrann,“ fuhr Frau von Hartwitz fort,„ich sehe ja, daß Du bereits entschieden hast, und“— sie bot Heddenheim die Hand und faßte dieselbe mit kräftigem Drucke,„machen Sie das Kind glücklich, dann soll das Vergangene vergessen sein. Für Dich Martina,“ wandte sie sich dann wieder an diese,„wird jetzt die Ermahnung: Kopf in die Höhe! mit der ich zu Dir eintreten wollte, auch überflüssig; Dein ganzes Gesicht leuchtet wie ein Sonnenstrahl.“
Damit waren die hochgehenden Wogen des Gefühls gesänftigt und Frau von Hartwitz setzte nun im Tone äußerster Befriedigung hinzu:„Morgen treten wir gemeinschaftlich die Heimreise an.“
Katzenfrühstück. Nach dem Originalgemälde von Wilh. Schütze.
gethan, ich kann nicht leben, nicht glücklich sein ohne Sie, versuchen Sie zu vergessen, was zwischen heute und jener seligen Stunde, da wir uns am Seestrande trafen, liegt, denken Sie, daß ich in einen bösen Fiebertraum versunken war, der häßliche, thörichte Vorstellungen in mir erweckte, daß ich aus ihm erwacht bin und nun weiß, daß es nichts giebt, was die Reinheit und Holdseligkeit Ihres Wesens trüben könnte, daß das Höchste, einzig Begehrenswerthe, einzig Be— seligende für mich Ihre Liebe ist. O Martina, seien Sie gütig, vergessen, vergeben Sie!“
Er hatte ihre Hände ergriffen und sie entzog sie ihm nicht.
„Nein, nein, Sie hatten recht damals, ich war die Thörichte, die Verblendete— nun aber— o Konrad— meine Mutter war keine Mörderin! Sie ist todt— heute haben wir sie begraben, sie wird sich nicht mehr in Ihr reines Leben drängen.“
Er sah sie erstaunt, verwirrt an.„Wie—ich verstehe Sie nicht.“—
„Sie sollen Alles erfahren— später— nicht jetzt— O, Konrad, ist es denn wahr— kein Traum, daß Sie vor mir stehen und— mich noch lieben?“
„Martina!“ Es war ein Jubelschrei und dann hielt er die Geliebte in seinen Armen.
Der Ruf:„Heddenheim!“ weckte die Glücklichen aus ihrer Ver—
sunkenheit. Frau von Hartwitz stand mitten im Zimmer vor ihnen.
Einige Tage später kehrten die Damen nach Ornshagen zurück. Es war ein freudiges Wiedersehen zwischen Martina und Anneliese und Frau von Hartwitz meinte in den nun folgenden Sommer⸗ monaten, sie werde neben den zwei Brautpaaren selbst wieder jung.
Weber mußte sich nun trotz alledem entschließen, mit der Hochzeit bis zum Herbst zu warten, denn Martina und Anneliese hatten es ausgemacht, daß sie diese an einem und demselben Tage feiern wollten.
Die Septembersonne sandte ihre hellsten Strahlen durch die Epheuwand in das große Zimmer in Ornshagen, als vier glückliche Menschen das Ja sprachen, das ihr Leben in neue Bahnen lenkte; und als später, bei dem Hochzeitsmahl, Frau von Hartwitz es sich nicht nehmen ließ, selbst den Toast auf die jungen Ehepaare in kräftigen und herzlichen Worten auszubringen, sahen sich beide Paare mit seligem Lächeln tief in die Augen und aus Beider Blicken
sprach es:„Wir sind die Glücklichsten!“
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