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die Frau, bei welcher Blanche wohnte, so gefügig gemacht, daß diese bereitwillig wieder mit ihren Kindern in dem Vorraum zu bleiben versprach, da die Damen mit der Kranken allein zu sein wünschten, die übrigens, wie sie versicherte, jetzt sehr elend und schwach sei—
Martina blieb zitternd an der Thür stehen, sie fühlte ihr Herz bis hoch zum Halse hinaufschlagen, während Frau von Hartwitz zu Blanche, die jetzt auf dem Bette lag, ging und sagte:„Ich bin wiedergekommen, wie ich es versprach und nicht allein, Martina hat mich begleitet, Ihre Tochter wünscht Sie zu sehen.“
Blanche richtete sich heftig auf.„Jeanne, Jeanne, wo ist sie?“ rief sie, während ihre eingesunkenen, fieberglänzenden Augen unruhig umherblickten.
Martina trat an sie heran.„Hier bin ich.“ Sie hatte ihre ganze Kraft zusammengenommen, aber als jetzt Blanche ihre Hände ergriff und sie durchdringend und verlangend anstarrte, als sie in den zerstörten Zügen des elenden, verkommenen Weibes vor ihr die eigenen wiederfand, da fühlte sie sich von einem Schauder erfaßt, den sie kaum zu beherrschen vermochte.
„Es ist gut von Dir, daß Du kommst, Jeanne,“ rief Blanche, „gut, gut, trotzdem ich schlecht zu Dir war, Dich verließ, aber was sollte ich machen, ich mußte doch fliehen! Und es ist zu Deinem Glück gewesen, Dir geht es besser als Deiner Mutter!— bei mir— was wäre aus Dir geworden— Dein Alter wäre gewesen wie meines! Wie schön Du bist, schöner als ich war und doch— ich habe Dich erkannt, es sind meine Augen und Haare; meine kleine Jeanne, so sprich doch nur ein Wort, ich will Deine Stimme hören— sage nur ein Wort!“
Unter diesen stürmisch hervorgestoßenen Reden, war in Martina's Herzen das Mitleid zurückgekehrt, sie fühlte sich tief ergriffen und sagte leise:„Meine arme Mutter!“
Mutter, also doch noch einmal Mutter von Dir genannt, Du vergiebst mir— hast mich lieb— trotz alledem?“
Martina nickte nur; sie vermochte nicht zu sagen, daß sie sie liebte, es wäre eine Lüge gewesen, sie empfand nichts als Mitleid.
Frau von Hartwitz kam den widerstreitenden Gefühlen in ihr zu Hilfe.„Keine Scenen und keine unnöthigen Erregungen,“ sagte sie in ihrer energischen Weise, der alle überströmenden Gefühls— ergießungen widerstrebten.„Martina weiß Alles und hat sich ent— schlossen, Sie aufzusuchen. Liebesbande, wie zwischen Mutter und Kind, können zwischen Ihnen nicht existiren, das müssen Sie sich klar machen. Alle Auseinandersetzungen und Aufregungen haben keinen Zweck und schaden Ihnen nur.— Wie fühlen Sie sich?“
Schlecht, sehr schwach.“
Ihre Kraft schien auch erschöpft, denn sie warf sich wieder auf das Lager zurück und schloß die Augen.
„Ist ein Arzt bei Ihnen gewesen?“
„Ja, dort steht Arzenei, auch Wein, den ich trinken soll, doch“— ein höhnisches Lächeln zuckte um ihren Mund—„ich merkte, daß die schönen Worte, die er redete, nichts bedeuteten, er wußte sehr gut, daß mir nicht mehr zu helfen ist! Wozu auch? Unsereins darf nur jung leben, werden wir alt, so muß der Tod kommen.“
Martina hatte sich auf den Stuhl neben dem Bett niedergelassen und sah mit einem hilflosen Blick zu Frau von Hartwitz hinüber. Diese verstand die stumme Frage: ob es ihre Pflicht sei zu bleiben.
„Wir wollen Sie in eine andere und bessere Wohnung bringen,“ sagte sie,„und für eine Pflegerin sorgen, die Tag und Nacht bei Ihnen bleibt.“
Blanche hob abweisend die Hand.„Um Gotteswillen nicht, ich will hier bleiben; die Frau ist gut, und wenn Sie ihr Geld geben, sorgt sie für Alles. Ich mag nichts Anderes, Neues.“
„Wie Sie wollen,“ erwiderte Frau von Hartwitz gleichmüthig, „es soll Ihnen an dem, was Sie hier haben können, nicht fehlen, und morgen sehen wir swieder nach Ihnen. Komm jetzt, Marting.“
Blanche selbst schien nichts anderes zu verlangen; nachdem der erste Moment vorüber, war ihr Martina doch kaum etwas anderes, als die fremde, vornehme Dame, die ihrer Gefühls- und Gedanken— welt fern stand und deren Gegenwart sie beengte.
„Lebe wohl, Jeanne, ich danke Dir,“ flüsterte sie, ihre Hand drückend.
„Gute Nacht, Mutter,“ klang es von Martkina's Lippen zurück. Draußen empfahl Frau von Hartwitz der Frau noch alle Für—
sorge für Blanche an, unter dem Versprechen, Alles bezahlen und sie selbst für ihre Mühe entschädigen zu wollen.. 4 ö Martina befand sich in einem Zustande widerspruchsvollsten Empfindens: halb ein Gefühl beseligender Befreiung, daß die Schuld des Mordes nicht auf ihrer Mutter lastete, halb ein grenzenloser Jammer, daß diese Frau eben ihre Mutter sei. Sie fühlte sich U von ihr zurückgestoßen und konnte doch, fern von ihr, nicht zun Ruhe kommen, denn der Gedanke, daß es trotz alledem die Pflicht 0 der Tochter sei, bei der kranken Mutter zu bleiben, quälte sie.
über Empfindungen zuwider, sie nannte das Gefühlsschwelgerei; so hatte Martina sich daran gewöhnt, das, was sie am tiefsten bewegte, in sich zu verschließen, und auch jetzt vermochte sie nicht sich aus. zusprechen. Schweigend, bleich und von innerer Unruhe gequält, ö verbrachte sie den Abend, in der Nacht schlief sie wenig, und am nächsten Morgen sagte sie schon während des Frühstücks:„Tante, ich glaube, ich muß zu— meiner Mutter.“ Frau von Hartwitz nickte zustimmend.„Gewiß, mein Kind,
wir haben es ja versprochen, heute wiederzukommen, ich begleite Dich also, doch erst etwas später.„Beruhige Dich, Martina, Du ver⸗— säumst keine Pflicht,“ fügte sie hinzu, nachdem sie in des Mädchens unruhig flimmernde Augen gesehen hatte.
Martina seufzte schweigend und Frau von Hartwitz sah ein, daß es doch am besten sein würde, bald den Weg zu Blanche anzutreten.
„Sie finden die Kranke sehr schlecht,“ rief ihnen die Frau, mit der sie auf der Treppe zusammentrafen, entgegen,„ich habe die Nacht kaum geschlafen, sie warf sich unruhig hin und her und sprach allerhand wirres Zeug durcheinander. Jetzt liegt sie ganz schwach da, sie mag nicht die Hand heben, wollte auch garnichts genießen.“
„Nun, wir werden sehen,“ meinte Frau von Hartwitz.
Als sie an ihr Bett traten, zeigte der erste Blick schon die augen- fällige Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, und Frau von Hartwitz zweifelte nicht, daß sie eine Sterbende vor sich hatte. Blanche lag, schwer athmend, mit geschlossenen Augen, und erst als Martina flüsternd„Mutter“ sagte, schlug sie sie auf und sah sie mit einem leeren Blick an, in dem dann allmählich ein Verständniß auf-. zudämmern begann.
„Du bist es also wirklich? Ich habe es nicht geträumt— daß Du lebst— Du bist gut— Du hast mir vergeben— nun— will ich sterben— das Leben ist nichts mehr— nichts— alt— krank— häßlich!— jung und schön— muß man sein.“
Sie hatte das mühsam, in abgebrochenen Sätzen, halb wie eine wirre Phantasie hervorgestoßen; dann lag sie wieder still, wie es schien in bewußtlosem Zustande. Der Athem wurde immer schwerer, nur hin und wieder flüsterte sie einige meist unverständliche, immer zusammenhanglose Worte. Martina saß stumm und unbeweglich an dem Bette; das gewaltige Schauspiel des Sterbens, das sich zum ersten Mal vor ihrem Blick entrollte, ergriff sie mit seinen tiefen Schauern und machte alle Fibern ihres Wesens erbeben. Frau von Hartwitz ging mit großen Schritten in der Stube umher; sie hatte viele Menschen sterben sehen und solche, deren Leben ein Segen ge wesen, denen schmerzliche Thränen nachgeflossen waren. Hier kam der Tod als ein Erlöser, der ein elendes Leben abschloß und Martina aus den Banden befreite, in die sie das Wiederfinden ihrer Mutter verstrickt hatte. 1
„Käme er nur bald und endete des armen Kindes Qualen,“ dachte sie, während sie in Martina's bleiches Gesicht sah— 1
Stunde auf Stunde verrann, die sich Beiden zu endloser Länge dehnten, und dann endlich kam der Augenblick, der das mit Schuld und Leid gefüllte Lebensbuch mit dem Wort Ende schloß. 5
Blanche hatte lange scheinbar besinnungslos gelegen, dann plötz⸗ lich riß sie die Augen auf, richtete sich in die Höhe, ein angsthafter Blick, ein banger Schrei:„Jeanne— Jeanne— wo bist Du— küsse mich!—“ 1
Martina beugte sich über sie und berührte ihren bleichen Mund, sie sank zurück;— mit dem Kuß ihres Kindes auf den Lippen war sie gestorben. 8
XVIII.
Für Weber waren die seit seiner Verlobung verflossenen Woch eine Reihe von sich immer schöner gestaltenden Tagen gewesen. war ihm eine täglich wachsende Freude, zu sehen, wie Anneliese
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