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Augen von den verschiedenfarbigen Nelkentöpfen herauf, die sie auf dem Balkon pflegte. Er muß wohl eine besondere Leidenschaft für die Nelken haben, so redete sie sich selber ein und dachte sich damit zu täuschen, aber ihr kleines Herz wiederholte ihr statt dessen unablässig:
„Die Nelken interessiren ihn eigentlich gar nicht, sondern er geht nur vorüber, um ein gewisses, blondes Köpfchen zu sehen, das man häufig mitten aus den Pflanzen auftauchen sieht. Frau Klara will vom blonden Köpfchen aber nichts wissen, und der Papa will von Frau Klara nichts wissen, deshalb empfängt er Mario im Hause nicht, so muß es wohl sein, oder vielmehr: so ist es, dar⸗ über ist gar kein Zweifel.“ Gut, gut, nun weiß ich Alles, sagte das junge Mädchen, und schlug mit triumphirender Miene die Hände zusammen, und stand, so oft sie nur konnte, auf dem Balkon, weil ihre Blumen ihr so gefielen, und wußte sich geliebt und glücklich; für den Augenblick verlangte sie nicht mehr.
VII.
Man befand sich im Anfang des Jahres 1866 und Gerüchte vom Kriege liefen in Italien um. Diese Gerüchte setzten die Be⸗ völkerung der ganzen Halbinsel in Bewegung, aber besonders die— jenige Venetiens, die auf eine nahe Befreiung hoffte. In Venedig war die Erregung allgemein und um so intensiver, als jenes von Natur mittheilungssüchtige Volk sich zusammennehmen und die Er⸗ regung bei sich verborgen halten mußte, um Oesterreich, das es unterdrückt hielt, keinen Grund zum Verdacht zu bieten. Dennoch las man auf allen Gesichtern die verborgene Hoffnung und die großen Ereignisse, die sich vorbereiteten, schwebten in der Luft. Der Gon⸗ dolier wagte es im Schweigen der Nacht manchmal, irgend einen von jenen Gesängen anzustimmen, die er im Jahre 1849 gesungen, und ihm war's, als lebten sie in jenen Tagen der Begeisterung und der Hoffnungen wieder auf. 1
In den Cafes plauderte man leise, und die Freunde wechselten ausdrucksvolle Blicke, in den Salons las man heimlich die Journale, die aus der Lombardei kamen, machte Kommentare dazu, und die Damen bereiteten mit bebenden Herzen Banner und Kokarden in den Nationalfarben vor. Alle erinnerten sich der Opfer von 1848, der Enttäuschungen von 1859, hielten sich besserer Tage vergewissert, und keiner dachte mehr an sich oder an Privatangelegenheiten; der Gedanke an das Vaterland absorbirte alles.
Frau Klara blickte auf diesen ganzen Wirrwarr mit scheelem Auge; auch sie war Italienerin bis in die Tiefe ihres Herzens, aber sie liebte ihren Sohn noch mehr als das Vaterland und diese Liebe machte sie furchtsam und klug. Sie sah Mario ganz erfüllt vom Enthusiasmus für die Sache der Freiheit, sich in den Dis— kussionen erhitzen, nur noch von den Nachrichten leben, die aus den erlösten Provinzen kamen, und zitterte davor, daß ihm der Gedanke kommen könne, die Waffen zu ergreifen und hinzugehen, um für sein Land zu kämpfen. Sie konnte Adelaide Cairoli nicht begreifen, die alle ihre Söhne in den Krieg schickte, sie bewunderte sie, wie eine Heldin, aber sie sagte von ihr, daß sie kein Mutterherz haben könne. Hätte sie viele Söhne gehabt, sie hätte sich darein gefunden, wenn auch immer blutenden Herzens, einen davon ausziehen zu sehen, aber da sie nur einen einzigen hatte, fühlte sie, daß sie das niemals würde überstehen können.
Sie suchte in allen ihren Gesprächen mit ihrem Sohn diesem beizubringen, daß es seine Pflicht sei, sie nicht zu verlassen, daß auch der Staat die einzigen Söhne respektire und sie nicht unter die Waffen rufe; dann, daß das Alles vielleicht nur Wallungen des Kopfes wären, und daß man nichts ausrichten werde, und endlich, daß die Sache, wenn sie überhaupt reif sei, gelingen werde, einer mehr oder weniger aber dabei nicht zähle.
Mario begriff das Ziel der Gespräche seiner Mutter, aber ob— gleich er entschlossen war, sein Blut für das Vaterland zu vergießen, wollte er es doch nicht thun, wenn er nicht auch die Nothwendigkeit davon einsähe, und seiner Mutter nicht ohne Nutzen einen derartigen Schmerz bereiten. So lange es sich nur um müßiges Geschwätz handelte, verhielt er sich ganz ruhig, am Tage aber, wenn aus dem Geschwätz Thaten werden würden, wollte auch er seine Pflicht thun, aber inzwischen fuhr er fort, sein gewöhnliches Leben weiterzuführen, und die Ereignisse abzuwarten.
Frau Klara, die ihn bisweilen so ruhig und gleichmüthig sah, tröstete sich damit, daß sie dachte, der Gedanke wäre ihm noch gar
sandten ihnen zum Geschenk Futterale mit Fingerhut, 9 Scheere, um zu beweisen, daß sie sie als schwache Weibsbilder be⸗ trachteten, und daß diese Geräthschaften sich am besten für sie ziemten, wo sie nicht einmal die Flinte ergreifen wollten, um ihr Vaterland
nicht einmal in den Kopf gekommen, sie zu verlassen, und vielleicht wäre es nun gut, daß sie ihn an alle Bequemlichkeiten gewöhnt und mitten in aller Sorgfalt aufgezogen habe, denn so würde er sich wohl zweimal bedenken, ehe er die Annehmlichkeiten seines Hauses und die Sorge einer liebenden Mutter verließ, um ins Feld hinaus⸗ zulaufen, schlecht zu essen und auf der nackten Erde zu schlafen; wenn es möglich war, umgab sie ihn mit noch neuer Sorgfalt und suchte ihm das Haus noch angenehmer zu machen, damit ihm der Gedanke, sie zu verlassen, unerträglich würde.
Inzwischen rückten die Ereignisse vor, die Wahrscheinlichkeiten eines Krieges vermehrten sich oder hatten sich vielmehr zur Gewißheit um—
gewandelt. Wie der Dampf, der in der Luft sich verflüchtigt, ein
Nichts ist und man nur einen leisen Hauch davon spürt, und wenn er verdichtet und zusammengedrängt ist, zu einer mächtigen Kraft
wird, so hatten sich die anfangs vereinzelten und schwachen Ideen, Stimmen und Wünsche vereinigt und bildeten jetzt eine furchtbare Macht. Keiner hätte mehr gegen den Willen eines ganzen Volkes
anstürmen können, gegen die Wünsche einer Gesammtnation, die von
Neuem eine erste, noch schwache Hoffnung heraufdämmern sah. Der! 1
Krieg war unvermeidlich. N Aus den venetischen Provinzen zogen sie fort, allein, in kleinen
Haufen, in großen Schwärmen, die jungen Leute und bildeten ganze
Regimenter. Die Frauen beneideten die Männer, die in den Kampf
ziehen konnten, und blickten diejenigen mit Verachtung an, die saum⸗
selig zurückblieben, ohne den Muth zu haben, davonzurücken, und
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zu befreien.
Auch Mario hatte seinen Entschluß gefaßt; eines Morgens beim Herausgehen aus dem Hause sagte er zu Frau Klara, daß er drin⸗ gende Arbeiten außerhalb der Stadt habe, und daß er vielleicht zur
Essenszeit nicht zurück sein würde.
Manchmal war er gewöhnt, draußen zu speisen, so daß diese
Worte keinen besonderen Eindruck auf Frau Klara machen konnten, dennoch konnte sie nicht umhin, ihm mit einem fragenden Blick fest in's Gesicht zu sehen.
„Es sind die Brückenarbeiten, von denen ich Dir neulich ge— sprochen habe,“ erwiderte Mario, ohne sich zu verfärben.
In der That war seine Miene ruhig, und über seine Lippen glitt das gewohnte Lächeln.
„Beeile Dich also, so viel Du kannst,“ fiel die Mutter ein, „wenn ich Dich nicht sehe, so bin ich immer unruhig.“
Dann dachte sie, kaum daß Mario hinausgegangen:„Welch' große Närrin ich doch bin, mir gehen gewisse Gedanken durch den Kopf, die nicht einen Schatten von Berechtigung haben.“ nahm ihre gewöhnlichen Beschäftigungen wieder auf, aber sie war etwas unruhiger und erregter als gewöhnlich.
Zur Essensstunde kam Mario nicht zurück; er hatte es ihr ja gesagt und sie konnte sich daher kein Kopfzerbrechen darüber machen, aber, als sie ihn auch am Abend noch nicht einmal kommen sah, fing sie an, sich ernstlich zu beunruhigen. Sie ging in sein Zimmer, aber dort gab es gar nichts Neues, alles befand sich auf der ge⸗ wöhnlichen Stelle, nur, war es ihr sehr auffällig, den Schreibtisch so ganz in Ordnung zu sehen, wie wenn er niemals etwas daran zu thun gehabt hätte; diese Ordnung erweckte Verdacht bei ihr,
und ihr Herz begann vor Unruhe zu klopfen, ie wendete den Blick
nach überall hin und bemerkte nun auf der kleinen Komode einen Brief ohne Adresse.
Sie war gewohnt, an alle Papiere, die ihr Sohn in seinem Zimmer ließ, Hand zu legen, aber diesen Brief zu öffnen, wagte sie doch nicht, sie hätte geglaubt, sich die Finger dabei zu verbrennen; da sie aber Mario nicht wiederkehren sah, dachte sie, die Ungewiß— heit sei schlimmer als alles und wagte es, den Briefumschlag zu zerreißen.
Es waren wenige, an sie gerichtete Worte, in denen Mario ihr seine Absicht anzeigte, die Waffen zu ergreifen für die Befreiung seines Vaterlandes und sie bat, sich wegen seiner Entfernung nicht zu betrüben, ihm zu verzeihen, ihm ihren Segen zu geben und guter Hoffnung zu leben, daß alles gut ausgehen werde.
Frau Klara las diesen Brief immer wieder und wieder, sie meinte, ihn nicht zu verstehen und verblendet zu sein, dann, als sie
dadeln und
Und sie
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