Ausgabe 
25.7.1886
 
Einzelbild herunterladen

0

234

*

Hoho, das klingt ja seltsam! Und weshalb kamst Du ungern?

Ich hätte gern mein Examen gemacht und dann studirt; es hätte der Mutter viel Sorge gemacht, aber trotzdem hatte sie darein gewilligt. Da kam Dein Brief und nun wünschte sie so sehr Deinen gütigen Vorschlag anzunehmen, daß ich nachgab, weil ich einsah, daß es vernünftig war.

Ich bin aber strenge und werde viel von Dir fordern, das merke Dir, junger Herr, erwiderte Heddenheim, nicht eben freundlich.

Sei außer Sorge, Onkel, ich werde fleißig sein; nun ich hier bin, will ich ein tüchtiger Kaufmann werden.

Des Jünglings offene und ruhige Art gefiel Heddenheim, er fand etwas von Charakter darin.

Konrad hielt Wort; er war unermüdlich fleißig, in keinem Moment hätte man aus seinen Leistungen entnehmen können, daß er nicht aus Neigung den kaufmännischen Beruf ergriffen, und wie es zu ge schehen pflegt, daß man für das, woran man seine ganze Kraft und Treue setzt, auch Interesse gewinnt, so wurde Konrad allmählig sein Beruf lieb.

Heddenheim, für den der Handel als Förderer der Kultur und des Wohlstandes eine hohe Bedeutung hatte, und der, in den Kauf mannsstand hineingeboren und erzogen, ihn viel höher stellte als Studium und Gelehrtenstand, sagte oft zu Konrad:Es wäre wirklich schade darum gewesen, Junge, wenn Dein praktischer Sinn in der Studirstube hätte verkümmern sollen, wenn Du auch einer von den vielen unnützen Stubenhockern und Bücherwürmern ge worden wärest.

Dann lächelte Konrad und erwiderte:Vielleicht hätte ich eine große Entdeckung gemacht und wäre durch sie ein Wohlthäter der Menschheit und ein berühmter Mann geworden aber es ist nun einmal wie es ist.

Heddenheim hatte, als er Konrad zu sich berief, in der Absicht, wenn er sich brav und tüchtig erwiese, ihn zu seinem Adoptivsohn und Erben zu machen, nur der Pflicht des reichen Mannes genügen wollen, für die Erhaltung seines Vermögens und seiner Firma zu sorgen; an einen persönlichen Gewinn hatte er dabei nicht gedacht. Nun fand er ihn unerhofft, denn Konrad gegenüber wandelte sich seine kalte, in sich abgeschlossene Natur er hatte ihn lieb. Freilich blieb er äußerlich auch zu ihm meist kühl und verschlossen, selten, daß ein Wort etwas von seinem Gefühl verrieth, doch gab es genug Anzeichen, die seine Liebe bewiesen. Vielleicht, daß er sich noch daran erinnerte, was er selbst unter der harten Erziehung seines Vaters, der von ihm nur Arbeit forderte, ohne das Recht der Er holung anzuerkennen, entbehrt hatte; so sah er es gern, wenn Konrad sich nach gethaner Arbeit den Freuden der Jugend hingab, sich die Erheiterungen und Genüsse bereitete, an denen er selbst keine Freude mehr fand, sie kaum jemals gefunden hatte. Ein Zuviel war nicht zu befürchten, da Konrad eine vorwiegend ernste Richtung hatte und sich mit vollem Eifer der Arbeit widmete.

Nach einigen Jahren war die Adoption vollzogen. Konrad führte nunmehr den Namen Heddenheim und war in volle Sohnes rechte eingetreten. Seine Umsicht und Geschäftskenntniß machten ihn je mehr und mehr Heddenheim unentbehrlich, der bald nichts mehr ohne Konrad's Rath und Beistand unternahm, so daß dieser, ohne den Namen eines Compagnons des Onkels zu tragen, doch gewisser⸗ maßen zu einem solchen geworden war.

So hatte sich im Laufe der Zeit das Verhältniß Beider zu einem sehr innigen und befriedigenden gestaltet und Heddenheim fand in demselben ein Glück und ein Genügen, wie er es für sich nicht mehr erhofft hatte. Kenrad war ihm ganz und gar zum Sohn geworden, den er mit freudigem Herzen als seinen Erben und Geschäftsnach folger ansah.

Zehn Jahre waren vergangen, seit er ihn zu sich berufen. Konrad war 28 Jahre alt geworden und Heddenheim sah die Nothwendig keit ein, ihn auf Reisen zu schicken, er durfte nicht seine Geschäfts kenntniß und seine Welt- und Lebensanschauung allein aus dem alten D. und seiner engen Begrenzung schöpfen. Er war zu sehr Verstandesmensch, um selbst da, wo sein eigenes Herz und Glück darunter litt, nicht der richtigen Ueberlegung zu folgen und selbst bei dem Abschied von dem geliebten Sohn blieb er scheinbar kühl und ruhig.

Die anregenden Berichte Konrads aus der Ferne halfen ihm ein wenig über die Einsamkeit hinweg, die ihm schwerer wurde, als er es sich selbst gestehen mochte. Ein Jahr hatte er für die Reise

1 bestimmt; Konrad sollte sich hier und dort eine längere Zeit auf. halten, um gleichzeitig für das Geschäft thätig zu sein. Er war in Deutschland, in Frankreich, sogar eine kurze Zeit in Spanien gewesen, nur in England nicht, Heddenheim hatte das für Konrad ganz unerklärlicher Weise, nicht gewünscht.

Nach einem Jahr kehrte er voll reicher Eindrücke, froh und be- friedigt zurück. Er war draußen glücklich gewesen, doch die alten dunkeln Häuser heimelten ihn an und als er durch die schwere Eichen⸗ thür des Hauses am Markt in den großen Flur trat und dann die Treppe hinaufeilte, in das große wohlbekannte Wohnzimmer, war es ihm wiedersehensfreudig zu Muthe. N

Willkommen, mein Sohn, klang es ihm von Heddenheim's Lippen entgegen. 5 9

Lieber Onkel! Er sah ihm in die Augen und erschrak vor der Veränderung, die gebeugte Haltung, das durchfurchte Gesicht Heddenheim war ein Greis geworden.

Du findest mich verändert, sagte er,Du brauchst mir das nicht verhehlen zu wollen, mein Sohn; ein Mann in meinen Jahren muß gefaßt darauf sein, daß es bergab geht, etwas früher oder später, darauf kommt es nicht an.

Damit war es abgethan, Konrad durfte nichts darauf erwidern, das fühlte er. Allmählig milderte sich auch der erste erschreckende Eindruck; der Onkel fragte so lebhaft, hörte so sichtbar interessirt seinen Mittheilungen zu, berichtete dann selbst mit der ihm eigenen, klaren Kürze über mancherlei Vorgänge im Geschäft, die brieflich nicht berührt waren, daß Konrad ihn völlig unverändert fand, und meinte, sich anfangs getäuscht zu haben.

Sie saßen am Mittagstisch. Trotzdem Konrad jetzt viel ge⸗ sehen und sich an Luxus aller Art gewöhnt hatte, berührte ihn doch die solide Eleganz dieses Speisezimmers wohlthuend: die dunkeln Tapeten, die in vollständiger Harmonie dazu stehenden schweren Fenstervorhänge und Ueberzüge der Sophas und Sessel, das große Büffet von Eichenholz, mit einigen schönen Kannen und Krügen darauf, die schweren Eichenstühle mit den hohen, geschnitzten Lehnen und die große Hängelampe über dem Eßtisch,, die es war im Winter und fünf Uhr ein helles, angenehmes Licht über das Zimmer verbreitete alles das bildete ein geschmackvolles Ganze, dessen Eindruck Konrad befriedigt empfand. Der Diener hatte, sacht auf dem dicken Teppich hin- und hergehend, die letzten Schüsseln abgeräumt und nun das Zimmer verlassen. Nur die Weinflaschen waren noch auf dem Tisch geblieben; Heddenheim füllte zuerst Konrad, dann sich selbst das Glas, lehnte sich bequem in den Stuhl zurück und sagte dann:Wir sind jetzt allein, wie steht es mit den Frauen?

Ich habe so manche schöne und liebenswürdige gesehen, Onkel, weiter nichts, versicherte Konrad. f

Keine, die Dein Herz gefesselt hätte, oder die Du wohl gar zu Deiner Frau wünschtest?.

Konrad schüttelte den Kopf.Bewahre.

Heddenheim athmete auf.Mir ist es recht, lasse Dich warnen, mein Junge, bedenke Dich lange, ehe Du einer Frau Macht über Dein Herz und damit denn allemal auch über Deinen Verstand einräumst und ehe Du Dich bindest, Dich entschließt, eine zu Deiner Gattin zu machen, berathe Dich mit der Vernunft; was Schönheit und Liebe und Zärtlichkeit Dir verheißen, halten sie dann alle zu sammen doch nicht.

Konrad lachte.Die Frauen haben sich eben nicht für Dein

Urtheil zu bedanken, Onkel..

Aber sie verdienen es, glaube mir, versetzte Heddenheim.Du bist ja, wie Du weißt, mein Erbe im ganzen Umfange. Laut meines Testaments wird Dir mein Vermögen, dies Haus und das ganze Geschäft gehören. Solltest Du unvermählt bleiben, so würdest Du, gleich mir, einen Adoptivsohn zu Deinem Erben machen.

Lieber Onkel, das Alles hat ja noch lange Zeit, wehrte Konrad ab,Du bist rüstig und

Doch nicht, mein Sohn, unterbrach ihn Heddenheim.Ich habe in letzter Zeit mehrere Anfälle gehabt, die einmal zu einem schnellen Ende führen könnten. Eine Art Herzkrampf oder etwas dergleichen. f

Hast Du mit dem Arzt gesprochen? fragte Konrad besorgt.

Natürlich; er hat mir einige Mittel angerathen, die ich auch brauche, doch weiß ich genau, was ich von diesen Verordnungen zu halten habe sie sind nicht viel werth. Im Uebrigen brauchst Du zu Niemanden von diesen Anfällen zu reden, außer dem Arzt,

n