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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden,
zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
Nr. 30.
Gießen, den 25. Juli.
Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.)
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Heddenheim hatte sich noch einmal in dieser einsamen Abend— stunde von der Exinnerung überwältigen lassen, noch einmal war die Geschichte seiner Liebe in flüchtigen Bildern an ihm vorüber— gegangen, dann plötzlich richtete er sich auf, öffnete halberschrocken
die Augen, die er geschlossen gehalten, und schüttelte sich, aufspringend,
als wolle er damit, alle die unreinen, schmählichen Erinnerungen
vertreiben. Vorbei— es sollte vorbei sein, ein anderes, neues Leben sollte beginnen. Ein Gedanke war es, der quälend an ihn heranschlich. Blanche war seine Frau, sie trug seinen Namen, jetzt hatte sie ihn verlassen, aber konnte sie nicht doch einmal zurückkehren, seine Hilfe fordern, von Rechten und Pflichten sprechen, konnte es
denn nicht doch zu dem öffentlichen Skandal kommen, vor dem er
sich um jeden Preis bewahren wollte?— Ach bah, es war eine thörichte Furcht, sie hätte es ja nur um's Geld gethan und das Zunächst handelte es sich darum, Gerüchte, die etwa hierher gedrungen und durch seine plötzliche Rückkehr nach D. Nahrung gefunden, zum Schweigen zu bringen. Und er war der Mann, dem solche Absicht wohl gelingen konnte.
Am nächsten Morgen trat er in das Komtoir und übernahm die persönliche Leitung des Geschäfts. Der Eindruck, den er an diesem Tage dem gesammten Personal, vom Herrn Kühlwetter an bis zu dem jüngsten Lehrling herab machte, kühl, freundlich und gerecht, vornehm und unnahbar, voll Energie und Klugheit, blieb dauernd. Jeder schätzte in ihm den tüchtigen, umsichtigen, uner⸗ müdlich thätigen Kaufmann, der mit seiner gleichmäßig angestrengten Thätigkeit seinen Untergebenen mit gutem Beispiel voranging; keiner hätte sich über ihn je zu beklagen gehabt, aber keiner hörte je ein Wort von ihm, das über das rein Geschäftliche hinausging.
Wenig anders lautete das Urtheil, das die übrige Welt über ihn fällte. Man nannte ihn einen Ehrenmann, aber stolz, kalt, ver— schlossen, ungesellig, ein Kaufmann von bestem Ruf, aber zum Um⸗ gang nicht eben angenehm. Er suchte solchen auch nur im aller⸗
beschränktesten Maße, nur gerade so weit als seine Geschäftsver⸗
bindungen und der ziemlich kleine Verwandtenkreis, den er noch hatte, es nöthig machte. Hier und da nahm er eine Einladung an, die er nicht gut ablehnen konnte, hier und da gab er ein Diner, dals sich dann durch eine außerordentliche Feinheit auszeichnete, doch knüpfte er keinerlei nähere Beziehungen an, sondern lebte durchaus ab— geschlossen in seinem höchst comfortable und luxuribs eingerichteten Hause.
So kam es, daß Herr Gustav Heddenheim halb und halb für einen Sonderling galt; hatte man anfangs seine plötzliche Rückkehr nach D. mit jenen Gerüchten über eine seltsame Liebes und Heiraths⸗ geschichte in Verbindung gebracht, so war man später gewiß, sie mehr als eine Sonderlingslaune zu betrachten und es auch als solche
anzusehen, daß der reiche Mann, dem die glänzendsten Parthien zu Gebote gestanden hätten, unvermählt— wie man meinte— blieb. Eine unliebsame Andeutung darüber zu ihm hätte sich Niemand erlaubt, dazu war Herr Heddenheim viel zu vornehm und unnahbar.
Nach neun Jahren wurde überhaupt nicht mehr darüber gedacht und gesprochen, das Haus am Markt, das eine Zeit lang das all⸗ gemeine Interesse in Anspruch genommen hatte, wurde in keinem
andern Sinne mehr betrachtet, als in dem rein kaufmännischen, denn
die Firma Heddenheim war seitdem noch um Vieles in ihrer Be— deutung gestiegen.
Was bei Heddenheim anfangs Absicht gewesen, war allmählig Gewohnheit geworden, er verlangte nicht nach Menschen und be— durfte ihrer nicht; er war nur durch und durch Geschäftsmann und fand Befriedigung in dem eisernen Fleiß, mit dem er sich der Arbeit widmete. Selbst die Erinnerung an jene bittere Erfahrung in seiner Liebe und Ehe war allmählig verblaßt; sein ganzes Verhältniß zu Blanche erschien ihm mehr und mehr in dem Lichte einer verspäteten Jugendthorheit und die Möglichkeit, daß sie noch einmal wieder er⸗ scheinen könnte, die ihn anfangs gepeinigt hatte, hörte auf, ihn zu beunruhigen. So rüstig und ungeschwächt in seiner Arbeitskraft er sich auch fühlte, war er doch äußerlich früh gealtert und als er eines Tages entdeckte, daß sein Haar vollständig ergraut war, fiel ihm das Versprechen ein, das er einst seinem Vater schriftlich ge— geben, dafür zu sorgen, daß die Firma F. R. Heddenheim zum mindesten durch einen Adoptivsohn erhalten werde. Mit der schnellen Entschlossenheit, die ihm stets eigen war, dachte er sofort zur That zu schreiten. Freunde hatte er nicht, so lag es am nächsten für ihn, sich unter seinen Verwandten umzuschauen, mit denen allen er zwar nicht in nahen Beziehungen stand, von deren Leben und Familien⸗ verhältnissen er doch immerhin wußte. Die wenigen, die er über⸗ haupt besaß, hatten entweder keine Söhne, oder sie waren bereits in einen festen Beruf eingetreten; so blieb ihm nur übrig, einer ihm gänzlich unbekannten Cousine, die verwittwet und in ziemlich beschränkten Verhältnissen in einem Pommerschen Städtchen lebte, den Vorschlag zu machen, ihm ihren Sohn in's Geschäft zu geben. „Ich denke, es wird Ihnen recht sein, der Sorge für ihn vorläufig überhoben zu sein,“ schrieb er ihr,„und läßt der Junge sich tüchtig an, so ist seine Zukunft im Kaufmannsstande gesichert.“
Die Antwort lautete, wie er erwartet hatte, dankbar annehmend, und vier Wochen später traf Konrad Held bei ihm ein.
„Ich hoffe, Du bist gern gekommen,“ sagte Heddenheim zu dem hoch aufgeschossenen 18jährigen Jüngling, der ihn aus großen dun⸗ keln Augen offen ansah.
„Nein, Onkel,“ war die ohne Besinnen gegebene Antwort,„ver— zeihe, aber ich kann nicht lügen.“


