Ausgabe 
25.4.1886
 
Einzelbild herunterladen

130

bitte Dich, bat sie dringend.

Wenn Du nur vernünftig sein wolltest, Julia! Also morgen in Mandsfelt, wo willst Du mich sprechen?

Es ist ein Tannenwäldchen an dem Wege dahin; da erwarte ich Dich, nachdem Du Mandsfelt verlassen haben wirst.

Sie können nicht weiter, Lord Graham, hier hören die Zimmer auf, rief der Gutsbesitzer, als die Beiden in dem raschen kurzen Gespräch an eine geschlossene Portiere herangetreten waren, die aber keine Thür umkleidete.Du bist wirklich sehr bleich, liebe Julia; Du bist so wenig an's Tanzen gewöhnt.

Ich möchte nach Hause, sagte Julia in einer auffallenden Hast.Frau van Mossel fährt eben zurück, ich möchte mit ihr gehen; sie wird mich im Vorüberfahren in Mandsfelt absetzen.

Lindner war verdrießlich; aber er konnte Adeline nicht zumuthen, jetzt schon den Ball zu verlassen.

Ich bedauere außerordentlich, sagte der Lord,und werde mir erlauben, morgen nach dem Befinden der gnädigen Frau mich zu erkundigen.

Als Lindner seine Frau an den Wagen begleitete, sah er, daß auch Eduard van Mossel mit dem Ueberzieher auf dem Arm die breite Treppe hinunter kam.Du willst doch nicht schon den Ball verlassen, mein Junge? wir gehen doch zusammen, sagte er. Eduard aber stieg mit den beiden Damen in den Wagen. Als der Gutsbefitzer langsam zurückkehrte, waren zwei düstere Falten auf seiner Stirne.Der Junge wäre mir dennoch lieber als Schwieger⸗ sohn gewesen als der Lord, sagte er.Die Idee ist mir immer angenehm gewesen; ich hätte meine Adeline in der Nähe behalten. Und nun fängt der Mensch an, eine Komödie zu spielen, die schlechteste, elendeste, die es geben kann. Adeline lacht mich aus, wenn ich von Eduard's Courmacherei spreche, und was sonst nicht den jungen Mädchen nachzusagen ist, sie stellt es entschieden in Abrede, daß er je gedacht hat, aus der Tändelei Ernst zu machen. Warum verläßt Eduard nun den Ball, da Julia mit Frau van Mossel nach Hause fährt? Adeline scherzt darüber und berührt dies Alles so oberflächlich, und ich bin unruhig darüber und glaube fast an ein Komplott. Julia ist von einer kräftigen Gesundheit; es ist sonst nicht Sitte bei ihr, wegen ein Bischen dumpfer Luft zu er⸗ bleichen. Hm, hm, wenn ich es so recht bedenke, so finde ich Julia sehr verändert. Ihre heitere Stimmung ist ganz verschwunden, sie ist zurückhaltend gegen mich, ja scheu, möchte ich sagen. Freilich, ich bin ein alter Mann, dessen Haare bereits grau werden. Es war damals in Baden eine Ueberrumpelung; sie sah mich, im Hinter⸗ grund die alte träumerische Ruine in der eigenartigen poetischen Beleuchtung, jung und ideal, wie den Helden eines Märchens. Ich habe es wohl bemerkt, wie bald die Enttäuschung in Mandsfelt gekommen ist, als der Vater seiner Kinder ihr in dem trüben Lichte des alltäglichen Lebens erschien. Ich bin ein alter Mann gegen das schöne blühende Weib, ja, schön ist sie, das habe ich heute Abend erfahren, zu schön für einen alten Mann. Der Jugend gefällt gewöhnlich nur die Jugend und die Huldigung des jungen enthusiastischen Dichters reißt sie mit fort, das sehe ich nur zu deutlich Alles abgekartete Sache heute Abend, und Frau van Mossel wird gern ein Auge zudrücken und die Leidenschaft für eine verheirathete Frau wird ihr gerade ganz gelegen kommen, so bleibt ihr der Sohn unverheirathet und sie noch recht lange die Herrin in Nauscheit. 10

In aufgeregter Stimmung betrat er wieder den T il. Er sah seine Tochter am Arme des Lords vorüberschweben un er be ruhigte sich nach und nach. Man mußte Adeline tanzen sehen, gerade im Tanze zeigte sich so recht ihre natürliche Grazie und Anmuth. Auch der Vater war hingerissen, wie sie in einem leichten Duft von erémefarbenen Spitzen und Atlas dahinflog, mit blaß⸗ rothen Rosen das wellige schwarze Haar und die zarten blendenden Schultern geschmückt. Der Lord, der durch seine beständigen Wan derungen ein Kosmopolit geworden war und eigentlich gar nicht an den Engländer erinnerte, bewegte sich im Tanze in dem ruhigen vornehmen Selbstbewußtsein, das ihm überhaupt eigen war. Nach dem er Adeline zurückgeleitet, blieb er an ihrer Seite; sie schlug alle weiteren Aufforderungen zum Tanze ab, da der Lord, der gerade kein Jüngling mehr war, kaum am Tanzen Vergnügen fand. Man sprach nur von der auffallenden Erscheinung des Lords in einer Stadt, die so ferne dem Strome der Touristen lag und in die sich

Komme nicht nach Mandsfelt, thue keinen Schritt weiter, ich

selten ein Fremder verirrte.

Die Adelsfamilien, die mit ihren Töchtern zum Balle gekommen waren, die fünf bis sechs Stunden zurückgelegt, um hier zu erscheinen, sahen sprachlos vor Staunen, mit sichtbarem Verdruß, wie dieses Fräulein Lindner sich die Hul⸗ digungen und die ausschließliche Aufmerkf amkeit des vornehmen Eng⸗ länders gefallen ließ, wie ihre Augen, halb verdeckt von den langen

schwarzen Wimpern, nachlässig geringschätzend die Gräfinnen und Baronessen übersah. Denn ein vornehmer Lord war er, sonst hätte ihn ganz gewiß nicht der adelsstolze Graf eingeführt und ihn als seinen verehrten Freund vorgestellt. Wenn der Lord auch eine Bade⸗ bekanntschaft des Grafen war, so konnte man versichert sein, daß er keinen Abenteurer zu sich in sein Haus eingeladen. Der Ball endigte früher wie sonst, man trennte sich nicht in der besten Stimmung; solche drastische Vorkommnisse wirkten beleidigend in der Landstadt.

Julia war in einer unbeschreiblichen Stimmung nach Hause gekommen. Es war ein Glück, daß Frau van Mossel die un erwartete Erscheinung des Lords, wohl ihres Sohnes wegen, mit keiner Silbe erwähnte. Eduard versuchte unbefangen und munter zu erscheinen; aber seiner Mutter entging es nicht, in welchem Zu⸗ stand er war. Er sowohl wie seine Mutter hatten es gesehen, daß der Lord keine neue Bekanntschaft für Adeline war, und Eduard war der Blick des Triumphes 105 entgangen, der so freudig nach dem Erkennen aus Adelinens Auge aufgeleuchtet. Auch aus den Bemerkungen, die ihm boshaft von allen Seiten zuflogen, konnte er entnehmen, welcher Zweck den Lord hierher führte. Nun erklärte

er sich ihr Zögern, ihre Zurückhaltung, sie erwartete den Lord.

Er wagte fast nicht, seiner Mutter in die Augen zu sehen; ihr klarer Geist durchschaute die Situation, ihr stilles duldendes Wesen seither mußte ihm ja die Gewißheit aufdrängen, daß sie ihn nur als ein Opfer der Gefallsucht des schönen Mädchens betrachte. Es war gut, daß die beiden Damen sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt waren, seine forcirte Munterkeit hätte ihnen auffallen müssen. Julia sprach fast nichts; ihr bleiches Gesicht aber gab die beste Entschuldigung. Zum ersten Male vergaß sie bei ihrer Rück kehr an das Bettchen des schlafenden Kindes zu eilen. Es war heller Mondschein, sie trat nicht ins Haus, als der Wagen davon fuhr, sie mußte Luft haben und eilte in den Garten. Es war ein Uhr Nachts, die alten großen Lindenbäume warfen tiefe Schatten in dem hellen Mondschein, es herrschte Grabesstille ringsum. Julia fühlte sich endlich frei von den beobachtenden Blicken, sie wendete voll das schöne reine Angesicht dem Nachthimmel zu und seufzte aus tiefer Brust. Ihre Lippen bewegten sich kaum sichtbar, der Nachtwind entfesselte das volle blonde Haar, in dem die Rosen bleich erzitterten und ein angstvolles dringendes Gebet stieg zum Sternenhimmel empor. Stundenlang eilte sie in den breiten Wegen umher, bis sie endlich schaudernd vor Kälte ihr Schlafzimmer be⸗ trat und, wie aus einer anderen Welt kommend, das kleine Bett anstarrte, in dem das Kind so friedlich schlief.

N

Am folgenden Tage herrschte große Aufregung in Mandsfelt; Lord Graham wurde Nachmittag erwartet, und da auf dem Lande ein kurzer Besuch nicht gebräuchlich ist, besonders nicht für die Besucher, die aus der entfernten Stadt kommen, so wurde es als selbstverständlich angenommen, daß Lord Graham zum Abendessen bleiben werde. Es war Julia nicht möglich, an den Vorbereitungen zu seinem Empfang theil zu nehmen, und da Ellinor in der Nacht Erbrechen bekommen hatte, so suchte sie hierin einen Vorwand, an ihrem Bettchen bleiben zu 1

Lindner kam im Laufe des Morgens einmal ins Zimmer und fragte nur:Sollen wir die lieben Nachbarn nicht heute Abend zu Lord Graham bitten?

Julia sah ihn traurig an, sein Ton hatte etwas ganz Besonderes.

Wie Du willst, entgegnete sie zerstreut.

Ich sollte eigentlich dem dummen Jungen, diesem Eduard, einmal den Standpunkt klar machen; es ist unanständig, wie er seit Adelinens Rückkehr ihr den Hof gemacht hat, doch ohne die Absicht, ihr eine Erklärung zu machen, sagte er ärgerlich.

Adeline wird es nicht gewünscht haben, bemerkte sie sanft.

Nicht gewünscht haben! fuhr er auf.Gewiß hätte sie es

=

e e e eee, e