Ausgabe 
25.4.1886
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 17.

Gießen, den 25. April.

1886.

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Laß es heute sein, flüsterte Eduard ihr zu.Du bist unbarm⸗ herzig, Adeline, warum zögerst Du so lange, mich glücklich zu machen?

Sie sah ihn mit einem zerstreuten Lächeln an und antwortete erst, als er dringender wurde.Das Versprechen, das ich Dir

ar heute auf Dein Drängen gäbe, müßte ja in Deinen Augen die 7 Hälfte seines Werthes verlieren. Warte doch, daß ich es Dir im 441 Drange des Herzens gebe. Die Zeit wird ja kommen; aber heute 25 fühle ich eine gewisse Angst davor, mich schon für das Leben zu 1 binden; ich bin noch so jung, Eduard, noch nicht zwanzig Jahre 5 alt, und die Gegenwart ist so schön. Sind wir nicht glücklich in

dem gedankenlosen Dahinleben? Warum willst Du Alles in feier lichen Ernst verkehren und tausend Fragen über Etablissement und Einrichtung anregen, die unsere poetische Sorglosigkeit recht in die Lebensprosa hinunter ziehen.

16˙Du liebst mich nicht, murmelte er und erbleichte.

Das ist immer der Refrain und die Schlußfolgerung, ent gegnete sie ungeduldig.Denke Dir doch selbst, wie es morgen sein wird, wenn wir uns heute verloben. Wir werden nichts mehr zu hören bekommen, wie Ausstattung und Mitgift; Deine Mutter wird die schweren Stücke Leinwand aufmarschiren lassen, so hoch aufgeschichtet, daß sich kaum mehr unsere Blicke begegnen können, mein Vater wird rechnen und Tag und Nacht keine Ruhe haben, * bis mein mütterliches Vermögen mir bei Heller und Pfennig aus⸗ 5 gezahlt ist; und wir werden in dies Durcheinander hineingezogen * und können dieser flachen Prosa nicht mehr entrinnen. Sehen wir uns jetzt nicht ungehindert, so oft wir wollen, und umweht und schützt uns nicht der Reiz des Geheimnisses vor allen unbefugten Einmischungen?

Er sah sie zärtlich an und drückte ihre kleine schmale Hand. Wenn Du nur einen Zeitpunkt festsetzen wolltest, flüsterte er ihr mit heißem schnellem Athem in das niedliche Ohr.

Warte nur den Frühling ab, dann sollst Du sehen, sie beendigte den Satz nicht; ihr Blick fiel auf die geöffnete Flügel thür, in der zwei Herren standen, der eine der Landrath des Kreises, Graf Lübken, und der andere, mit dem er sich eifrig unterhielt, ein Fremder, wohl für Adeline kein Fremder, denn sie erbleichte und ihre Lippen bebten. Eduard van Mossel war ihre Bewegung J nicht entgangen. 5

Was ist Dir? rief er und folgte der Richtung ihres Blickes.

Man ist durch die häufigen Theaterbrände, von denen man täglich in den Zeitungen liest, ganz nervös geworden. Ich glaubte da unten eine gewisse Aufregung und erschreckte Gesichter zu be merken und dachte schon, wir wären von Flammen eingeschlossen, antwortete sie mit einem erzwungenen Lachen. Sie beobachtete, wie

Die Stiefmutter.

Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)

der Landrath den Fremden verschiedenen Damen und Herren vor stellte, auch ihrem Vater; sie sah, wie die feurigen Augen des eleganten hochgewachsenen Mannes sie suchten und wie er dann in Begleitung ihres Vaters auf sie zukam. Er verneigte sich tief vor dem freudig erröthenden Mädchen und reichte ihr darauf die Hand. Eduard van Mossel war rasch aufgestanden und hatte sich entfernt und der Fremde nahm seinen Platz ein. Adelinens schöne Augen strahlten in einem nie gesehenen Glanze, als er sich im leisen, ver traulichen Gespräch an sie wandte. Der Gutsbesitzer suchte seine Frau, die mit einigen Herren und Damen in einen anderen Saal gegangen war, um der Hitze im Tanzsaal zu entgehen. Er näherte sich ihr mit geröthetem Gesicht und nahm ihren Arm, sie in den Tanzsaal zurückzuführen. N

Lord Graham, eine Bekanntschaft meiner Adeline von vorigem Winter in Berlin, möchte Dir vorgestellt sein, sagte er hastig. Ich wollte ihn nicht alle diese Zimmer passiren lassen, um so viel wie möglich Aufsehen zu vermeiden; es wird schon ohnedies schnell genug bekannt werden, warum er gekommen ist.

Julia sah ihren Mann fragend an. i

Ja, ja; der Lord kommt mit der Absicht hierher, Adeline zur Lady Graham zu machen, versetzte Lindner erregt. Er zog Julia so schnell durch die Räume, an so vielen Menschen vorüber, daß sie kein Wort auf die außerordentliche Neuigkeit zu erwidern ver mochte. Der Lord kam dem Gutsbesitzer entgegen und als er vor der jungen Frau stand, sah er, wie sie ihr todtbleiches Gesicht hinter dem Fächer zu verbergen suchte. Auch über Lord Graham's Ge sicht glitt es, als wäre er etwas Unerwartetem begegnet, er faßte krampfhaft den dunkeln Schnurrbart, warf einen prüfenden Seiten blick auf den Gutsbesitzer, und als dieser ahnungslos Julia's tödt⸗ liches Erschrecken nicht wahrgenommen, gewann auch der Lord seine ganze Sicherheit wieder.

Die Luft ist erstickend hier, gnädige Frau, sagte er rasch; erlauben Sie, daß ich Sie wieder zurück in die kühleren Räume geleite.

Sie wußte nicht, was sie that; sie legte den bebenden Arm in seinen zuvorkommend dargereichten. Lindner folgte lächelnd den Beiden auf dem Fuße.

Kein Zweifel, Du bist's, Julia, stieß er zwischen den Zähnen hervor, während kein Zug seines Gesichtes die innere Aufregung verrieth,ich bitte Dich, keine Szenen; Du könntest Dir nur schaden und mich würdest Du dem Verderben anheimgeben.

Ich muß Dich sprechen, unverzüglich, flüsterten ihre bleichen Lippen bebend;aber wo? um Gotteswillen, wo?

Ich habe es Herrn Lindner schon gesagt, ich werde morgen Nachmittag ihm einen Besuch machen, da kannst Du mich ja sprechen.