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In der Sympathie ihres gemeinsamen Leids hatte sein Herz sich eine Weile für Gesualdo als für den einzigen, der außer ihm an das Schicksal der Frau Tasso Tassilo's dachte, erwärmt; doch nun, da der Argwohn in ihn einkehrte, kam ihm damit auch all der bittere anerzogene Haß gegen die Kirche wieder, den der sanfte Charakter des Priesters von Marca eine Zeit lang in ihm ein— geschläfert hatte.
„Natürlich, er ist ein Lügner und Heuchler,“ dachte er ingrimmig. „Vielleicht hat er gar selbst den Mord begangen.“
Er wußte, daß diese Idee ein Wahnsinnsgedanke war. Gesualdo hatte nie— auch nur einer Fliege wehe thun können. Das war allbekannt. Sein weiches Gemüth hatte ihn oft genug zum Gelächter der Kinder von Marca gemacht, wenn er Vögel, Schnecken oder Frösche aus ihren marternden Fingern befreite und den Kleinen verbot, Steine auf die Lämmer zu werfen, die sie auf die Weide trieben.
Es war Tollheit zu glauben, daß solch ein Mann, der weich wie eine Frau und scheu wie ein Lamm war, Tasso Tassilo so in der Nähe der Kirche, fast auf geweihtem Boden, angefallen haben konnte. Und doch wuchs und wuchs der Verdacht im Geiste des jungen Mannes, bis er am Ende die ganze Kraft einer wirklichen Ueberzeugung gewann. Heißt man doch keinen Argwohn so eifrig willkommen, als wenn er mit unseren Vorurtheilen harmonirt.
„Ich glaube, Sie wissen mehr als sonst Jemand,“ sagte er eines Tages geradezu zu ihm, als er dem Priester auf einem schmalen Feldweg begegnete, und seine Augen sprühten dabei argwöhnisch über das niedergeschlagene Gesicht Gesualdo's, der, als ob er einen Schlag bekommen hätte, zurückfuhr und schwieg.
Er hatte in einem unbedachten Impuls gesprochen und wäre wohl selbst kaum im Stande gewesen, zu sagen, was er eigentlich meinte; doch wie er die deutliche Verlegenheit des anderen sah, schien ihm seine zufällige Aeußerung seltsam bestätigt.
„Wenn Sie irgend etwas wissen, was Generosa retten könnte und Sie sprechen nicht,“ sagte er leidenschaftlich,„so mögen alle Teufel, an die Sie glauben, Sie in alle Ewigkeit foltern.“
Gesualdo schwieg noch. Er schlug nervös das Zeichen des Kreuzes und ging weiter.
„Verdammt seien diese Pfaffen,“ sagte der junge Mann bitter, wie er ihm nachsah,„könnte man nur mit ihnen umspringen wie mit anderen Menschen— doch in ihrer Gemeinheit und Schwäche schützt sie gleich Weibern ihr Rock.“
IV.
Inzwischen gab sich Gesualdo übermenschliche Mühe, den wirklichen Schuldigen zum offenen lauten Geständniß dessen zu bringen, was jener ihm unter dem Siegel der Beichte anvertraut hatte. Er suchte den Menschen heimlich auf, ermahnte ihn und sprach ihm zu und beschwor ihn in Gottes und aller Heiligen Namen, aber der Girellone war verstockt und hörte auf kein Bitten und auch kein Drohen. Ihn ließ all das Leid, das er verschuldet hatte und das er, wenn er weiter schwieg, noch verschulden würde, vollkommen kalt. Was ging ihn das alles an? Der Gedanke an die Einkerkerung der Müllers— frau machte ihm obendrein Spaß. Er hatte die Putzsüchtige gehaßt, die Hungerleiderstochter, was war sie besser als er? Dann und wann hatte Generosa ihm in ihrer achtlosen, herrischen Weise be— fohlen, Wasser oder Holz für sie zu tragen, ohne je ein„Schön Dank“ oder einen„Guten Tag“ für ihn gehabt zu haben. Das hatte stets seinen Stolz verletzt und er hatte sich oft selbst über— winden müssen, sie nicht ganz laut in ihrem eigenen Haus eine feige Betteldirne zu schimpfen.
Gesualdo kämpfte mit all' der Kraft seines Glaubens für die Seele dieses verstockten Bösewichtes und warnte ihn vor der ewigen Strafe. Doch er hätte ebenso gut zu den großen Mühlsteinen sprechen können, die in dem Flußwasser ausruhten. Warum nur hatte der Unmensch die Last seines gemeinen Geheimnisses auf un— schuldige Schultern geworfen? Es war ihm ein bitter stechender Schmerz, keinerlei Schuldgefühl in dem Gewissen des Uebelthäters erwecken zu können. Der Mensch war theilweise in einem vagen abergläubischen Impuls, einem Rest von Glauben aus der Kind— heit her zu ihm gekommen, theilweise aus dem Bedürfniß, sich zu Jemand auszusprechen— per sfogarsi, wie er sagte; es hatte ihm
eine Erleichterung geschienen, den Priester zum Mitwisser seiner Schuld zu machen.
„Sie werden aber ewig im Fegefeuer bleiben, wenn Sie so weiter in Ihrer Sünde hinleben,“ meinte Gesualdo immer wieder und wieder zu ihm.
„Das muß ich riskiren,“ antwortete der Mensch,„aber die Hölle ist weit und die Galeeren sind nahe.“
„Indeß wenn Sie nicht glaubten an meine Kraft, Ihnen Ihre Schuld zu vergeben oder Ihnen zu fluchen, was beichteten Sie mir überhaupt?“ rief Gesualdo.
„Weil ich das Geheimniß von der Leber herunter haben wollte,“ antwortete der Girellone,„und ich wußte, Sie können es doch Nie— mandem weiter sagen.“
Und aus dieser Stellung trieb ihn nichts heraus. Kein Bitten, kein Flehen, kein Drohen, kein Fluchen rührte ihn. Er hatte ge— beichtet„per sfogarsi,“ das war alles.
Einen Abend jedoch, nachdem Gesualdo ihn wieder einmal so zur Rede gestellt, packte ihn Schrecken— Schrecken vor den Dingen dieser, nicht jener Welt. Er hatte sein Geheimniß preisgegeben; wer konnte wissen, ob er nicht doch in Gefahr stand? Jeden Augen— blick fürchtete er, die Hand des Gesetzes auf sich zu fühlen. So oft er die Carabinieri durch das Dorf traben hörte oder die weißen Säbelgürtel und die Federhüte der Gensdarmen im Sonnenlicht der Felder erblickte, überlief es ihn eiskalt vor Angst, der Priester könnte doch gesprochen haben. Er wußte, daß er es nicht konnte, nicht durfte und doch lebte er in beständiger Furcht.
Er zählte sich das bischen Geld auf, das er sich gespart hatte, ein paar zerknitterte, schmutzige Banknoten und fragte sich, ob das bis Amerika ausreichen würde. Es war nur herzlich wenig, aber seine Furcht trieb ihn, sich auf das Wenige zu verlassen. Er dachte sich eine Geschichte aus, wie sein Bruder von Drüben ihm Geld geschickt hätte, daß er nachkäme und dann packte er seine sieben Sachen und verschwand. In der Mühle und im Dorf wurde seine Abreise lebhaft besprochen. Der Girellone hatte Glück, hieß es, aber zurückwünschen würde sich ihn keiner. Gesualdo hörte von der Flucht im Laufe des Tages.
„Mein Gott— er— verschwunden— außer Landes gegangen!“ rief er unwillkürlich mit bleichen Lippen.
Die Leute, die das hörten, verwunderten sich. Was that es ihm, daß der Fuhrknecht über das Meer zog, sein Glück zu suchen!
Der Girellone war weder ein so guter Arbeiter, noch ein so guter Kamerad gewesen, daß ihn irgend einer in der Mühle oder im Dorf vermissen würde.
„Amerika kriegt allen unseren Schund,“ sagten die Leute.„Mag er der neuen Welt wohl bekommen.“
Und mittlerweile wanderte der Mörder Tasso Tassilo's ungehindert über Land bis an die Meeresküste, und im Hafen von Livorno be— zahlte er einen Platz in einem Auswandererschiff, und Marca sah ihn nimmer wieder.
Die Last seiner Blutschuld aber hatte er zurückgelassen, sie lastete auf einer schuldlosen Seele mit der Schwere einer Welt.
So lange der Mensch in Marca geblieben war, hatte Gesualdo immer noch die Hoffnung, ihn überreden zu können, daß er sich dem Gerichte stellte oder daß irgend ein Zufall zur Entdeckung seiner Schuld führte, doch jetzt, wo er auf dem Meere schwamm, war es auch mit dieser Hoffnung vorbei, und Gesualdo machte sich die entsetzlichsten Vorwürfe, zu zag in seinem Kampf um die Seele des Bösewichtes gewesen zu sein.
Der für den Prozeß festgesetzte Tag rückte heran, es war der zehnte Mai. Ein heißer Tag, an dem die Bienen zwischen den Akazieublüthen summten, die grünen Laubfrösche oben in den Stein— eichenwipfeln jauchzten und die Eidechsen hinein und herausliefen aus den Sina-Rosenhecken auf den Straßen. Eine Masse Leute aus Marca waren als Zeugen vorgeladen, und diese begaben sich auf Maulthierfuhrwerken und altmodischen, mit dem Ackerpferd be— spannten Chaisen zur Stadt. Sie murrten, daß ihnen ein Tag Arbeit auf dem Felde verloren ging und waren doch höchst ver— gnügt und befriedigt bei dem Gedanken, Generosa auf der Armen⸗ fünderbank zu sehen und gegen sie auftreten und aussagen zu können, was sie wußten und mehr als sie wußten.
Falko Melegari ritt in aller Frühe allein hinüber, und Gesualdo, seine Haushälterin und sein Küster fuhren mit der von San Arturo abgehenden Post und rollten über die staubigen Straßen und die


