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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 43.
Gießen, den 24. Oktober.
166.
Don Gesualdo.
Von Ouida, deutsch von Arthur Roehl. (Schluß.)
Heit der Beichte des Fuhrknechtes hatte der Pfarrer Generosa nicht mehr aufzusuchen gewagt. Er mochte nicht in ihre gequälten Augen schauen, wo er sie mit einem Wort in Freiheit setzen konnte, mit einem Worte, das er aber nie aussprechen durfte. Er fürchtete, daß er angesichts des Leidens dieser Frau, die so viel Gewalt über ihn besaß, seiner heiligen Pflicht untreu werden und sich sein Ge— heimniß entschlüpfen lassen könnte.
Ohne Ahnung von dem Wachsen der öffentlichen Meinung gegen sich, nur ganz von dem einen übermächtigen Gedanken eingenommen, verwaltete er mechanisch sein Amt und ging durch alle Ceremonien hindurch, ohne recht eigentlich mehr bei der Sache zu sein als die Kerzen, die sein Küster ansteckte. Die Beichte, die ihm gemacht worden, ließ ihn Tag und Nacht keine Ruhe. Er sah sie wie in blutigen Zügen geschrieben an den weißen Wänden seiner Schlaf⸗ kammer, seiner Sakristei, seiner Kirche. Der Mörder ging offen und frei umher, arbeitete wie andere in dem hellen, klaren Sonnen⸗ schein, sprach und lachte, aß und trank und schlief und wachte, keiner trat ihm zu nahe. Und während dessen schmachtete Generosa im Gefängniß. Ihr blieb nur die eine Hoffnung auf den Freispruch der Geschworenen. Doch selbst dann würde sie die Schande eines allerdings nicht bewiesenen Verbrechens mit sich durch das Leben schleppen müssen. Hatte doch selbst ihr Liebhaber erklärt, daß er, wenn das freisprechende Urtheil auch nur einen Funken Verdacht auf ihr ließe, mit ihr nichts mehr zu thun haben könnte, noch durfte. Alle Welt würde gegen sie sein. Die Kinder würden mit den Fingern auf sie zeigen, als auf die Frau, die des Mordes ihres Mannes beschuldigt gewesen.
Eines Tages suchte er Falko Melegari auf, als dieser gerade über seinen Rechnungsbüchern in einer tiefen Fensternische des Schlosses saß.
„Sie wissen, daß sie am zehnten nächsten Monats zur Ab⸗ urtheilung kommt?“ fragte er mit halberstickter Stimme.
Der junge Mann lehnte sich an den Rücken seines Holzstuhles zu⸗ rück und nickte. 8
„Und Sie?“ meinte Gesualdo mit einem neugierigen Ausdruck in seinen Augen.„Wenn sie nun freigesprochen werden wird, werden Sie dann den Muth haben, Ihren Glauben an ihre Unschuld zu beweisen? Werden Sie sie heirathen, wenn sie freikommt?“
Die Frage kam plötzlich und unerwartet. Falko wechselte die Farbe. Er zögerte. N
„Sie werden es nicht thun,“ sagte Gesualdo. i
„Das sagte ich nicht,“ antwortete der junge Mann ausweichend. „Ich weiß nicht einmal, ob sie es überhaupt verlangen würde.“
Es verlangen! Gesualdo verstand nicht viel von der Menschen— natur, aber er wußte, was dieses kalte Wort besagen wollte.
„Ich dachte, Sie liebten sie. Ich irrte mich,“ sagte er bitter. Ein rosiger Hauch trat plötzlich auf die wächserne Blässe seines Gesichtes.
Falko Melegari sah ihn keck an.
„Ein Mann der Kirche sollte sich nicht in derlei Dinge mischen! Ob ich sie liebe? Sicher! Der Gedanke, sie dort unten zu wissen, nagt an meinem Leben. Ich ließe mir gerne meine rechte Hand abschlagen, könnte ich sie damit retten. Aber sie zu heirathen, wenn sie so freigesprochen wird— das ist etwas anderes. Ja, wenn die Richter auch den wirklich Schuldigen entdeckten, damit ihre Unschuld vor aller Welt klar erwiesen dasteht, und ich sie erhobenen Hauptes in meine Familie einführen könnte—“
Er stand auf und stieß ungeduldig seinen schweren Holzstuhl fort. Er schämte sich seiner eigenen Worte, doch selbst in den stürmischsten italienischen Naturen sind Vorsicht und Selbstliebe stets die stärksten Instinkte. Gesualdo sah ihn mit tiefer Verachtung im Grund seiner dunklen, leuchtenden Augen an. Dieser schöne und männliche Liebhaber der Müllerin erschien ihm als eine recht armselige Kreatur.
„Im Grunde Ihrer Seele zweifeln Sie selber an ihr,“ sagte er mit Strenge und Verachtung, wie er sich von dem Schreibtisch ab⸗ wandte und durch die Glasthür wieder in den Garten hinausging.
„Nein, so wahr Gott lebt, ich zweifle an ihr nicht,“ rief ihm Falko Melegari nach.„Keine Stunde, keinen Augenblick lang. Doch auch anderen den Glauben beizubringen— das ist der schwierige Punkt. Ich werde ihr stets eine Stütze und ein Freund sein, wenn sie freikommt. Aber sie heirathen— sie in meine Familie ein⸗ führen— mir sagen lassen, daß meine Frau des Mordes verdächtigt gesessen hat, das kann ich nicht, das kann kein Mann, der auf seinen Ruf noch etwas giebt. Man liebt eben aus Liebe, aber man heirathet für die Welt.“
Er sprach zu der Luft. Es hörte ihn weiter keiner mehr an als die kleinen Eidechsen, die aus ihren Löchern in der Steintreppe unter dem Glasfenster herausgeschlüpft waren. Gesualdo hatte sich über das Gras des Gartens entfernt und war hinter der hohen Lorbeerhecke seinen Augen entschwunden.
Der junge Mann nahm seine Arbeit wieder auf, doch er war ruhelos und das Rechnen wollte ihm nicht mehr gelingen. Er nahm seine Büchse, pfiff seinen Hund herbei und ging in die Berge hin⸗ aus, wo die Hasen im Heidekraut und die Schnepfen im Stech— ginster wohnen. Seine Laune war hin, er war in heftiger Ge⸗ reiztheit gegen seinen Gast von eben. Er fühlte es, daß er dem Kirchenmann als ein rechter Wicht erschienen war. Indeß hatte er nach allem doch nur gesprochen, wie jeder andere Mann es an seiner Stelle auch gethan haben würde.
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