Ausgabe 
24.10.1886
 
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Brücken an Heiligenbildern, Schänken und Schmieden vorbei hin zur Stadt.

Der Pfarrer verlor kein Wort während der vier langen Stunden, die der wackelige überfüllte Wagen mit seinen elenden halbverhungerten Pferden zu der Fahrt in dem kühlen Morgensonnenlicht brauchte. Er hielt sein Brevier in der Hand zum Scheine, und da er so in Gedanken vertieft aussah, störten ihn seine geschwätzigen Nachbarn nicht, sondern plauderten für sich und füllten die kleeduftige Luft mit dem Geruch ihres Knoblauchs, ihres Weins und ihres gemeinen Tabaks an.

Candida blickte dann und wann ängstlich auf den Pfarrer hin, von sie wußte selbst nicht welch einer vagen Ahnung heimgesucht. Sein Gesicht sah ganz eigenthümlich aus, dachte sie, und seine fest geschlossenen Lippen waren weiß wie die Lippen einer Leiche. Als die Postkutsche über das Pflaster der Straßen hinweg in die Stadt hineingeklappert war, stiegen sämmtliche Passagiere vor der ersten Weinschänke aus, die sie auf der Piazza sahen, um zu essen und zu trinken, er jedoch winkte stumm seine Haushälterin beiseite, als sie ihm eine Erfrischung anbot, und trat in die große Kirche auf dem Platz, um einsam zu beten.

Die Stadt war heiß und staubig und spärlich bevölkert. Sie hatte braune Ringmauern, hohe unbewohnte Sandsteinpaläste und Ziegelthürme, die in den Himmel hineinragten. Kunstfreunden war der Ort lieb und werth wegen der paar schönen Gemälde aus der Senesischen Schule, die hier in den Kirchen hingen. Das Gerichts- gebäude stand auf einem der leeren, staubigen, stillen Plätze des Ortes. Es war einst der Palast des Podesta gewesen und zeigte die mit Schießscharten versehenen Wände und die zinnengekrönten Thürme einer vergangenen stolzeren Zeit. Der Gerichtssaal war ein großer, gewölbter, feierlich⸗düsterer, von Marmorsäulen getragener Raum voller Landleute. Der Gerichtspräsident saß zwischen seinen Kollegen, eine Renaissancefigur in schwarzem Barett und schwarzem Talar, da. Die Angeklagte saß auf der umgitterten Anklagebank, von Gendarmen bewacht. Gesualdo blickte einmal durch eine Seiten⸗ thür hinein, doch fuhr er gleich wieder mit einem Geräusch in seinen Ohren wie das Zischen der See zurück und blieb im Wartesaal draußen, wo ein frischer Luftzug von der Treppe her an seine Stirn drang und wartete, bis sein Name aufgerufen wurde.

Die Verhandlung nahm ihren Anfang. Es war und blieb alles beim Alten. Dieselben Aussagen, die bei der Voruntersuchung gemacht worden waren, wurden hier nur wiederholt. Die Leute von Marca hatten in der Zwischenzeit allerdings manches vergessen,

die Lücken füllten sie mit eigenen Erfindungen aus; doch im großen

Ganzen war ihr Zeugniß nur unerheblich von dem einstigen verschieden. Gesualdo kam erst am dritten Tag zur Vernehmung. Diese siebenzig oder achtzig Stunden des Wartens waren ihm eine fürchterliche Zeit. Kaum daß er dann und wann sein Fasten unter⸗ brach oder überhaupt sich dessen, was er that, bewußt war. Er brachte diese ganze Zeit stumm auf dem Gericht lauschend oder in den Kirchen betend zu. Als er endlich aufgerufen wurde, badete ein kalter Schweiß sein Gesicht und sein Haar. Seine Hände flogen; er antwortete den Richtern und den Advokaten so verwirrt, daß man an seinem Verstand zweifeln konnte und er erklärte sie so leidenschaftlich und so nachdrücklich für unschuldig, daß der Eindruck, den er auf die Zuhörer machte, gerade ein dem gewünschten entgegen gesetzter war. 5

Dieser Priester weiß, daß sie schuldig ist, dachte der Präsident. Er weiß es, vielleicht weiß er sogar mehr vielleicht war er ihr Komplice.

Seine Aussage, sein Aussehen, seine ungestümen sich wider⸗ sprechenden Worte schadeten ihrer Sache so sehr, wie er sich mühte, ihr zu nützen. Von anderen Zeugen aus Marca hatte der Richter gehört, daß zwischen dem Pfarrer von San Bartolo und Generosa Fe stets eine große Freundschaft bestanden, und daß an dem Morgen, an dem der Mord entdeckt wurde, der Priester die Leiche, der Polizei zuvorkommend, von dem Orte der That in die Sakristei geschafft hatte. Eine gewaltige Voreingenommenheit herrschte gegen ihn im Saal und im Zuhörerraum; und sein bleiches, erregtes Gesicht,

seine unzusammenhängenden Worte, seine wilden Augen, die beständig

die Angeklagte suchten, das alles gab ihm wirklich das Aussehen eines Schuldbewußten. Der Präsident nahm ihn erbarmungslos ins Kreuzverhör und that sein Möglichstes, die Wahrheit, die nach seiner Ansicht Gesualdo verheimlichte, aus ihm herauszuziehen. Doch

ohne Erfolg. Wirr und halb blödsinnig, wie er schien, verrieth er mit keiner Silbe, was er wirklich wußte. Nur wenn seine Augen auf Generosa ruhten, lag solche Todesangst in ihnen, daß jene selbst darüber stutzig wurde.

Hätte ich je geglaubt, daß es ihm so nahe gehen würde, dachte sie.Aber freilich, er war ja stets eine so zarte Seele, und konnte nie auch nur ein Thier zur Schlachtbank führen sehen.

Gescholten und zurechtgewiesen wurde Gesualdo endlich aus seiner Folter entlassen. Blind und schwindelnd ging er durch die Menge hinaus, an den Beamten vorbei, die Treppe hinunter und an die frische Luft. Die Piazza stand voller Menschen, die keinen Platz in dem Gerichtsgebäude hatten finden können. Das Murmeln ihrer raschen lauten Stimmen schlug wie das Brausen einer See an sein Ohr. Sie waren alle einer und derselben Ansicht.Sie werden sie verurtheilen, meinten sie und wunderten sich dann, wie hoch die Strafe ausfallen würde. Ob auf lebenslänglichen Kerker oder aber weniger.

Gesualdo ging durch die schwatzende, neugierige, gedankenlose Menge. Der Ermordete war ihnen allen ein höchst gleichgültiger Mann gewesen, und seine Frau hatte keinem von ihnen etwas zu Leide gethan, und doch war nicht einer in dem Gedränge, der ehrlich eine Freisprechung gewünscht hätte, obgleich die allgemeine Stimmung dahinging, daß die Angeklagte nur etwas ganz Natürliches gethan.

Die dunkle Gestalt des Priesters glitt durch die erregten lauten Gruppen. In der Luft lag die Hitze des Sommers, der Himmel oben war blau und wolkenlos, die Wände der Kirche und der Häuser glühten in der Sonne. In einer Ecke des Platzes stand eine Fontaine, ein Ueberrest aus alten besseren Zeiten der Stadt in der blaßgrünes Wasser kalt und frisch um Marmordelphine herum sprang. Gesualdo bückte sich und trank daraus durstig, als wollte er nie aufhören zu trinken, dann ging er seinen Weg weiter, stieß den Ledervorhang der Kirchenthür auf und trat in die Kühle und die Einsamkeit dieser Zufluchtsstätte.

Hier warf er sich im Gebet vor das Kreuz und weinte bittere, brennende Thränen um seine Hilflosigkeit.

Doch selbst vor dem Altar seines Gottes ward ihm die Ruhe versagt. Eilige, laute, ungestüme Tritte ven schweren Stiefeln er schallten auf dem alten, ausgetretenen Marmorboden der Kirche. Falko Melegari tauchte hinter ihm auf und legte seine Hand schwer auf seine Schultern. Des jungen Mannes Antlitz glühte, seine Augen funkelten wild, sein Athem war schnell und ungleichmäßig; er achtete nicht der Heiligkeit des Ortes.

Stehen Sie auf und höreu Sie mich an, sagte er rauh. Es heißt allgemein, das Urtheil wird gegen die Angeklagte lauten. Sie wissen es.

Gesualdo nickte.

Wohlan, sagte der Verwalter durch seine zusammengebissenen Zähne,wenn dies wirklich so eintrifft, so schwöre ich Ihnen bei meinem Leben, daß ich Sie statt ihrer bei den Richtern anzeigen werde.

Gesualdo antwortete nicht. Er stand in nachdenklicher Haltung da, die Arme über die Brust gekreuzt. Er drückte weder Staunen noch Entrüstung aus.

Ich werde Sie anzeigen, wiederholte Melegari, wüthend über das Schweigen.Was hatten Sie bei Nacht unter den Pappeln an der Straße nach der Mühle zu thun? Warum schafften Sie die Leiche vom Fundorte weg? Spricht nicht das ganze Dorf von Ihrem seltsamen Wesen und Ihren veränderten Gewohnheiten? Bei Gott, Anhalt genug, um selbst einen besseren Menschen als Sie auf die Galeren zu bringen. Auf alle Fälle, seien Sie sicher, daß ich Sie anzeige, wenn Sie nicht bis morgen dem Präsident alles haarklein gestanden haben, was Sie wissen, Sie heuchlerischer, schwarzröckiger Schurke!

Eine flüchtige Röthe trat auf das bleiche Gesicht Gesualdos, aber er schwieg.

Der junge Mann, der ihn mit haßerfüllten Augen musterte, sah sein Schuldbewußtsein in diesem hartnäckigen Schweigen.

Sie wagen nicht zu leugnen, wiewohl Sie ein geschulter Lügner sind, rief er mit leidenschaftlichem Hohn.Der Bösewicht, der sich einen Diener Gottes nennen will und erbärmlich und feig seine Schuld auf das Haupt einer schwachen, unschuldigen Frau zu wälzen sucht! Ah, hören Sie mich an Keiner kann sagen, daß ich nicht mein Wort einlöse; und hier bei diesem Kreuz, das über uns