Ausgabe 
24.1.1886
 
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3 3 Reichthum des weichen

mündete,

der Frage, die mein Inneres seit ein paar

jubelte sie. Im nächsten Augenblick, da sie mir zum Gutenacht gruß die Hand reichte, wurde sie wieder ernst.

Ich werde mir's doch noch überlegen, ob ich's thue; ich bin wirklich müde, sagte sie unter leisem Frösteln!

So schlafe gut, kleine Schwägerin! Ich will noch flüchtig die Tageblätter durchsehen, dann gehe auch ich zur Ruhe.

Ein Viertelstündchen saß ich noch allein beim schlechten Lichte der Petroleumampel und müßte mich, den Zeitungsnotizen, die ich aus einem Wiener Blatte auflas, einiges Interesse abzugewinnen. Die Aufforderung eines jungen Kellnerburschen, der mich vielleicht aus Mitleid über meine Einsamkeit, vielleicht, um seinem Wirth die Beleuchtungskosten sparen zu helfen, zu den Stammgästen in's Nebenzimmer lud, brachte mir endlich zum Bewußtsein, wie ab⸗

gespannt, unruhig und zerstreut ich war.

Mit einem Seufzer, den weder der Inhalt meiner Lektüre, noch

die Zuvorkommenheit des geschmeidigen Garcon's rechtfertigte, legte

ich das umfangreiche Blatt aus der Hand und wandte mich zum Gehen. Eine wirkliche Sehnsucht nach Schlaf kam über mich; es war mir, als könne nur die Erquickung einer mehrstündigen, voll kommenen Gedankenrast mir die Klarheit des Geistes wiedergeben, die ich unter der Gewalt der neuen Eindrücke, unter der unruhe vollen Sehnsucht nach Mariannen und der Verstimmung über unsere Reiseunterbrechung verloren zu haben meinte.

Der Weg nach meinem Zimmer führte mich durch einen langen Gang, in welchem unter anderen die Thür des kleinen Salons den der Wirth meinem jungen Schützling zur Wohnung Unwillkürlich dämpfe ich in der Nähe jener Thür meine Schritte; ein weiches, fast mitleidiges Gefühl für das arme junge Ding, das hier so allein, so für immer fern von einem schützenden Mutterauge von der Uebermüdung seines zarten, jungen Körpers ausruhte, bewegte mir wider Willen die Seele. Unwill⸗ kürlich legte ich mir in diesem Augenblicke Zeugniß darüber ab, daß die Welt doch nichts Lieblicheres und Heiligeres berge, als solch' eine Mädchenknospe mit aller ihrer Beweglichkeit und Nachdenklich keit, mit ihrem Herzklopfen vor den Ueberraschungen der Welt, mit den Resten ihrer kindlichen Thorheit und demüthigen Gläubigkeit und mit den berauschenden Ahnungen ihres kommenden Frauenglücks.

Inmitten dieser pfeilschnell auftauchenden Betrachtungen, die mir bisher so fern gelegen, weil ich nie das jungfräuliche Erblühen einer Schwester oder einer jungen Bekannten darauf hingelenkt, über raschte mich das Knarren einer Thür und der zitternde Schein eines schmalen, goldenen Lichtstriches, der auf der Matte vor meinen Füßen entstand.

Bist Du es, Veit? flüsterte eine schüchterne Stimme, die vor geheimnißvoller, unterdrückter Lustigkeit zu beben schien. Schläfst Du noch nicht, Käte? war meine einzige ver wunderte Antwort. f

Ehe ich mehr sagen konnte, thaten die Flügel, die den winzigen Lichtstreifen hindurchgelassen hatten, sich so weit auseinander, daß sie die schlanke Gestalt des Mädchens, an der die schweren, spitzen bedeckten Falten des silberweißen Hochzeitskleides herniederrauschten, wie ein Rahmen umschlossen. Welch' ein Bild! Wie verschieden von dem des schlafenden Miögdeleins, von dem ich soeben im Gehen geträumt hatte!

Mein Gott, wie Du Deiner Mutter gleichst! rief in augen⸗ blicklicher Erkenntniß der Thatsache, daß diese zarte, leuchtende Blässe, dies große, märchenhafte Augenpaar, dies Lächeln und dieser goldene Gelocks nur ein Ebenbild auf Erden habe das Porträt der todten Freifrau sei. Weile auf Dich, jubelte sie, als sie mein Entzücken bemerkte.Ich sah es im Spiegel, wie gut es mir paßte und dachte es mir, daß Du Dich darüber freuen müßtest.

Es steht Dir wirklich unvergleichlich reizend, sagte ich rückhaltlos.

Mit süßem, gedankenvollen Sinnen sah sie an dem gleißenden Gewand nieder.

Es war trotz alledem kindisch, daß ich es anzog. Nun muß ich es wieder ausziehen und behutsam zusammenlegen, und dabei

angewiesen hatte.

und daß dieses eine Ebenbild Ich warte schon eine ganze

werde ich immer daran denken müssen, wie glücklich Marianne darin

sein wird.

Meinst Du, daß sie glücklich sein wird? sagte ich, indem ich Stunden so heiß be schäftigte, Ausdruck gab.

Natürlich, gab sie mit frühreifem, prophetischem Ernst zur

Antwort.Du liebst sie ja, und sie liebt Dich. Ihr werdet Beide glücklich sein. a

Hab' Dank für dies Wort! Gott möge es erfüllen!

Unwillkürlich hatte ich ihre schlanke Hand erfaßt und drückte sie leise. Es war einer jener unbeschreiblichen, feierlichen Momente, in denen sich tausend erwachende Gedanken in vier feuchten Augen spiegeln, in denen unvorbereitet und unvermuthet eine Welt von Wünschen und Segnungen von Herzen zu Herzen fließt.

Der mahnende Ton einer fernen Nachtglocke brachte uns dann Beiden die vergessene Müdigkeit in's Gedächtniß zurück.

Die unausgesprochene Rührung des Augenblickes aber bebte un willkürlich in unseren Stimmen nach, als wir uns nun zum zweiten MaleGute Nacht wünschten.

Das Frühgeläut des nächsten Tages erscholl über sonnige, feucht⸗ blitzende Dächer und Giebel, über das verjüngte Grün frischduften der Gärten und Wiesen hinweg.

Wie solch' eine Wetternacht das Angesicht der Welt verändert, sagte Käte sinnend, als wir unter dem wolkenlosen, morgenhellen Sommerhimmel unsere Reise fortsetzten. Wir waren Beide, wie Görg voller Respekt und Stolz dem verschlafenen Hausknecht beim Fortfahren erzählt, schon angekleidet und reisefertig erschienen, als er uns verabredeterweise im Dämmerlicht zu wecken gekommen war.

Du bist ein prächtiger Reisekamerad, Kätchen, sagte ich, da ich dankbar wahrnahm, wie wohl die kräftige Kühle der Luft meinen überwachten Sinnen that.Es ist nach der gestrigen Anstrengung wirklich ein Heldenstück, daß Du vor Tagesanbruch munter warst.

Es war mir nicht so schwer, als Du denkst, gestand sie lächelnd.Ganz offen gesagt: ich bin so munter wie gestern Abend. Ich freue mich viel zu sehr auf den Vater, auf Marianne, auf Oktav und meinen treuen Algol, um mit all' dieser Freude einschlafen zu können. Zudem regte ich mich auch ein wenig mit dem Einpacken des Kleides auf; es war unbeschreiblich mühsam, viel tausendmal schwieriger, als ich es mir gedacht, es in die alten Falten zu legen. Aber sieh' mich nicht so besorgt an, es ist mir schließlich doch prächtig gelungen.

Ich zweifle nicht daran, nur daß Du nicht schliefst, mir Sorge.

Wirklich? fragte sie mit liebenswürdigem, glücklichen Lachen. Ich werde Dir beweisen, wie frisch ich bin und wie wenig Du mich zu bedauern brauchst.

In der That schien das Nachdenken, das ihren beweglichen Sinn seit dem Beginn unserer Morgenfahrt gefesselt hatte, mit den letzten Frühnebeln in der klaren Luft zu verflattern. Der heimathliche Charakter der waldigen Hügelgegend, die wir durchmaßen, machte sie wieder völlig zum Kinde, und was ihr als Niederschlag ihrer ersten, ernsten Mädchenstimmung trotz aller Munterkeit' noch ver blieb, das ging in der glückseligen Freude und Ueberraschung unter, die uns Oktav, der goldene Junge, an der Grenze des Sassen'schen Waldgebietes durch sein unvermuthetes Erscheinen bereitete: Mit einem hallenden Jauchzer brach er mit seinem Falben aus einem Seitenweg, der zwischen buschigen Fichten in die Landstraße mündete. Seine stolze, sichere Haltung auf dem feurigen Pferd, die Jugend schönheit seiner schmalen, Glanz seiner fröhlichen Augen schien Käten in demselben Maße zu entzücken, wie ihn der zarte Liebreiz des Mädchens.

Es ist unglaublich, wie Du Dich verändert hast, sagten sie beide wie aus einem Munde.

Unaufhörlich plaudernd, fragend und lachend sprengie der ge schmeidige, junge Reiter neben unserem Wagen her. Wieviel Wichtiges hatte er zu berichten! Er war am vergangenen Morgen mit Gottlieb in Sassen eingetroffen und hatte schon dem Gärtner geholfen, den Flor der Gewächshäuser nach der Kapelle zu trans portiren und um den Altar aufzustellen.

Die großen Myrten- und Orangenbäume stehen alle in Blüthe, es ist wie für Euch geschaffen, sagte er.Marianne begann fast zu weinen, als ich ihr's zeigte, so wunderschön ist es. Und welch' ein buntes Leben im Haus! Ich glaube fast, Marigune hätte es gern ein wenig stiller. Vater findet sie blaß, und ich glaube, es wird ihr manchmal schwer, den vielen lustigen Vettern und Basen, die jede Minute ein anderes Anliegen haben, immer ein lachendes Gesicht zu zeigen. Das wird nun Alles anders, da Ihr kommt. Veit hilft Mariannen fröhlich sein, und Käte hilft den Anderen,

macht

ausdrucksvollen Züge und der leuchtende