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geben. Ein Bausch von Spitzen, weißem, schimmerndem Flor und Seidenstoff wurde sichtbar.
„Mariannens Brautkleid,“ rief sie mit dem Ausdruck staunenden Entzückens.
„Wie Du rathen kannst! Ich habe dem Pariser Schneider selbst die Zeichnung dazu entworfen!“
„Weiß es Marianne?“
„Natürlich, Närrchen.“
„Wie schön es sie kleiden muß!“ sagte sie nachdenklich, indem sie den Kopf in die Kissen des Wagens zurücklehnte.
Lange blieb sie nun still und träumerisch; ihre Lider senkten sich bis über die glänzenden Augen, und nur ein flüchtiger Blick, den sie zuweilen, wenn der Ruf eines Hähers uns zu Häupten ertönte, ins Weite sandte, verrieth, daß sie nicht schlummerte.
Während dieser schweigsamen Fahrt waren die Donnerschläge allmälich verhallt und die Blitze verglüht,— kühler und labender wehte der Wind, aber tiefer und gleichförmiger breitete sich das fahle Gewölk, das über uns lastete, am Himmel aus.
„Ich fürchte, daß wir's mit einem herzhaften Regen zu thun bekommen, Kätchen,“ sagte ich nach langem Stillsein, um ihre Stimme wieder zu hören.
„Ganz gewiß!“ entgegnete sie, indem sie sich aufrichtete und die Locken, mit denen der Wind gespielt, aus dem Gesicht strich.„Wir kommen kaum bis- Wunsiedel; jedenfalls entscheidet sich's bis da⸗ hin;— wird's arg, so müssen wir warten,— schon der Koffer enn
Wie um ihre Kinderklugheit zu bestätigen, verzögerte sich die Entscheidung wirklich bis kurz vor das besagte Städtchen; erst als dessen ragender Kirchthurm in Sicht kam, fielen die ersten Tropfen, die sich so schnell verstärkten, daß wir noch für die kurze Strecke bis zum Gasthaus das Dach der Kutsche herablassen mußten, um den leichten Kleiderkarton nicht preiszugeben.
Das Intermezzo regte alle Lebensgeister des beweglichen Kindes auf's Neue an.
Das Resultat eines langen, weisen Zwiegesprächs mit dem Hausknecht der„goldenen Krone,“ daß der Himmel wenigstens drei Stunden brauche, um sich abzuregnen, schien ihr für's erste maß— gebend. a
„Auf jeden Fall werden wir hier übernachten müssen,“ sagte sie in dem Ton, mit welchem ein lustiger Knabe ein lockendes Abenteuer begrüßt.
„Es wäre doch möglich, daß Weiterreisen bekämen,“ warf ich, wegt, ein.
„Wir können es ja abwarten; auf jeden Fall Zimmer bestellen, um auszuruhen.“
Daß eine kurze Rast kein Luxus für sie war, zeigte der blaue Schatten unter ihren schimmernden Augen und die durchsichtige Blässe ihres holden Gesichts.— Und doch schien ihr,— nach der Art leicht-erregbarer, nervenzarter Naturen— als wir nach dem einfach⸗kräftigen Abendmahl allein in einem kleinen Wirthszimmer in's Plaudern kamen, der Wunsch nach Schlaf in eben dem Maße zu schwinden, als sie dessen zu bedürfen schien.
Ihr reizendes naives Fragen lockte mir tausend alte halbver— blaßte Erinnerungen an's Licht.— Ich mußte ihr von meiner Jugendzeit, von den Geschwistern erzählen, den vier kleinen Gräbern auf dem Friedhof, die ich mit der Mutter zur Weihnachtszeit mit brennenden Tannenbäumchen geschmückt, dann von der Eltern Schei— den und meinem einsamen Ringen, von Gottlieb, von meinen Bildern und meinen Erfolgen.—
„Auch was Du an Oktav gethan hast, weiß ich,“ sagte sie endlich ganz schüchtern;„ich war die erste, die es erfuhr,— gleich nachdem es geschah, denn wir hatten uns die Hand darauf gegeben, Oktav und ich, uns in unseren Briefen nichts zu verschweigen.“
„Der thörichte Junge! Wieviel Wesen er macht um ein Nichts!“
Sie lächelte.„Nun weiß ich beinahe alles aus Deinem Leben, nur Eins noch nicht. Du würdest es mir aber doch nie sagen und gewiß sehr böse sein, wenn ich Dich darnach fragte!
„Frage nur!“
„Nein, nein!“
„Ich werde Dir niemals böse sein!“
„Sicher nicht?— Aber lache auch nicht!— Wie war es, als Du Marianne lieb gewannst, als Du um sie warbst? War Dir's
wir eine mondhelle Nacht zum von Ungeduld und Unruhe be—
wollen wir uns
vom ersten Augenblick an klar, daß Du ohne sie nicht leben konntest; — war es so, wie man's in den Büchern liest?“
Ich starrte ihr fast erschrocken in's Angesicht;— jene Neufahrs⸗ nacht fiel mir ein mit ihren wirren Träumen, mit Oktav's Offen⸗ barungen.— Es war mir, als habe plötzlich eine erbarmungslose Hand einen Schleier zerrissen, der über meine Seele gebreitet lag. — Was hätte ich jetzt dahin gegeben, um einen Blick in meines Mädchens Augen zu senken, um im Liebreiz ihres stillen Gesichtes den Trost zu lesen, daß ich mir meiner lebendigen Liebe zu ihr auch ohne des Knaben Vermittelung früher oder später noch bewußt geworden wärde.
„Nun sieh, Du bist mir doch böse,“ sagte Käte demüthig.
„Nein, nein, Du stellst nur sehr überraschende Fragen, Kleine. — Weißt Du, Bücher sind ein schlechter Maßstab. Ich kann Dir nur das Eine sagen, daß es viel tausend Mal schöner war, als Du es je in Büchern lasest.“
„Wirklich?“ sagte sie, indem sie mir unter zitternden Wimpern
hervor mit den großen, strahlenden Augen zulächelte.
„Aber Du bist mir doch bös; Du siehst mich ja so streng an.“
„Gewiß nicht!“
„Ach, Veit,“ jubelte sie im nächsten Moment, einem ihrer tollen Einfälle folgend,—„ich habe noch eine Bitte an Dich; wenn Du wüßtest, wie glücklich mich ihre Erfüllung machte!— Ich habe vielleicht nie im Leben etwas so brennend gewünscht.“ 5
„Wieder eine Gewissensfrage?“ fragte ich mit etwas mißtrauischen Gefühlen.
„Nein, nein!“ lachte sie lustig zwischen den blitzenden Zähnen und den zartrothen Lippen hervor.„Ach, wenn ich nur wüßte, wie Du es aufnimmst.“— 5
„Wage es nur!“
„Nun denn,“ fragte sie leise und geheimnißvoll, indem sie meine Hand mit ihren feinen, schöngeformten Fingern umspannte und ihr junges Haupt dem meinen so weit näherte, daß ihr Gelock meine Stirn streifte.—„Laß' mich einen Augenblick lang, einen einzigen, kleinen, flüchtigen Augenblick lang Mariannens Brautkleid anziehen!“
Noch heute empfinde ich bei der Erinnerung an jene Szene einen Nachhall des thörichten, verblüffenden Schreckens, der mich dem tollen Kinde gegenüber ergriff.— Ich muß sie so betroffen, so ungläubig angesehen haben, daß auch sie erschrak, denn ihre großen, lachenden Augen wurden feucht und mit unterdrücktem Schluchzen kämpfend, sagte sie:„Mein Gott, so sprich doch ein Wort,— ist es denn etwas so unpassendes, so unmögliches, um das ich Dich bitte?“
Als ich sie weinen sah, kam ich zur Besinnung und fühlte nun eine Art beschämender Reue, wie ich sie einst als Knabe empfunden hatte, da ich im schwerfälligen Uebereifer einem schönen Vöglein, das mir aus dem Bauer in's Zimmer entwischt war, den schillern— den Flügel zerschlagen hatte.— War es nicht die lächerlichste Pe— danterie, die in dem unschuldigen Mädchenwunsch eine übermüthige Entweihung des Heiligsten gesehen hatte? Warum war mir nicht der leiseste derartige Skrupel aufgetaucht, als ich die Probirmamsell des Pariser Schneiders mit dem kokettfrisirten Kopf und dem stu⸗ dierten Lächeln im Schmucke des weißen Gewandes erblickt, über dessen Faltenwurf ich mein Gutdünken ablegen sollte.— Der letzte Gedanke nahm mir den Rest von Bedenken. 5
So munter ich es konnte, redete ich der Kleinen zu, die, dem Ueberreiz ihrer jungen Nerven nachgebend, noch immer unter dem feinen Battisttuch, womit sie ihr Gesicht bedeckt hatte, zu schluchzen fortfuhr.
„Du weißt endlich hervor.
„Ich hatte Deine Frage gar nicht recht gehört, Kätchen, und dachte an etwas anderes, was mir Sorge macht.— Wer könnte Dir bös sein!— Du bist übermüdet und überreizt vom Fahren!
nicht, wie Du mich eben angesehen,“ brachte sie
Lege dich schlafen, und wenn Du noch munter genug bist, so nimm
getrost das Kleid einen Augenblick aus seinem Kasten und überzeuge Dich, wie es Dir steht. Der Karton steht so wie so in Deinem Zimmer.“ 1 „Wäre es wirklich kein Unrecht?“ fragte sie mit einem Anflug ihres Schelmenlächelns. „Wenn Du es ganz vorsichtig und behutsam wieder einpackst, gewiß nicht!“ „Ich werde jede Nadel wieder an Ort und Stelle befestigen!“
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