Ausgabe 
23.5.1886
 
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Das sind Ansichten, Herr Georg, hörte man die tiefe deutliche Stimme des Gefährten.Der Herr Vater und die Welt sehen es eben mit andern Augen an.

Was soll das heißen, Dummkopf? flüsterte ihm Georg zu, während sie aus dem dunkeln Hausflur traten.Willst Du Dich bei dem Alten beliebt machen, weil Du so schreiest? Sie stiegen in den offenen Wagen und fuhren dem drei Meilen entfernten Lengen zu. Georg war übler Laune und sprach kein Wort. Es fiel ihm

ein, daß er ganz unüberlegt gehandelt, indem er seinem Vater von

des Lords Absicht gesprochen. Der Letztere wandte sich vielleicht garnicht an Lindner und Georg hatte nur seinen Vater in Bezug auf seines Lieblings Lage höchlichst beunruhigt und ihm gewisser maßen die Anregung gegeben, Adeline nun fortwährend kleine Zu schüsse zu schicken, die seiner, Georg's, Ueberwachung entgingen. Dumm! dumm! brummte er vor sich hin und rieb sich die niedre Stirn. i

Der Gutsbesitzer blieb wie gebrochen in dem Wohnzimmer zurück. Er saß bewegungslos und starrte vor sich hin; es war ein trauriger Ausdruck in seinem Gesicht. Es war ihm Nebensache, daß der ungerathene Sohn ihn mit neuen Beschimpfungen bedrohte; aber er fürchtete, daß Adelinens glänzende Existenz früher oder später mit völligem Ruin endigen mußte. War Graham wirklich ein Spieler, dann war Alles verloren. Der Vater hatte es längst zwischen den Zeilen aus den Briefen seiner Tochter gelesen, daß etwas, was sie nicht sagen konnte, ihrem Glück im Wege stand. Er mußte sie sehen, er mußte sogleich nach Berlin aufbrechen. Sogleich morgen mußte er einen Verwalter für das Gut suchen, der volle Be fugniß erhielt, den Gutsbesitzer von Lengen, wenn nöthig, selbst polizeilich von Mandsfelt fern zu halten, so lange der Besitzer von Mandsfelt abwesend war. Nun mußte sich Lindner vor dem Menschen, der in seiner Unverfrorenheit und Unverschämtheit wahrhaft zynisch wurde, zu schützen suchen; der Welt gegenüber war ja überhaupt nichts mehr zu wahren; dafür hatte Georg gesorgt.

Am andern Morgen, als der Schnee dicht und geschlossen den Boden bedeckte und ein eisiger Wind wehte, überlegte Lindner noch einmal und wurde unschlüssig. Wenn der Lord ein Spieler war, so konnte er ihm doch die Hilfe nicht bringen, auf die jener rechnete und seine Tochter würde nur unter seiner Anwesenheit zu leiden haben. Wenn er zu Hilfe kam, so sollte es zu ihrem Vor⸗ theil wenigstens sein. Er überlegte nach allen Seiten und es wurde ihm trüb zu Muthe, wenn er an die Reihe hoher weiter Gemächer dachte, in denen wohl auch er ein fremder Gast sein werde. Er schrieb also vorerst seiner Tochter und bat sie in den rührendsten Ausdrücken, sich dem Vater zu vertrauen und in allen Lebenslagen versichert zu sein, in ihm den treuesten Freund und Verbündeten zu finden. Es wollte ihm dünken, daß seine Worte allzu sehr die Ueberzeugung durchleuchten lassen, daß sie unglücklich sei und der Lord seinen Pflichten wohl nicht nachkomme.

So wartete er, eingeschneit in seine Berge. Stundenlang saß er mit fieberhafter Ungeduld oben in Adelinens Stube, wo Alles unverändert geblieben war, und zitterte vor Kälte. Von dem Eeck⸗ zimmer aus konnte er den ganzen Weg übersehen, auf dem der Post⸗ bote täglich kam und Briefe und Zeitungen brachte. Der dichte Schnee verzögerte dessen Ankunft und Lindner gerieth nach und nach in einen Zustand nervöser Erregung, die ihn für den Rest des Tages ganz krank machte. Wurde dann endlich der Postbote sichtbar, dann wurde ihm das Herz leichter, bis er erfuhr, daß wieder kein Brief von seiner Tochter für ihn angekommen war. Nach drei Wochen vergeblichen Wartens hielt er es nicht mehr aus. Was war vorgefallen? Vielleicht war Adeline garnicht mehr in Berlin. Sein Haus war bestellt; ein gut empfohlener Verwalter war mit Instruktionen gegen jegliche An- und Eingriffe versehen, er konnte abreisen. Den Weg hatte er zum letzten Mal zurückgelegt, als er zaghaft nach Armünde reiste, mit der schwachen Hoffnung, seine Frau und sein Kind in die Heimath zurückzuführen. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust: er hatte ruhig zugesehen, wie Adeline rücksichtslos die arme Julia aus dem Felde geschlagen. Endlich kam er in Berlin an, ein Wagen brachte ihn nach seiner Tochter Woh⸗ nung. Es war acht Uhr Abends, als er zögernd den Portier nach Lord Graham fragte. Er athmete auf, sie hatten Berlin nicht verlassen!

Wenn meine Tochter zu Hause ist, so will ich sie sprechen; übergeben Sie ihr sogleich meine Karte, sagte Lindner zu einem

Diener. Jener entfernte sich mit der Ka und kam auch alsbald zurück.

Wollen Sie einen Augenblick warn, bedeutete er dem Guts besitzer, indem er die Thüre eines kenen Salons öffnete. Lindner trat ein und wartete. Keine, Kndarbeit seiner Tochter Jag ultf' or vergoldeten Tischchen; Alls war frostig, ungewüthlilch. Es verging eine Viertelstunde undeindner wurde ur ruhig; er ging wieder in den hellerleuchteten Frridor, einen n Bedienten zu fragen, ob seine Tochter vielleicht kreäsc' sei; denn so mußte es sein, sonst hätte sie ihn nicht warten lassen. Als er rathlos sich umsah, öffnete sich auf der andern Seite des Korridors eine Thüre und ein junger Herr mit bräunlicher Gesichtsfarbe trat in den hellerleuchteten Gang. Jener grüßte Lindner mit außerordentlicher Höflichkeit und in seiner Un ruhe und Besorgniß fragte der Vater den Fremden:Können Sie mir wohl sagen, ob Lady Graham endlich zu sprechen ist?

Der Herr sagte etwas, das Lindner nicht verstand. Der Be diente kam herbei und sagte mit ziemlicher Impertinenz:Die Herren werden sich schwerlich verständigen, da Signor Conte Peccatti kein Deutsch versteht. Sie haben warten müssen, wendete er sich an Lindner;ich will nachsehen, die gnädige Frau wird Sie jetzt em pfangen können.

Der Gutsbesitzer folgte dem Diener auf dem Fuße; er schlug die schwere Portiere zurück und vor ihm in einem warmen hell erleuchteten Boudoir stand seine Adeline! Er breitete weit seine Arme aus und rief:Adeline, mein geliebtes Kind!

Er fühlte auf seiner rechten Wange, dann auf seiner linken eine flüchtige Berührung ihrer Lippen und nahm sie fest in seine Arme. Nun laß Dich anschauen, mein Kind, sagte er tief bewegt,wie lange ist mir dieser Anblick nicht mehr geworden. Und mit einem langen innigen Blicke umfaßten seine Augen die elegante Erscheinung.

Ei, ich hätte kaum gedacht, daß so lange Zeit seit unsrer Trennung vergangen sei, wenn ich nicht mit Staunen sähe, wie weiß Dein Haar geworden ist, sagte Adeline und ließ sich wieder auf der Causeuse nieder.

Das freut mich, mein Kind, daß Dir die Jahre kurz geworden; dies beweist mir, daß sie glücklich für Dich gewesen sind, erwiderte er mit Innigkeit und ergriff warm die feine, von Diamanten blitzende Hand. Verändert hatte sie sich fast nicht; wenn auch das erste mädchenhafte Aufblühen vorüber war, so erschien sie ihm kräftiger und ihre Augen waren strahlender und schöner wie je.

Ach ja, die Zeit geht gar zu rasch vorüber, antwortete sie leichthin.

Die Unterhaltung ging fort, der alte herzliche Ton aber wollte sich nicht wieder finden lassen.

Sage mir nur, daß Du glücklich bist, mein Kind, unterbrach Lindner ihre Beschreibung des Lebens in Italien;aus Deinen Briefen konnte ich es nicht so recht heraus lesen.

Wir Frauen der großen Welt sind wirklich so über Gebühr beschäftigt und angestrengt, daß wir keine Muße finden, uns ganz über diesen Punkt klar zu machen, sagte sie mit ihrem alten hellen Lachen, das Lindner überaus wohlthat.

Wann gehst Du schlafen, liebes Kind, sagte er, als die Uhr zehn schlug,ich möchte nicht Deine Gewohnheiten stören, ich bin nur zu glücklich, Dich zu Hause gefunden zu haben.

Wann ich schlafen gehe, guter Papa? nun so gegen drei oder vier Uhr, antwortete sie, und stand ebenfalls auf.Leider muß ich jetzt Toilette machen für eine Soirke, die ich nicht versäumen darf; ich hoffe Dich aber morgen um elf Uhr zum Frühstück zu sehen. Sie gab ihm die Hand und reichte ihm die Wange zum Kusse hin.

Werde ich Deinen Mann heute nicht mehr sehen? fragte er einigermaßen verwundert über den prompten Abschied.

Er ist Abends nie zu Hause, Du wirst ihn wohl morgen an treffen, antwortete sie gleichgültig.

Nun noch ein Wort vor dem Abschied, mein Kind; sei mir nicht böse, daß ich noch einmal darauf zurückkomme: Du hast die Frage nicht beantwortet, die ich Dir in meinem Briefe vorlegte: wie steht es mit Deinem Vermögen, überhaupt mit Euern Ver hältnissen, sagte er in fast bittendem Tone und hielt ihre beiden Hände fest.

Ein fragender erstaunter Blick traf ihn, ein Blick so sonderbar, daß Lindner sich eingeschüchtert fühlte.

Mir sind von jeher derartige Geschäftssachen außerordentlich widerlich gewesen, und ich bin dem Lord dankbar dafür, daß er unser

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