Ausgabe 
23.5.1886
 
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mich vor's Gericht zu ziehen. Gehe, sage ich Dir, ich will Dich nie mehr vor Augen sehen.

Ich habe kein Glück, sagte Georg und schüttelte langsam den Kopf.Alles was Du mir da vorwirfst, war nicht böse gemeint. Es ist wahrhaftig ein Wetter, man möchte keinen Hund vor die Thüre schicken, und ich komme in der Nacht, in dem Schneegewirbel, um Dir Nachrichten von Adeline zu bringen. Ich bin bei ihr ge⸗ wesen und bin erst heute Morgen von Berlin zurückgekommen.

Er hielt inne und bemerkte, wie der Vater seinen Widerwillen zu bekämpfen suchte. Um etwas von seiner lieben Tochter zu hören, mußte er die Gegenwart dieses Burschen dulden, den er nicht mehr vor Augen sehen konnte.

Ja, ich habe sie in gutem Wohlsein angetroffen, fing Georg nach einer kleinen Weile an.Sie wohnt wie eine Fürstin in der Millionär⸗Straße. Ich muß mich ein bischen setzen, Vater; Du möchtest Alles recht ausführlich hören, und Du sollst auch Alles er⸗ fahren, nur mußt Du mir erlauben, daß ich die Beine ein wenig am warmen Ofen ausstrecke. So, nun wird's erst gemüthlich, setze Dich doch; es wird Deinen alten Beinen nichts schaden Du willst nicht? Auch gut! Du magst wohl Tags über ein gut Theil Zeit absitzen. Es sieht nicht darnach aus, als ob die schöne Frau wiederkommen wollte. Noch immer keine Nachrichten von der Stiefmama?

Was geht es Dich an, Bursche. Den Menschen nur hier sitzen zu sehen, der mich entehrt hat, bringt mich außer mir. Mache es kurz, wie geht es Adeline? Der Gutsbesitzer trat in die entfernteste Ecke und wendete seinem Sohn den Rücken zu.

Adeline braucht mehr in einem Tage, wie Dein Sohn im ganzen Jahr, darauf kannst Du Gift nehmen. Ich ging Morgens in das schöne große Haus und hatte meinen besten Anzug angelegt. Unverschämte Bediente hat Adeline, das muß man sagen. Es war wohl noch ein wenig frühe, als ich die mit prächtigen Teppichen belegte Treppe hinaufging. Diese Burschen stäubten und kamen mir mit dem Fliegenwedel so nahe und betrachteten mich so im pertinent, daß ich es gerathen fand, ihnen zu sagen, ich sei der Lady leiblicher Bruder. Da hättest Du sehen sollen, wie frech das Gelichter mich auslachte. Sie ließen mich im Hausgang stehen und sagten, Milady empfinge erst gegen ein Uhr. Ich setzte mich auf eine Art Divan nieder und wartete drei geschlagene Stunden. Gegen Mittag hatte ich die Freude, meiner Schwester Stimme zu hören. Diesen Genuß hatte ich so lange entbehrt, daß ich mir nicht versagen konnte, recht nahe an die Thüre zu treten, aus der ihre Stimme drang. Das war doch etwas. Die Sehnsuͤcht nach ihr ließ mich die Thüre ein ganz klein wenig öffnen und ich sah sie mit einer Tasse Chokolade vor sich in einem Sessel. Sie sah sehr vornehm aus in dem langen gestickten Kleide, wie sie so die kleinen Füße mit den Atlaspantöffelchen auf einen weichen Schemel streckte, aber ihr Gesicht war bleich und farblos, um zwanzig Jahre gealtert. An ihrer Seite befand sich der Lord.

Er hielt einen Augenblick inne und schielte nach seinem Vater. Lindner hatte sich rasch umgewendet und sah angstvoll nach seinem Sohne.

Sie sprachen rasch und heftig zusammen in gutem Deutsch, leise und zischend, fuhr Georg fort.Verstehen konnte ich ja nicht Alles, das mußte sich auf Vorhergehendes beziehen; ich fischte nur heraus:Ruin,unverbesserlicher Spieler, und hörte den Schwager laut lachen. Geräusch kam die Treppe herauf und ich zog mich zurück.

Der Gutsbesitzer war schnell an den kleinen Tisch herangetreten; er sah bleich und verstört aus und athmete schwer.

So erregt, wie Du jetzt bist, war auch ich, als ich mich be hutsam von der Thüre hinwegschlich; denn man hat doch eine einzige geliebte Schwester nicht umsonst, sagte Georg.Ruin! Das eine Wort nur giebt mir immer eine Gänsehaut. Um ein Uhr öffneten sich die Flügelthüren und die Portieren in der glänzenden Reihe der Zimmer, und ich spazierte selbstverständlich zuerst hinein. Ich sah vor Möbel und hohen Pflanzen fast meine Schwester nicht; sie lag auf einer bunten Ottomane und schien zu lesen; ich sah aber, daß sie sich nur so stellte. Nun sah sie frisch und schön aus, wie ehe mals und schien mäßig erfreut, mich wiederzusehen. Auch konnte ich ihr kaum mittheilen, wie es zu Hause gehe, da strömte es von geputzten Leuten zu der Thüre herein, und von der andern Seite trat der Herr Schwager ein, recht sehr von den Jahren mitgenommen.

Derselbe erwiderte sehr steif und vornehm meinen Gruß. Als ich aber auf ihn zutrat und mich zu erkennen gab, da wurde er über⸗ aus freundlich. Adeline kümmerte sich jetzt nur noch um die Be sucher und der Herr Schwager drängte mich auch ein wenig nach der Thüre und sagte, es sei gerade kein guter Moment zum Aus⸗ sprechen, ich solle ihm nur sagen, wo ich abgestiegen sei, er würde mich besuchen. Abends dachte ich, es sei doch in der ganzen Christenheit Sitte, daß man den ersten Abend bei einer Schwester zubringe, die man so lange nicht gesehen hat. Im Hause derselben war Alles erleuchtet und prächtig wie in einem Feenmärchen und die Säle waren dicht gedrängt voll Menschen. Zu Adeline konnte ich garnicht gelangen, so umringt war sie; der Schwager aber drückte mir die Hand und flüsterte mir zu:Morgen um elf Uhr werde ich Sie in Ihrem Hotel besuchen.

Ich trieb mich noch ein Bischen unter den Leuten herum, die mich anglotzten, wie die Kuh das Scheunenthor, und dachte, die Abendmahlzeit müsse nun bald beginnen, denn die Bedienten trugen flink die silbernen Schüsseln auf. Da kam Adeline gerade auf mich zu und sagte:Georg, ich kann Dich nicht einladen, ohne meinen ganzen Tisch zu derangiren, Du kennst keinen Menschen hier und würdest Dich schrecklich langweilen. Laß sehen! Für die nächsten fünf Tage sind wir gebeten; aber nächsten Sonntag, wenn mir keine Abhaltung kommt, dann speise en famille mit uns. Gute Nacht, Georg. Und fort war sie wieder, ehe ich ihr nur ein Wort erwidern konnte. Wiedergesehen habe ich sie nicht mehr; wenn ich kam, hieß es, sie sei aus oder sie empfange nicht; und da mein Zweck allem Anschein nach gescheitert war, reiste ich von Berlin ab.

Hat Adeline nicht gesagt, sie würde diesen Winter nach Mands felt kommen? fragte Lindner. i

Kein Wort; was sollte sie auch in Mandsfelt anfangen? er⸗ widerte Georg und lachte laut.Aber der Herr Schwager war recht pressirt, mir den Gegenbesuch zu machen. Mit dem Schlage elf Uhr trat der vornehme Mann in mein bescheidenes Zimmer. Ganz schlicht und gemüthlich, wie ein anderer Mensch, belachte er meine Späße und schimpfte mit mir über Berlin. Ich hatte jetzt den Schwager auf dem besten Wege und konnte bei ihm mein An liegen vorbringen, da mußten wir denselben Gedanken und die selbe Absicht haben und schnitten uns jämmerliche Gesichter zu, als es ans Tageslicht kam. Die ersten fünf Jahre auf einem Gute soll der Henker holen; ich steckte Geld hinein, es kommt aber kaum etwas heraus! N

Auch nach zwanzig Jahren kommt nichts auf Deinem Gute heraus. Doch das geht mich nichts mehr an; was wollte der Lord bei Dir?

Geld wollte er haben, rief Georg und lachte grimmig;und als ich ihm sagte, ich sei zu demselben Zwecke nach Berlin ge⸗ kommen, um mir fünfzehn bis zwanzigtausend Mark zu borgen, da zuckte er ungeduldig mit den Schultern und sagte, Adeline müsse ihrem Vater wegen eines Darlehns schreiben, denn er bedürfe einer ziemlich bedeutenden Summe, er sei in großer Verlegenheit. Nun bin ich, ehe ich zu Dir kam, bei meinem Rechtsanwalt gewesen und habe mich befragt, wie ich mich zu benehmen habe, im Falle Du dem Schwiegersohn die unsinnigen Summen vorschießen wolltest. Du wirst es nicht thun, Vater, denn ich würde ganz bestimmt Dir jede Möglichkeit dazu abschneiden. Ich wollte Dich nur von vorn

herein von meinem Vorhaben benachrichtigen; Du weißt, ich bin

immer genau von dem unterrichtet, was Du thust, heimlich halten kannst Du nichts. Du kümmerst Dich so viel darum, was die Leute sagen, deshalb zwinge mich nicht mehr, Dich in's Gerede und vor's Gericht zu bringen und nimm Dich in acht, denn Du kennst mich und weißt, daß ich nach Niemand frage. Offen und ehrlich, wie ich bin, komme ich, Dir zu sagen, daß ich das Recht, was mir zusteht, gebrauchen werde; Du bist nun gewarnt, ich spiele offenes Spiel, und Wenige an meiner Stelle

Hinaus! schrie der Gutsbesitzer mit bebender Stimme;hin aus! sage ich Dir! Betritt die Schwelle meines Hauses nicht wieder,

das rathe ich Dir! Er riß weit die Thüre auf und erhob außer sich den Stock gegen den eiligst durch die Thüre flüchtenden Sohn.

Der Gutsbesitzer rang nach Athem; er hörte, wie Georg draußen zu Klas, der Schildwacht gestanden, sagte:Du siehst, ich habe einmal kein Glück bei meinem Vater; meine besten Absichten werden von ihm verkannt. i