Ausgabe 
23.5.1886
 
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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

zu den

Oberhessischen Machrichten.

Ur. 2.

Gießen, den 23. Mai.

Die Stiefmutter.

Roman von M. Elton. (Fortsetzung.)

VII.

Jahre waren vergangen. In Mandsfelt saß einsam im Zimmer ein Mann, dessen volles Haar bereits weiß geworden. Es stürmte um das alleinstehende Gutshaus; dichte Schneeflocken wirbelten in der Luft und erhellten ein wenig die düstere Nacht. Der Gutsbesitzer hatte den kleinen Tisch mit der Lampe nahe an den Ofen gerückt und sein Blick flog zerstreut über die Zeitungen. Nun schlug es sechs Uhr auf der großen Schwarzwälder Uhr draußen im Hausgang; er saß schon zwei Stunden lang bei der Lampe, noch vier endlose Stunden, bis es zehn war, und dann kam die trostlose Nacht ohne Schlaf. So lebte er schon lange Jahre, im Sommer in rastloser Arbeit, im Winter jeden neuen Tag fürchtend.

Es war bereits der achte Winter, den er allein in Mandsfelt zubrachte und nicht ein einziges Mal war seine Adeline gekommen, ihn zu sehen. Das Wanderleben des Lords mußte ihr wohl ge fallen, sie beklagte sich nicht darüber, daß sie ihre Winter in Italien, Griechenland oder Spanien zubrachte. Ihre Briefe, die im ersten Jahre oft und immer voll glänzender Schilderungen ihrer Existenz bei dem einsamen Manne angekommen, trafen jetzt nur selten ein.

Zum ersten Male seit ihrer Verheirathung brachte der Lord mit seiner Frau einen Winter in Deutschland zu. Adelinens letzter Brief kam aus Berlin. Sie hatte nicht geschrieben, daß sie ihn besuchen werde, aber er war überzeugt davon, daß sie nach Mands felt komme, und er horchte in den stürmischen Dezemberabend hinein und meinte, sie werde ihm eine Ueberraschung bereiten und in Sturm und Schnee fröhlich in die alte Heimath einziehen. Das drängte den peinigenden Gedanken, der ihn Tag und Nacht ver⸗ folgte, in den Hintergrund. Ich hatte eine Frau besessen, schön und engelgut, mit einem Herzen, das Dich liebte, und Du hast sie von Dir getrieben. Sie war gegangen, weil sie sich überflüssig fühlte zum Lebensglück ihres Mannes; es blieb ihm ja seine Adeline; aber auch sie war gegangen, glücklich, übermüthig, ohne ein Wort des Bedauerns. So war er denn allein, allein seit Jahren. Ob er noch an Juliens Schuld glaubte! Niemals hatte er eigentlich daran geglaubt; ihr Wesen war zu offen, zu ehrlich. Adelinens nervöse, aufgeregte Natur hatte ihn für den Augenblick beherrscht; er durfte sich seinem, ihm so treu anhängenden Weibe nicht feind lich schroff zeigen, wie er gethan, aber nun war Alles vorüber, und ein Geheimniß steckte hinter der Sache, warum nur mußte sie vor ihm ein Geheimniß haben! Das arme Kind, das er so wenig beachtet und dessen Stimmchen er noch vom Fenster zu hören glaubte, als es ihm zum letzten MalePapa zugerufen, wo war es?

Er schloß die Augen, er meinte, Julia's weiche kleine Hand

Haar,es ist weiß geworden, Julia, flüsterte er und hielt die Augen noch immer geschlossen,im Herzenskummer um Dich und meine kleine Ellinor.

Da, wirklich, fuhr ein Wagen über den gepflasterten Hof. Julia, rief er aufspringend,Adeline! und er zitterte so heftig, daß er einen Augenblick sich gegen den hohen Porzellan ofen lehnen mußte, ehe er die Lampe ergriff, um hinaus zu eilen. Aber der Luftzug blies ihm das Licht schon in der Thüre aus, und während er nach Streichhölzern tastete, hörte er Schritte, die sich durch den dunkeln Hausgang nach dem Wohnzimmer be wegten. Nicht Julia's oder Adelinens leichter Fuß war dies, son dern ein schwerer wohlbekannter, der ihn zittern machte.

Bleib' vor der Thüre, Klas, sagte eine Stimme,Du weißt, daß der Alte die Vornehmthuerei liebt. Was, Alles dunkel? im ganzen Haus kein Licht? Ei, ist der am Ende schon um sechs Uhr ins Bett gekrochen?

Es blitzte die Flamme eines Streichholzes auf und Lindner zündete mit bebenden Händen die Lampe an. Sein Sohn trat ver⸗ legen einen Schritt zurück und schloß Klas die Thüre vor der Nase zu. Dann lachte er laut auf.Es war nicht so schlimm gemeint, Vater, Du kennst ja meine Ausdrucksweise, aber man weiß immer, wie man mit mir steht. a

Mit Dir hält man am Besten garnicht, Bursche, fuhr Lindner auf;ich weiß nicht, wie Du Dich unterstehen kannst, mir über die Schwelle zu treten. Mache Dich nur schnell wieder hinaus, sonst lasse ich Dich von den Knechten vors Thor bringen.

Nun, nun, sei nur nicht so wild, sagte Georg.Wenn Du ein bischen nachdenkst, wie ich immer der Bruder Uebrig hier ge wesen bin, und wie von Jugend auf meine Schwester Alles nahm, so solltest Du Dich nicht darüber wundern, daß ich ein wenig scharf vorgehen mußte, um mein Eigenthum zu erlangen. Du hattest Adeline so prompt ihr mütterliches Vermögen bei der Verheirathung mit dem Lord ausgeliefert, und was Alles nicht noch dazu. Ich habe ein Auge zugedrückt; aber als ich mich selbständig machen und das Gut in Lengen kaufen wollte, da machtest Du allerlei Ausflüchte. So dumm war ich doch nicht, daß ich nicht begriff, woran das hing. Warumm hattest Du Dich bei Adelinens Heirath so tief hinein gerannt? Das kannst Du mir nicht übel nehmen, daß Besorgnisse in mir aufstiegen, und ich mir den Rechtsanwalt zu Hilfe nahm, um doch etwas herauszukriegen.

Schweig, Du Ungeheuer! schrie Lindner auf.Stehe nicht da mit Deiner unschuldigen betrübten Miene, die Du bei Gelegen heit so gut heucheln kannst. Ich habe Dir mehr gegeben, als Du beanspruchen kannst, und Du thatest mir die Schmach an,

11 berühre schmeichelnd seine Stirn und er lege sich auf sein volles