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Im Dämmergrau des nächsten Morgens erweckte Wiehern und Hufschlag den Gehringer aus buntem Traum. Silas kniete neben seinem Lager, und sein blasses Antlitz ließ Franz ahnen, daß er die ganze Nacht durch betend und segnend an dieser Stätte gewacht habe.
An der Stelle, wohin der Knabe am Abend sein Mönchsgewand gelegt, fand er jetzt ein zierliches, dunkles Junkerkleid, das Wilram ihm fürsorglich mitgebracht und das der Mönch ihm zurecht gelegt hatte. Als der treue Knappe an die Zellenthür klopfte, um seinen jungen Herrn zum Ritt zu wecken, kam ihm dieser schon völlig an— gekleidet entgegen, und der ehrliche Gesell konnte einen Freudenruf nicht unterdrücken, als er die edle, geschmeidige Gestalt in der knappen, ritterlichen Gewandung erblickte.
Die Mehrzahl der Mönche und Klosterschüler hatten sich im Hof versammelt, um den Genossen, den Jeder geliebt hatte, von dannen ziehen zu sehen und ihm ein letztes Lebewohl zu winken.— Silas fehlte in der Schaar.— In stiller Zelle hatte er seinem Liebling den letzten Segenskuß auf die Stirn gedrückt, und während dieser an Wilrams Seite unter den Valetrufen der kleinen, frommen Gemeinde wehmüthig lächelnd zum Thor hinausritt, lag der ein— same Mann, über das leere Lager des Geschiedenen gebeugt, in klagendem Schmerz in der verödeten Klause, die sein Reich auf Erden war.
„Nun zieht im Morgensonnengold Gar selig er durch Burg und Hag, Er, der so lange heimlich, hold, Vertraulich mir am Herzen lag!
Froh schwingt er sich zum Nest zurück, Den Gott an meine Brust gelegt, Den ich, wie ein verschwieg' nes Glück, In meiner Einsamkeit gehegt,
Der meine Tage traut erhellt,
Der meiner Nächte Sorge war.—
Mein Beten folgt dir durch die Welt;— Behüt' dich Gott, du junger Aar!“
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Von des jungen Gehringers Träumen blieb keiner unerfüllt. Das Leben gab ihm alle seine Schätze, erschloß ihm seine geheimsten Zauber. Jeder Tag erschien dem jungen Herzen, nach dem langen, sehnsüchtigen Schmachten, als ein frischer, erquickender Strahl, den es mit allen seinen Fasern eintrank. Der Ernst, mit dem er die Verweichligung der Klosterzeit abzuthun strebte, machte sein ganzes Wesen reif und heldenhaft, dabei blieb aber die Erinnerung an Gott, an Silas und an die überwundenen Seelenkämpfe wie eine stille Weihe, wie ein feiner, duftiger Schleier über seiner trutzigen Kühnheit haften.
Sein Vater sah sein eigenes, ergrauendes Ritterthum voll Stolz und Freude in dem letzten Erben aufleben, und die Aner— kennung, die er diesem in seiner knappen, markigen Art zu spenden pflegte, war des jungen Helden liebster Lohn. In guten Stunden, während eines Waldrittes oder in abendlichem Zwiegespräch beim Becher ließ der Alte sich gern einmal von den verflossenen Kloster— tagen berichten; dann strahlte des Jüngling's Auge warm und be— redt, wenn er des treuen Pflegers und Lehrers gedachte, wenn er dessen Glauben und Wissen, seine überlegene Ruhe und seine barm— herzige Milde pries.— Mit hellem Jubel antwortete Franz, als der alte Graf ihm einst den Vorschlag machte, Silas durch den Knappen Wilram zu sich auf's Schloß einladen zu lassen. Das war die Erfüllung eines lang und heiß gehegten Wunsches.—
Der Bote aber, der den Ritt zu den freundlichen, frommen Brüdern gar gern unternahm, brachte betrübende Kunde heim: Silas war durch kein Bitten zu bewegen gewesen, das Kloster zu verlassen und hatte auf Wilrams Drängen nur traurig erwidert, daß er längst nicht mehr in die Welt passe.— Auf einem Pergamentstreifen, den der Knappe überbrachte, las Franz die dankbarsten und liebe— vollsten Grüße.
„Ich werde ihn selbst herholen!“ sagte er, indem er trübselig und enttäuscht den Waldpfad zurückwandelte, auf welchem ihn seine Ungeduld dem heimkehrenden Boten entgegen getrieben hatte.
Indeß brachten die nächsten Tage und Wochen manches, was den gefaßten Vorsatz zurückdrängte.— Der alte Graf betrachtete
es als eine schon zu lange versäumte Pflicht, den Tod des Sohnes an dem Nidgauer zu rächen. Franz selbst mußte diesem den Fehde⸗ handschuh überbringen und trug die Antwort des Herausgeforderten mit dem stolzen Vorgefühl naher Muth- und Thatenproben nach Haus. Bei alledem konnte er sich während des Heimritts von des. Nidgauers Burg einer seltsamen, nachdenklichen Stimmung, die sich wieder und wieder in seine Siegesträume einschlich, nicht er. wehren. Der gewinnende Eindruck, den die Persönlichkeit des Feindes, sein ritterliches, bestimmtes Auftreten und der warme Hauch von Glück und Behagen, der sein Heim durchwehte, auf den Un⸗ heilsboten gemacht, stimmte nicht recht zu dem Rachegefühl, das er sich nun so lange ehrlich zu nähren bemüht hatte. Diese Ge- müthsbewegung, die er halb ärgerlich ein Nachwehen der Kloster-⸗. gedanken nannte, war der Vorgeschmack einer langen Reihe innerer Kämpfe und Fragen, die der Fehdezug gegen den Feind, die Be. lagerung und schließliche Erstürmung der wacker und beharrlich
vertheidigten Feste mit sich brachte. Der ehrliche Sinn des jungen Mannes konnte sich eines warmen Mitgefühls für den so treu und tapfer ausharrenden Gegner nicht entschlagen, und oft, wenn er selbst glühend und aus mancher Wunde blutend, von den Streichen aus ruhte, mit denen er die kecken Ausfälle der Belagerten zurück- geschlagen, schlich sich in sein Siegeslächeln eine heimliche Thräne für den Feind. Er suchte diese Schwäche vor sich selbst zu ent⸗ schuldigen, indem er seine Theilnahme für den Unterliegenden den Verwandtschaftsband zuschrieb, das von den Ahnen seiner Mutter her zu den Nidgauern hinleitete. Dabei führte ihn sein Gerechtig- keitsgefühl oft so weit, daß er die Ursache des ganzen Streites,
eine Beleidigung, die sein finstrer Bruder einst am Kaiserhof von dem Nidgauer erfahren zu haben vermeinte, aus tiefstem Herzen beklagte, obwohl er sich wiederum gestehen mußte, daß sie im Grunde die„ erste und eigentliche Ursache seiner Befreiung aus der Klosterhaft sei.
Uebrigens schien es, als solle dem jungen Gesellen nichts er- spart bleiben, was sein innerstes Leben abzuhärten und zu stählen 5 fähig war.
Als nach dem letzten Gefecht der Trupp der jubelnden Sieger in den Schloßhof eingedrungen war, fand Franz in einem Todten, den er den ungestümen Mannen mitleidvoll aus dem Wege räumte und dessen edle, im Tod erstarrte Glieder ihn veranlaßten, das Visir zu öffnen, das die Züge verbarg, den gefallenen Feind. Dieses stumme, ernste Gesicht grub sich wie ein drohender Vor- wurf in des jungen Siegers Seele. Der Zustand der eroberten Burg, in der alle Lebensmittel und Geschosse bis zum letzten Staub⸗ korn verbraucht waren, machte den wehmüthigsten Eindruck.
Das Erschütterndste, unauslöschlich Traurigste aber war Franz zu sehen beschieden, als er einem lärmenden Trupp seiner Waffen- knechte nachdrang, deren Geschrei ihn errathen ließ, daß sie eine von innen verriegelte und versetzte Thür vergeblich zu öffnen strebten. Eben, da er befehlend unter die Schaar trat, war es dem Einen gelungen, das schwere Schloß zu sprengen, und man sah nun drinnen f ein Schauspiel, das den derben Mannen das Lachen auf den Lippen erstickte und einen nach dem andern veranlaßte, schweigend und betroffen Kehrt zu machen.
Auf einem Lager von kostbarem Purpurstoff lag eine ernste, schneebleiche Todte in starrem Prunkgewand, die abgezehrten, feinen Finger über einem Gebetbuch gefaltet, das ihr wohl in den letzten Stunden der Sterbensnoth Trost gewährt hatte. Ein Blick auf ihr gelöstes, schweres Blondhaar zeigte Franz, daß es die Schloß⸗ frau war, deren stolze, lachende Schönheit ihn vor wenig Wochen noch so sehr entzückt. Neben dem stillen, traurigen Bett sah er jetzt ein schlankes, kindlich-junges Mädchen knieen, welches die schimmernden, dunklen Augen mit stummem, inbrünstigen Flehen auf ihn geheftet hielt.
Als er auf sie zuschritt, erhob sie sich und breitete den Schleier, der das Haar der Todten schmückte, leise weinend über deren An- gesicht, wie um das geliebte Heiligthum vor fremden Blicken zu schützen.
Mit vor Erregung zitternder Stimme sagte Franz dem blassen. Kinde alles Tröstende, was sein gutes, mitleidiges Herz ihm eingab, doch kam er sich, gegenüber der holden, schmerzgebrochenen Blüthe, unaussprechlich frevelhaft und schuldig vor. l
„Ist es Euch ein Trost, allein zu weinen,“ sagte er,„so heißt mich gehen und seid versichert, daß ich Keinem gestatten werde, Euch in Eurer traurigen Andacht zu stören. Doch erlaubt mir, daß ich Euch um Eurer selbst willen bitte, Euch zu fassen. Ihr seid
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