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e Novelle von Frida Schanz. (Fortsetzung.) IIe
Das schmale Waldthal, in dessen kesselartiger Erweiterung das Kloster Mariahort lag, durchfloß ein wilder, schneller Bach, ein ewig rieselndes, rauschendes Gewässer, das den Vergißmeinnicht- und Glocken⸗ büscheln, die üppig an seinen Ufern sproßten, ganze Wellen blinkender Schaumperlen in die klaren Augen streute. Jetzt waren die Sommer⸗ kinder verblüht, und der Herbst schritt feierlich ernst und segnend durch's Land. Von den Haselbüschen wehten raschelnde, goldbraune Blätter auf die Wellen hernieder und an den Ranken, an denen sich die blassen Heckenrosen gewiegt, erglühte der dunkle Purpur der Hagebutte.
Hand in Hand schritten Silas und Franz neben dem Bache her. Sie kamen vom nahen Dorf, wo der Mönch einen Sterbenden ge—
eine Probe dafür ablegte, daß ein guter Waid- und Reitersmann an ihm verderbe. Auf der Herdbank in der Halle, wo ich an Winter⸗ abenden so gern neben Wilram saß, wenn er Pfeile schnitzte und an des Bruders Rüstzeug flickte und putzte, schlug mir bei den drolligen
Reiterstückchen, die er lachend zum Besten gab, das Kinderherz in
seltsamem Gemisch von Weh und Lust. Wilram war damals mein
liebster Vertrauter. Er war ein guter, derber, rothbäckiger Kumpan,
der trotz der Behendigkeit, mit der er sein Roß zu tummeln ver⸗ stand, durch seine Körperfülle ein gar behäbiges und stattliches Aus⸗
sehen gewann. Meines Bruders Ernst und Schweigsamkeit vermochten
seine sprudelnde Laune nicht zu vernichten. Heut noch möchte ich hell auflachen, wenn ich daran denke, wie ich ihn oft belauscht, wenn er mit sich selbst redend oder ein tolles Stück pfeifend, hinter seinem finstern Herrn dreinritt. Ich frage mich jetzt oft,“ fuhr der Erzähler, plötzlich ernst werdend, fort,„ob das Loos nicht
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Die Porta nigra.
tröstet hatte und von woher der Wind nun das liebliche, klagende viel treffender gefallen wäre, hätte es meinen Bruder zum Mönche
Geläute des Todtenglöckchens trug. Ernste Worte flossen von Mund zu Mund. Die Einsamkeit hatte dem jungen Gesellen die brennendsten und bedeutsamsten Fragen an's Herz gelegt und es gehörte die ganze, innige Glaubensmacht des Mönches dazu, um das kühn und keck aufblitzende Denken des jungen Gemüthes zu beschwören.
Unter den Buchen an der Thalbiegung machten die beiden Wanderer Halt. Die Sonnenstrahlen flossen gar mild durch den dünn
gewordenen Laubschleier, und es war nach dem Ernst der verflossenen
Stunden so behaglich, in dem trocknen Moos zu ruhen und die ge— schäftigen Eichkätzchen zu belauschen, die zierlich von Ast zu Ast setzten und sich an den Buchnüssen gütlich thaten.
Mit schrillem Ruf schwebte ein Häher über das Thal dahin; eine feine, blau und weiß gezeichnete Feder sank zu des Knaben Füßen. Das kleine Wunder war genug, um all sein Sinnen in die Vergangenheit zu lenken.
„Wie selig war ich, da ich als erste Jagdbeute solch einen kühnen Näscher nach Haus trug,“ sagte er,„von denen im Herbst immer eine Schaar in den großen Kastanienbäumen an unsrer Burgmauer lärmte. Der Knappe meines Bruders, der lustige Wilram, hatte
bestimmt!“
„Das Schicksal ist Gott!“ sagte der Mönch;— aber ihm selbst ward das Auge feucht, als er den schwermuthvollen Blick gewährte, mit dem Franz sich auf's Neue in die Erinnerungen seiner Kind— heit versenkte.
Manches Jahr war nun seit seinem Eintritt in das Kloster verflossen, und der Tag seines Gelübdes rückte näher und näher.
Trotz des armseligen, enthaltsamen Lebens war er schön und frisch wie ein edles Waldreis emporgeschossen, und wie er jetzt unter der Birke lag, die schlanken, kräftigen Glieder ins Moos geschmiegt, wie ihn der Windhauch das weichlockige Haar aus der Stirn wehte, und der Gedankengang seines Innern den festgeschlossenen, ernsten Lippen einen so bedeutsamen Ausdruck gab, da glaubte der Mönch, nie ein schönres Bild erwachender Männlichkeit gesehen zu haben.
Als die beiden Genossen an jenem Abend an die Pforte ihres Heims gelangten, winkte der greise Pförtner den Bruder Silas mit ernstem Blick bei Seite.
„Die frommen Brüder warten längst auf Euch,“ sagte er, als Franz auf des Mönches Geheiß nach der Zelle vorangegangen war;
mich mit Armbrust und Geschossen umgehen gelehrt und freute sich unbändig, wenn„das Mönchlein“, wie er mich armen Jungen nannte,


