Ausgabe 
21.11.1886
 
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1 brennt, ich suche Erholung hier draußen.

die Erinnerung an noch ein anderes vergessenes Geschöpf, das ihm auch nahe stehen sollte, seine Augen irrten suchend durch das Zimmer. Auf der Chaiselongue, bleich wie eine Sterbende, lag die kleine, schwache Gestalt, die er sein Weib nannte; ein feiner, rinnender Blutstrom quoll aus dem rechten Schlaf und überströmte Hals und Kleid, aber trotz der Blässe und Schwäche, die sie befallen hatten, waren doch die Augen offen und schauten auf den Gatten.

Er trat zu ihr.

Bist Du verletzt, Gottliebe?

Ein leichtes, schattenhaftes Lächeln glitt über ihre Züge.

Nur ich, murmelte sie wie beruhigend.Nur ich allein! Dann umfing sie eine wohlthätige Ohnmacht.

Nur ich! Er hörte ihn nicht heraus den Ton schmerzlicher

Klage, den diese wenigen Worte bargen. Nur ich! Es war ein

Verzichten auf Mitgefühl und Theilnahme, ein stummes, schmerzliches Resigniren einer großen, guten Seele. Hätte er ein Gewissen ge⸗ habt, mußten sich diese beiden kleinen Worte mit glühendem Stachel in dasselbe bohren und doch glitten sie unbemerkt an seinem Ohr vorüber.

Er wandte sich von der Dienerin ab, die den Blutstrom auf trocknete und sagte: g

Hoffentlich ist es nicht gefährlich. Sie haben doch zum Doktor 1 Marie, auf alle Fälle ist es besser. Ich kann Blut nicht ehen.

Der Friedrich ist fort, Herr Professor. Ja, bei allem Un⸗ glück doch immer noch ein Glück. Ein Strohhalm weiter nach rechts und unsere Frau dächte an kein Aufstehen mehr. Ich kenne die Stelle am Schlaf genau, wo es tödtlich ist. Hier, Herr Professor, sehen Sie selbst; beinahe ist es ein Wunder.

Roland Hartenstein blickte noch einmal, wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen, zurück auf den Fleck, den der Finger der Sprechenden

berührte. Es war wahr, fast ein Wunder mußte man es nennen, daß jetzt nicht eine Todte auf den bunten türkischen Polstern der Chaiselongue lag. Dann wäre er wieder frei gewesen! Frei!

Wie wunderbar ihn der Gedanke auf einmal berührte! Bis her hatte er eigentlich noch garnicht daran gedacht, sie störte ihn so wenig seine Frau, aber nun plötzlich trat die Möglichkeit lebhaft vor seine Seele. Was dann? Er würde eine Andere an ihre Stelle setzen, eine, um die man ihn beneidete, auf die er stolz war. Jene Räume im linken Flügel würden dann nicht mehr unter Klausur gehalten werden wie jetzt, Frohsinn, Freude und Schönheit ihr Reich darin aufschlagen. Er sah auch jene Andere. Geschmückt, strahlend in Jugend und Liebreiz. Mit einem häßlichen Gefühl erinnerte er sich plötzlich, daß Gottliebe ja noch lebe, es waren thörichte Träume, denen er sich hingab, noch mehr, sogar verbrecherische, aber sie waren einmal ohne sein Zuthun gekommen, ohne sein Zuthun, fast gegen seinen Willen blieben sie fortan bei ihm.

Die Verwundung, die Gottliebe durch den Sturz des Kron leuchters davongetragen, erwies sich leicht und schnell heilend, nach kurzer Zeit konnte sie wieder das Tuch von der Stirn nehmen und nur ein schmaler feuerrother Streifen erinnerte noch an das Ereigniß. Auch das Bild machte gewaltige Fortschritte und mit Jubel berechnete Marion schon den Zeitpunkt, an dem es ihr endlich vergönnt sein sollte, die Schwelle ihres goldnen Gefängnisses zu überschreiten. Aeußerlich war alles wieder in den alten Bahnen, aber innerlich schien alles nachhaltig verwandelt. Roland Hartensteins Stimmung war ungleich und erregt. Gottliebe schwieg wieder. Und es ist ein eignes Ding um das Schweigen! Hat man einmal damit begonnen, vermag man es nicht so leicht zu brechen, es wächst furchtbar und wird unser Herr und Meister. 8

Eines Spätnachmittags nach längerer Zeit suchte Roland Marion im Garten auf, da er sie im Hause nicht fand. Es begann schon herbstlich zu werden, einzelne welke Blätter lagen in den Stegen und ein verspäteter, knapper Rosenflor hing nur noch an den ge pflegten Sträuchern. Roland brach eine Hand voll und ging dann auf die Laube zu, in der er das Mädchen vermuthete. 1

Sie lag, von Kissen unterstützt, auf der bequemen Bank, hielt ein Buch in den Händen, las aber nicht; müßig sein, war ihr keine Last.

Siehe da Roland, sagte sie lächelnd, willst Du etwas von mir?

Laß Dich nicht stören. Im Zimmer ist es heiß, mein Kopf

Du wirst auch nichts anderes finden als das Summen der Mücken, das Rauschen der Bäume und ab und zu einen Vogelruf. Ich kenne es bis zum Ueberdruß.

Und Dich? schaltete er schnell ein.

Mich! was hast Du an mir! Sie zuckte die Achseln und

drehte sich zur Seite.

Laß Dich schmücken, Marion, ich habe darum diese Blumen gepflückt, sie werden Dich reizend kleiden.

Ich bin nichts weiter wie Deine Puppe, sagte sie unmuthig,

ließ es aber doch geschehn, daß er ihr die Rosen in's Haar steckte. Es waren zum großen Theil weiße und die zarte Farbe der Blätter

im Verein mit dem lichten Haar gaben ihrem schönen Gesicht den Ausdruck einer Madonna. Er sah sie prüfend an.

Schön wie immer, aber zu engelhaft, das ist nicht mein Genre. Er bückte sich und nahm aus einem kleinen Schränkchen, das an

der Laubenwand angebracht war, eine Flasche Burgunder und ein Glas heraus, goß es voll, trank es mit einem Zuge leer und spritzte

den Rest auf die zarten Blumen. Wie Blutstropfen funkelten die rothen Weinperlen in den duftenden Kelchen, einige rannen zusammen, beugten durch ihre Schwere das Rosenblatt und sickerten in einem feinen Streifen an dem weißen Schlaf herab. Roland ließ sich auf ein Knie nieder und fing mit seinen Lippen das köstliche Naß auf, das ihm einen andern Vorfall in's Gedächtniß zurückrief, der den ersten Anstoß zu dem fiebernden Gedanken gegeben, der ihn jetzt unaufhörlich marterte. Frei sein! Dann bog er den Kopf weit in den Nacken.

Küsse mich, Marion! gebot er mit jenem metallischen Klang der Stimme, der ihn stets zum Sieger über Frauenherzen gemacht hatte. Aber sie faßte ihn bei den Schultern und schob ihn zurück.

Nein! sagte sie ruhig und kühl.

Weshalb nicht? Er war gereizt, sie sah es an seinen funkelnden Augen.

Weil dieser Kuß ein Unrecht sein würde an Gottliebe. So küßt kein Schwager die Schwägerin, sondern der Mann das Weib, das er liebt.

Du deutelst und wägst gut ab, entgegnete er mit gereiztem Auflachen.Das Weib soll nur empfinden, nicht rechnen. Gut denn, sei es d'rum! Dieser Kuß gilt auch nicht der Schwägerin, er gilt dem Weibe allein, das mich entzückt. Küsse mich, Marion. Sie sah ihm fest in die Augen; der Despotismus, der in seiner Natur lag und alles unterjochte, der Gottliebe einstmals gegen ihren Willen an sich gerissen, auch hier versagte ihm seine Macht nicht. Willenlos neigte sie sich ihm entgegen und küßte ihn, obgleich ihr Herz kalt blieb.

Die rothen Tropfen des Burgunder fielen auf sein blondes Haar. Marion erhob den Kopf, eine ungeduldige Falte lag zwischen den feingezeichneten Brauen.

Du hast Deinen Willen gehabt, sieh nun, was Dir Dein Gewissen sagt.

Er sprang auf und lachte.

Kind, wie thöricht Du bist! Mein Gewissen und ich vertragen uns sehr gut miteinander. Ich bin ein Künstler, als solcher be rechtigt, einen andern Maßstab an mich und meine Handlungen zu legen. Die kleinlichen Fesseln der Andern habe ich ein Recht zu verachten. Ich bin Ich. Ein Ganzes für sich. Jedes Ding, jedes Atom behält seine eigne Individualität, in welchen Verhältnissen es auch sei, und dem nachzugeben ist unser Recht, unsere Selbsthülfe sogar, wenn es sich um Dinge handelt, die sich zwischen uns und unser Empfinden drängen wollen.

Sie zog die Rosen aus ihrem Haar. welche Bewegung.

Ich verstehe Dich nicht, und ich will Dich auch nicht verstehn, sagte sie währenddem.

Du sollst. Ich werde Dich dazu zwingen, rief er heftig und preßte ihr Handgelenk.

Dort drüben kommt Gottliebe, läßt Du mich zu ihr gehen, oder soll ich sie rufen.

Er sah in ihre kalten, fast feindseligen Augen und schleuderte ihr Handgelenk zur Seite.

Geh! sagte er rauh.

(Fortsetzung folgt.)

Langsam und ohne irgend