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Der Rechte. Von M. Josephy.
Aus der Gasthausthür hinaus und quer über die Straße hin⸗ über schwankte eine große dunkle Gestalt. Diese Gestalt schien sich in äußerst froher Laune zu befinden, denn sie sang ganz übermäßig laut ein lustiges Lied, bei welchem Takt, Melodie und Worte einem lauschenden Ohre gleich räthselhaft erscheinen mußten, während ihre Beine sich an der, unter Umständen recht s chwierigen Aufgabe des Vor⸗ wärtsbewegens versuchten, auch schien der Begriff der Eile ihr fremd zu sein, denn um die andere Seite der Straße zu erreichen, brauchte sie die doppelte und dreifache Anzahl der dazu eigentlich erforderlichen Schritte, und mitunter blieb sie stehen, um ein langes, gewiß höchst erbauliches Selbstgespräch zu halten.
„Das ist der Fleischer⸗Vinz,“ sagte ein Mann, der den nächt⸗ lichen Weg der schwanken Gestalt kreuzte, zu seinem Begleiter,„und besoffen ist er wieder wie ein Hackebrett!“
Nun will ich Euch ehrlich gestehen, daß mir selbst der Zusammen⸗ hang zwischen einem Betrunkenen und einem Hackebrett nicht so recht klar ist, ganz gewiß aber weiß ich, daß soeben behauptet worden war, der Fleischer-Vinz sei besoffen wie ein Hackebrett und das müßt Ihr mir glauben, auch wenn ich Euch die Erklärung schuldig bleibe, weshalb der Mann sich so und nicht anders ausdrückte.
„Dorthin, Vinz, nach rechts hinüber geht's,“ schrie er alsdann dem Turkelnden zu,„wenn Du so fortmachst, kannst Dich heut Nacht in den Graben schlafen legen und nicht in Dein Bett!“
Der also Angerufene drehte sich mit einem herausfordernden Blick nach dem ungebetenen Warner um. Wer konnte besser wissen, wie er, der Fleischer⸗Vinz, wie man in sein, des Fleischer⸗Vinzen's Haus und Bett gelangte und wen ging es etwas an, welchen Weg er sich dazu aussuchte? er wollte gehen, wo es ihm gefiel und Niemand hatte ihm da dreinzureden, nein gewiß Niemand! Dies mochte wohl ungefähr der Inhalt des verdießlichen Gemurmels sein, mit dem der Fleischer-Vinz nach einem verächtlichen Achselzucken in der einmal ein⸗ geschlagenen Richtung weitertaumelte, und ich gebe ihm Recht, daß er den Rath des unberufenen Mahners verachtete: wenn er auch zuerst, genau wie man es ihm vorher gesagt hatte, in den schmutzigen Straßengraben kollerte, wenn er sich auch darauf, wohl eine Viertel- stunde lang, gewaltig abmühte, seinen Körper durch den dichten Gartenzaun zu zwängen, der seinen kleinen Grasgarten umsäumte, so kam er schließlich doch vor die verschlossene Thür seines eigenen Hauses zu stehen, die ihm auf sein Rufen und Poltern von einem kleinen Mädchen in äußerst mangelhafter Bekleidung geöffnet wurde. Das Mädchen schaute mit einem halb neugierigen, halb scheuen Blick zu dem eintretenden Manne auf und patschte dann, das kurze Röckchen mit beiden Händen festhaltend, mit den kleinen nackten Füßen über den steinernen Hausflur in die Stube zurück, wo sie eilig das eben verlassene Lager wieder aufsuchte, um dem dort an ihrer Seite ruhenden kleinen Buben mit theils weinerlicher, theils wichtig klingender Stimme mitzutheilen, daß der Vater wieder„so gar arg“ heim⸗ gekommen wäre!
Ja, die kleine Mene hatte recht, der Vater war heute wieder gar sehr arg,— wir wollen, dem Beispiele kindlicher Pietät folgend, das böse Nachwort an dieser Stelle auch unterdrücken,— und um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß leider gesagt werden, daß der Vater so„gar arg“ in später Nacht zu seinen Kindern heim⸗ kehrte! Das war doppelt schlecht von dem Vater, denn in der Hütte des Fleischer-Vinz herrschte Schmalhans als Küchenmeister und was er im Wirthshaus verthat und vertrank, das fehlte den Kindern zu Hause am Brot; die Mene und der Seff mußten gar oft hungrig in's Bett kriechen.
Es war nicht immer so schlimm mit dem Vinz gewesen.
Wie seine Mutter noch lebte und er mit dieser zusammen das Fleischergeschäft betrieb, während der ältere Bruder, der es später übernehmen sollte, seine Zeit beim Militär abdiente, da hatte es weit und breit keinen ordentlicheren, arbeitsameren Buben gegeben, wie den Vincenz und auch keinen hübscheren und lustigeren; und damals schon fingen die Mädel an, die Köpfe zusammen zu stecken und mit einander zu wispern, wenn er bei der Musik die Eine öfters als die Andere zum Tanz abholte! Dann aber kam der Bruder nach Hause und er selbst wurde bald darauf zu den Soldaten eingezogen und als er nach drei Jahren wieder heimkehrte, da war
die Mutter gestorben, der Bruder hatte geheirathet und die rechte Heimath war dem Vinz verloren gegangen. Mit dem Bruder, dem Franz, stand er sich wohl auf's Beste, aber die Schwägerin gab ihm zum öfteren zu verstehen, wie sie ihn lieber heute als morgen hätte aus dem Hause gehen sehen, und das kränkte den Vinz! Er würde ihr ja gern den Willen gethan haben und sobald als möglich gegangen sein, wenn er nur gleich gewußt hätte, wohin. Sich als Knecht zu verdingen, das stand ihm nicht an, war er doch sein Lebtag keinem Anderen, als den eigenen Eltern dienstbar gewesen; ein eigenes, selbständiges Geschäft zu gründen, dazu fehlte es ihm wieder am Gelde und so stand ihm kaum etwas anderes offen, als sich auch ein Weib zu suchen, ein solches, das ihm gleich die Wohnung mitbrachte, oder ein paar Gulden Geld, von denen sich eine eigene Wirthschaft beschaffen ließ. Der Franz hielt ihn auch gar nicht zurück, als er die Sache mit ihm besprach, er hatte den Bruder recht lieb, aber seinen Hausfrieden auch und er meinte selbst, es thäte nicht gut, wenn der Vinz für länger bei ihm bliebe. Da ging denn dieser, sobald sich die Braut gefunden hatte, die für ihn paßte. Er brauchte darum auch gar nicht weit zu suchen, denn da war des Nachbars Philomene während seines Fortbleibens hübsch herangewachsen; die gefiel ihm gar nicht schlecht und sie selbst sagte so herzensgern„ja,“ wie der schmucke Vincenz bei ihr anfragen kam. Zu Anfang ging auch Alles gut; die Mene hatte etliche hundert Gulden mitbekommen, dafür konnte man das kleine Haus, dem„Gasthaus zum weißen Roß“ gegenüber, an sich bringen und mit Fleiß und Wirthschaftlichkeit darauf fort⸗ kommen. Der Vinz war stolz und glücklich wie ein König, als er nun so im Eigenen saß; nun wollte er auch mit doppelter Lust und Freudigkeit schaffen und arbeiten; das kleine Stück gepachteten Ackers auf's Beste bestellen und, da er einmal von Kindheit auf mit diesem Geschäft vertraut war, dem Bruder und den anderen Fleischhackern des Ortes beim Schlachten zur Hand gehen und den Viehkauf für sie und die Bauern besorgen, um sich so ein paar Extragulden zu verdienen. So hatte der Vincenz sich's zurechtgelegt und sein junges Weib war mit Allem einverstanden und sagte zu Allem„ja.“ Es dauerte aber nicht lange, da kam er dahinter, daß es mit dem„ja“ sagen seiner Mene eine eigene Bewandtniß habe: Sie sagte es eben nur mit den Lippen, aber sie that nicht danach; sie war ihm viel eher eine Last im Hause, als wie eine Hilfe und eine Stütze, wie er doch geglaubt und gerechnet hatte, und wenn er eine Arbeit wirklich gethan haben wollte, so mußte er sie eben selbst verrichten; auf die Mene war kein Verlaß, in keiner Hinsicht, nicht einmal darin, daß sie die paar Kreuzer, die er ihr auf Brot oder Fleisch oder Licht gab, wirklich dazu ver⸗ wendete und nicht für ihren Putz oder einen Leckerbissen und süßen Schnaps verschleuderte. Die Mene war kein böses Weib, im Gegen— theil,— aber faul war sie, unordentlich und schmutzig und von zu Hause her an kein rechtes Arbeiten gewöhnt; freilich war sie noch sehr jung, eben erst siebzehn Jahre alt und hätte sich noch in Vielem ändern können, aber der Vinz war selber nicht älter, als dreiund⸗ zwanzig Jahre und hatte noch keine Geduld und keine Nachsicht ge— lernt. Und wenn er müde und hungrig von der Arbeit kam und sein Essen niemals zur rechten Zeit auf dem Tisch stand, wenn er sah, wie seine Mene die einfachste und alltäglichste Arbeit nicht anzugreifen verstand, wie sie lieber zehnmal über das Stück Holz, das vor ihrer Thüre lag, stolperte, ehe sie sich bückte, um es auf⸗ zuheben, da kochte es in ihm über. Er wurde zornig und heftig und die Mene wurde immer zerfahrener und trotzig und verstockt noch dazu. Es kam zu Zank und Streit, der Mann fluchte und schimpfte und das Weib weinte und klagte und warf ihm vor, daß es ihm nur um ihr Geld zu thun gewesen sei und daß er sie jetzt schlechter behandle wie eine Magd. Nach solch einem Auftritt war es, daß der Vinz eines Abends die Thür wüthend wieder in's Schloß warf und in's„weiße Roß“ hinüber ging; dort fand er lustige Kameraden, die mit ihm tranken und Karten spielten und ihn bis spät in die Nacht festhielten, wo er dann mit schwerem Kopf und schweren Beinen, aber desto leichterem Beutel nach Hause taumelte! Das war der Anfang,— wo der Anfang aber erst gemacht ist, da geht es dann leicht weiter; die lustigen Saufbrüder, die froh waren, ihn zum Kameraden zu bekommen, thaten durch Verführung und Uleberredung auch redlich das Ihrige dazu und der Fleischer⸗Vinz suchte und fand immer häufiger bei der Flasche und den Karten Trost für das Fehlschlagen seiner Pläne und die liederliche Wirth⸗ schaft zu Hause.
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