Ausgabe 
21.11.1886
 
Einzelbild herunterladen

370.

Sie wich seinem Blick nicht aus, voll, groß und offen sahen ihm ihre dunklen Augen direkt in das Gesicht.

Ich weiß es nicht! Die Antwort fiel langsam von den rothen Lippen, dann machte sie eine schnelle Wendung, daß die kostbare Seide, in die er sie zu kleiden liebte, rauschte und knitterte.Jedenfalls hast Du tyrannische Gelüste, die würden mich erschrecken.

Sie verließ das Atelier, und er hielt sie nicht zurück, sondern warf sich in einen Sessel und strich mit der Hand über die Stirn. Die Luft um ihn her erschien ihm mit einem Male heiß und schwül.

Marion trat bei Gottliebe ein und legte sich schweigend in die Chaiselongue, die unter breitblättrigem Grün in einer Ecke des. Zimmers stand, sie war offenbar sehr intensiv mit irgend welchen Gedanken beschäftigt. Nur einmal flog ihr Blick quer durch das Zimmer zu Gottliebe, die vor einem einfachen kleinen Nähtischchen am Fenster, der unleugbar in dem eleganten Zimmer durchaus keine Existenzberechtigung hatte, saß und die Nadel mechanisch durch den weißen Stoff in ihren Händen zog. Ein häßlicher Ausdruck des Triumphes huschte momentan über das Gesicht der jüngeren Schwester, aber sie blieb still.

Bei Marions Eintreten war auch Gottliebe aus tiefen schweren Gedanken aufgefahren und hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen, aber da die Schwester schwieg, so schwieg auch sie, und die bittern qualvollen Gedanken kamen auf's Neue und ließen sie nicht mehr los. Sie hatte einmal von Jugend auf zu den Stiefkindern des Glückes gezählt aber warum? Was hatte sie verbrochen? die Natur hatte sie mit einem häßlichen Aeußern in's Leben hinaus⸗ gestoßen, das war eine Ungerechtigkeit, die sie nicht verdient, unter der sie aber bitter zu leiden hatte. Ob ihr Bestreben, sich zu ver edeln, gut und aufopfernd zu sein, wohl nur einmal jenen flüchtigen Erfolg hatte, wie ein süßes Lächeln ihrer Schwester? Roland's Liebe zu ihr war erstorben mit dem ersten Blick in ihr Gesicht, aber auch das so mühsam mit tausend Schmerzen eroberte Vertrauen hatte sie durch Marion's Dazwischenkommen mit einem Schlage ver⸗ loren. Sie war ihm nichts mehr, eine Null, weniger wie eine Null!

Wenn er früher Andern seine Huldigungen widmete, hatte sie doch wenigstens nichts davon gewußt, jetzt stand sie daneben. Ihre offnen Ohren hörten jedes schmeichlerische Wort, ihre schmerzenden Augen sahen jeden Blick, und das arme Herz blutete aus tausend Wunden. Aus der Ueberflüssigen aber Geduldeten war plötzlich eine Last geworden, die das Drückende ihrer Existenz selbst am schwersten empfand. Und sie war es gewesen, die die Schwester zu sich geholt hatte! Sie hatte unwissentlich die Kluft zwischen sich und dem ge liebten Gatten unübersehbar gemacht, als sie die schöne Schwester neben sich stellte. Nun es geschehen, vermochte sie nichts mehr daran zu ändern, aber eine schmerzliche niederdrückende Bitterkeit hatte allmählich Besitz von ihrem Herzen ergriffen. Sie sah jenes halb zärtliche, halb neckische Tändeln der Beiden und empfand es fast wie physischen Schmerz; sie merkte zu ihrer eignen Qual auf jedes Aufleuchten in Roland's Augen, das sie niemals im Stande gewesen hervorzurufen, und beobachtete in steigender Angst Marion, ob sich in deren Herzen, ihr selbst vielleicht noch unbewußt, ein wärmeres Gefühl für den Schwager rege. Dann ja was wollte sie dann! Schaudernd kehrten ihre Entschlüsse stets bei dem dann um. Aber eine unbeschreibliche Sehnsucht überfiel sie zuweilen mitten in

all diesen Herzenskämpfen nach dem kleinen bescheidnen Zimmer in der Klinik des Dr. Armstrong, nach dem schwächlichen, dünnarmigen Baum vor ihrem Fenster, dessen karges Grün so oft ihre Freude gewesen. Nach den ungeduldig klagenden, oder schmerzlich resignitten Kranken, denen ihr sanftes Zureden so oft schon eine Wohlthat ge worden. Warum war sie gegangen! Dort gehörte sie hin, dort war sie am rechten Platz, wo es Schmerzen zu lindern, zu trösten gab; dort brauchte man sie, trotz ihres unschönen Gesichtes, hier dagegen, im Reich des Schönen, unter Reichthum und Ueberfluß, konnte sie nur geduldet, sogar ungern geduldet sein. Aber trotz dieses bittren Bewußtseins liebte sie Roland; ihr Leben hätte sie für ihn gegeben; er war das Einzige in der Welt, an das sie ihr ganzes Herz, die ganze heiße Liebeskraft ihres Herzens verschwendet. Sie blickte auf ihre Schwester, die halb schläfrig träumerisch, halb mürrisch in den türkischen Kissen lag, die Arme über dem Kopf verschränkt, mit den Augen blinzelnd, die ein vorwitziger Sonnen strahl streifte. Wie schön sie in dieser Stellung war! Gottliebe hätte kleinlicher sein müssen, wie sie war, wenn sie auch nur im Stillen den Versuch gemacht, ihr neidisch einen ihrer Vorzüge ver⸗

kürzen zu wollen, im Gegentheil, sie bewunderte sie um ihrer Schönheit willen, sie hatte sogar versucht, sie zu lieben, aber Marion gebrauchte keine Liebe. Sobald sie in die Welt trat, würden Tausende an ihrem Triumphwagen ziehen; sie hatte einst sicherlich die Wahl unter Reichthum, Rang und Schönheit, nach dem allein ihr Herz begehrte, warum konnte sie damit nicht zufrieden sein? Warum nahm sie ihr das Einzige, an dem die arme unschöne Gottliebe hing, das karge Almosen der Achtung, das ihr Roland bisher ge währt hatte? i

Wußte Marion, was sie der Schwester raubte, wohin ihr ko kettes Spiel mit dem Schwager führte? Mit tiefer, grenzenloser Bitterkeit sagte sie sich: ja! das war keine Natur, die blind lings, aus ihrem innersten Empfinden heraus, einen Mann bewunderte und liebte; dann hätte ihr Gottliebe ja verzeihen müssen, da nur wieder geschah, was sie zu ihrem Unheil an sich selber erfahren, dann wäre die Schwester ihr ja verwandt gewesen und die gleichen Schmerzen hätten schon Balsam in sich getragen. So aber sah sie deutlich, wie Marion nur ihre Kräfte prüfte, wie sie behutsam, aber mit offenen Augen und kaltem Herzen versuchte, wie weit die Macht ihrer Schönheit ging.

Gottliebe's kummervoller, umflorter Blick richtete sich auf das schöne Mädchen; es war ihr plötzlich, als müsse sie auf den Knieen zu ihr rutschen, ihre Hände umklammern und flehen:Habe Er barmen! laß ihn mir, laß mir das Wenige, für mich so unaus sprechlich Theure! Du hast alles für Dich, Deine Jugend, Deine Schönheit, laß, o laß ihn mir, diesen Einzigen! Die Arbeit war längst zu Boden geglitten, krampfhaft hatten sich die schönen Hände ineinander geschlungen, eine heiße, bittere Thräne quoll aus der Tiefe des Herzens in die matten, glanzlosen Augen. Sie öffnete den Mund. Wenn Marion ging, konnte noch alles gut werden, o nur ein einziges, erlösendes, gutes Wort! Sobald sich ihre Augen jetzt trafen, wollte sie sprechen, was gleichviel! Alles was ihr auf dem Herzen lag. War es ja doch die Schwester, der sie an vertrauen wollte, was sie quälte. Sie blickte auf Marion, die ihre Stellung ein wenig verändert hatte, diese blinzelte ihr schläfrig ent entgegen und gähnte.

Marion!

Es war ein Laut, leise, fast unterdrückt von den pochenden Herzschlägen, der über Gotliebe's Lippen glitt, ein Jeder würde mehr herausgefühlt haben, als das kleine Wort bedeutete; die allein, an die es gerichtet wurde, nicht.

Es ist sterbenslangweilig bei Euch, sagte sie mit erneutem Gähnen und streckte sich noch behaglicher in die Kissen.

Gottliebe stand auf, mit langsamen, zögernden Schritten kam sie auf ihre Schwester zu, die Augen getrübt von Thränen. Hinter ihr her zog starker Blumenduft in das Zimmer und die letzten Strahlen der heißen Augustsonne brachen sich in den Krystallen des kostbaren Kronleuchters, der an der Decke hing und blaue, rothe und gelbe Reflexe auf die Wand und das ruhende Mädchen davor warf. Gottliebe blieb stehen, die Farben thaten ihr weh, einen Moment deckte sie die Hand über die Augen.

Dann ein donnerndes Geräusch, ein Brechen, Krachen, Knistern von zerschmettertem Glas, eine Wolke von Staub und der Aufschrei zweier Stimmen, die eine schwach, klagend verhallend, die andere sinnlos, wild und gellend.

Roland Hartenstein hatte den schweren Fall bis in sein Atelier gehört, auch den Schrei. Entsetzen erfaßte ihn, er sprang auf und stürzte auf den Korridor, auf dem sich die Dienerschaft schon drängte.

Ein Unglück! Ein Unglück! riefen und murmelten sie durch einander.

Er stieß sie zurück und riß die Thüre auf, sein Athem flog, seine Stirn war feucht.

Schutt und Trümmer inmitten des Zimmers, ein Chaos von Glassplittern und Bronzestücken, auf denen noch immer die Sonne funkelte.

Marion! schrie er so gellend auf, daß er sich selber über den Ton seiner Stimme gewundert, wenn er Gedanken dafür gehabt. Marion! Sie warf sich mit einem Aufschrei an seinen Hals, um⸗ klammerte ihn leidenschaftlich und schluchzte convulsivisch.

Du lebst! Du lebst! jubelte er auf und drückte sie stürmisch an sich.Du bist unverletzt, Gott sei gelobt!

Mit zitternder Hand strich er ihr das Haar von der Stirn und sah sie glückstrunken an, eine lange Zeit. Dann kam ihm plötzlich

1

eee

FP

e