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Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
zu den
Oberhessischen Nachrichten.
Nr. 47.
Gießen, den 21. November. 5
Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. Gortsetzung.)
Von seinen Freunden hatte Roland sich völlig zurückgezogen, besuchte und empfing Niemand, aber man hielt ihm das zu Gute; sie wußten Alle, er arbeitete. Dabei war er aber im Hause liebenswürdiger und umgänglicher denn je und besonders Marion der Gegenstand seiner unausgesetzten Fürsorge. Sie hatte gewissermaßen ein An⸗ recht darauf. Als er ihr Bild begann, hatte er sich ausbedungen, daß sie sich nicht eher auf der Straße zeige, als bis das Kunstwerk vollendet und in den Sälen der Kunstausstellung aufgehängt sei, zugänglich für Jeden. An demselben Tage wollte er dann auch sein schönes Modell der Bewunderung preisgeben, und somit ge⸗ wissermaßen das Eine durch das Andere noch werthvoller machen. Marion hatte sich nur schwer in diese Beschränkung fügen wollen, sie sehnte sich nach Menschen, nach dem Leben und Treiben der Großstadt, aber Roland kannte seine guten Freunde und wußte, daß eine so auffällige Erscheinung, wie seine Schwägerin, nicht un⸗ bemerkt bleiben würde. Man würde beobachten, spioniren, kom⸗ biniren, und sein Geheimniß kam vor der Zeit an den Tag. Er blieb unerbittlich, aber Marion fand statt dessen in ihm den auf— merksamsten Kavalier, den schwärmerischsten Bewunderer, den frei— gebigsten Schwager. Es schmeichelte ihr unwillkürlich. Roland Hartenstein war ein schöner Mann, der zu gefallen verstand, und seinen Huldigungen stets den Stempel des Besondern aufzudrücken wußte. Er hatte es zur Genüge studirt, wie Frauen genommen sein wollen, und es bedurfte nicht erst Gottliebe's sanften, nach— giebigen Lächelns zu Allem, um Marion gewissermaßen zum Mittel⸗ punkt des Hauses zu machen. Ihr war in der kleinen Provinz— stadt ja auch Bewunderung verschiedenster Art zu Theil geworden, aber hier im Hause ihres Schwagers hatte das Alles einen ganz andern Anstrich, es berauschte sie allmählich, und aus der naiven Koketten, die sie bisher gewesen, entwickelte sich ein bewußt berechnendes, auf ihre Schönheit zählendes Weib, das sich ein bestimmtes Ziel vor Augen hielt, entschlossen, daeselbe um jeden Preis zu erreichen.
Dies Ziel war eine reiche Heirath; ihr graute bis zum Ent⸗ setzen vor einer Rückkehr in die engen, kleinlichen Verhältnisse ihrer Heimath, den Gedanken an die Klavierlehrerin hatte sie aufgegeben, sie wollte geliebt, bewundert, beneidet sein, herrschen im Glanz der Feste, schwelgen in Reichthum und Ueberfluß.
Gottliebe, der die Schwester stets eine Fremde gewesen, und die sehr bald der Hoffnung entsagen gelernt hatte, es würde sich doch ein gemeinsames Band zwischen ihren Herzen finden, hatte ihre leisen Ermahnungen und sanften Hindeutungen, daß darin nicht allein das Glück des Lebens bestehe, bald aufgegeben. Ein Achsel⸗ zucken, ein beißendes Wort Marions, genügten dazu. So ver⸗ schieden wie im Aeußern waren die Schwestern auch im Innern, und bald fand es Marion viel unterhaltender, mit dem Schwager
Pläne für die Zukunft zu entwerfen als mit Gottliebe, die nun plötzlich das zu verachten vorgab, was sie sich doch kluger Weise auch vorher schon gesichert hatte. Ein Gefühl des Neides schwellte Marions Brust, wenn sie um sich sah auf all den Glanz und die Pracht, die Gottliebe umgab. Ihre Jugend und Schönheit hätten weit eher in dies Haus gepaßt als die unscheinbare ältere Schwester. Aber sie war nur eine Geduldete. Diese Gedanken kreisten hinter ihrer Stirn als sie, den Kopf in die Rosenwand gedrückt, schweigsamer wie sonst, Roland saß. Er bemerkte den sinnenden Blick ihrer Augen, und Pinsel und Palette sinken lassend, fragte er erstaunt:
„An was denkst Du so ernsthaft, Marion?“
„Ob das Bild bald fertig ist!“
„Die größere Hälfte ist überstanden. Kannst Du es denn garnicht erwarten, kleine Ungeduld, öffentlich bewundert zu werden?“
Sie griff mit der Hand in die dunkelrothen Rosen und wandte ihm voll das Gesicht zu.„Ja, ich sehne mich darnach. Glaubst Du, daß es gefallen, daß es Sensation machen wird?“
„Tannhäuser im Venusberg! Und von mir!“ erwiderte er leicht— hin, aber sein Ton verrieth doch genügend die maßlose Eitelkeit und Selbstüberhebung, die ihn charakterisirte.
Marion seufzte.„Ich wünschte, ein reicher Fürst verliebte sich in das Bild, das heißt, in mein Gesicht und käme und heirathete mich vom Fleck weg.“
„Muß das gerade ein Fürst sein?“
„Mein Gott, mir würde ja Reichthum allein schon genügen, aber ein Fürst, oder dergleichen, wäre doch noch hübscher. Ich ließ mir überall Wappen und Kronen anbringen.“
Roland runzelte ein wenig die Stirn.„Du bist kindisch, Marion! Die Aristokratie des Geistes, der Kunst, ist die allein Würdige. Berühmt sein, ist mehr wie hochgeboren. Sieh um Dich, vermißt Du bei mir irgend welchen Luxus, den sich Fürstenhöfe leisten und die Krone, von der Du sprichst— schwebt sie nicht sichtbar genug über meiner Stirn?“
Mit hastiger Bewegung warf Marion die rothe Plüschdecke zur Seite und sprang auf.„Bist Du nicht der Mann meiner Schwester? Wie kämst Du wohl in Frage bei mir und meiner Wahl?“
Er trat neben sie und faßte nach ihrer Hand.
„Wenn ich nun frei wäre, Marion, a mein Reichthum genügen?“ Er lächelte und sah sie siegesgewiß an.
„Ja!“ antwortete sie ohne Zögern.
„Wäre ich Dir schön genug?“
„Ja!“ lachte sie.
„Du könntest mich also lieben?“ geworden, näher neigte er sich zu ihr.
Seine Stimme war leiser


