Ausgabe 
21.3.1886
 
Einzelbild herunterladen

1

e

91.=.

Mit festen, forschenden Blicken las er in meinem Gesicht. Weiß er, wo die kleine Nelly wohnt? fragte ich.

Er nickte; vergeblich rang er nach Worten.

So werden wir ihn dort suchen müssen; das ist sehr klar, mein Bester.

Sehr klar! wiederholte er leise.

Ein unbeschreibliches Mitleid mit ihm überkam mich.

Fasse Dich, Gerhard, sagte ich;bleibe eine Weile hier und suche Dich zu erholen; wenn es möglich ist, schaffe ich Dir das Kind herzu! 0

Ich werde Dir's nie, nie vergessen, preßte er heraus. Im schärfsten Trab brachte mich ein flinker Droschkengaul nach der Villa Giselg. Erwartung und tiefste Erregung beklemmten mir den Athem, so daß ich lange, ohne die Klingel zu ziehen, vor der englischen Pension stehen blieb.

Die tief ergreifenden Klänge der Schumann'schen Fis-moll⸗ Sonate, von kunstgeübter Hand einem herrlichen Klavier entlockt, tönten zu mir heraus. Nachdem ich geläutet und das öffnende Zöfchen mit meiner Karte zu der Gräfin Fersen gesandt hatte, ver stummten die Töne.

Die gnädige Frau lassen bitten, berichtete das zierliche Ding. Als ich in den Salon trat, erhob sich die junge Frau vom Flügel und kam mir entgegen. Von Fritzchen gewahrte ich keine Spur, auch von der Kleinen war nach flüchtiger Umschau nichts zu entdecken. So fand ich Schwierigkeiten, auf das bezweckte Thema zu kommen und sprach, da mir im Augenblick nichts Besseres ein⸗ siel, meine Bewunderung für die eben vernommene Tondichtung aus. Sie hat einen eigenen Zauber, entgegnete die Gräfin,es fällt einem so viel dabei ein.

Gewiß, vieles, was schön und poetisch ist: Lieder von Arnim und Eichendorff, Schwind's Märchenbilder, der Elfenspuk aus dem Sommernachtstraum und Jedem Einzelnen noch das, was ihm Romantik heißt. Musiziren Sie viel, gnädige Frau?

Ich spiele der Kleinen viel Tänze und Lieder vor, sie ist so lustig und hört sie gern. Dann aber geht mir's wie Geibel's Spielmann. Ist die Zuhörerschaft verflogen

So spielt er in Thränen sich selbst noch ein Stück,

Verlorenes Sehnen, entschwundenes Glück!

Dasentschwundene Glück eines Freundes heute bei Ihnen

zu suchen, war im Grunde der Zweck meines Kommens, sagte ich, froh, endlich meinem Ziele zulenken zu können. Sie sah mich groß an, erröthend und erbleichend. Offenbar konnte sie meine Bemerkung leicht mißverstehen.Diesesent⸗ schwundene Glück, commentirte ich eilig, ist nämlich das einzige Söhnchen eines Einsamen, ein toller Junge, der seiner Wärterin entlaufen ist und den ich bei Ihnen zu finden hoffte.

Ich verstehe Sie nicht, entgegnete sie verwundert. Wußte sie wirklich nichts von der Eroberung, die ihr Töchterchen an dem Sohn ihres verrathenen Jugendgeliebten gemacht hatte?

Auf meine Frage, ob ihr die Kleine nicht von einem roman⸗ tischen Treubund mit einem fremden, schönen Knaben erzählt habe, antwortete sie fast zerstreut:Ja, ich erinnere mich. Nelly ist sehr lebhaft und schließt sich gern an andere Kinder an. Wie ich höre, erkrankte der Vater des Knaben. f

Ganz recht, gnädige Frau und zwar an einem unheilbaren Eigensinn. Es ist überhaupt der wunderlichste, selbstquälendste Heilige, den man sich denken kann. Sie kennen ihn übrigens wohl auch, sein Name ist Gerhard Olten. a Welchen Eindruck diese Worte auf mein vis-A-vis gemacht, weiß ich nicht, denn ich gewann es nicht über mich, ihr, während ich sprach, in's Gesicht zu sehen.

Das wußte ich nicht, sagte sie nach sekundenlangem Schweigen mit stolzer, rührender Selbstbeherrschung. 0 8 5Es ist ein seltsames Spiel des Zufalls, fuhr ich fort, nach wie vor unverwandt auf die Nähte meiner Handschuhe starrend. Mein Freund Gerhard hatte einer höchst fein durchdachten Pädagogik gemäß seinem Kinde nie den geringsten Wunsch ver⸗ sagt. Nun fühlt er sich plötzlich bewogen, den Neigungen des Kindes entschieden entgegen zu treten und ihm den Umgang mit Ihrer kleinen Tochter, der des Jungen höchstes Glück gewesen, streng zu untersagen. Fritzchen fand diesen unmotivirten Befehl in seiner Kinderlogik empörend und suchte dies dem väterlichen Tyrannen da⸗ Heimathhaus, als den Herd

ten 5 von b ben 5 bon

einer unwürdigen Unterdrückung, verließ. Ich glaubte bestimmt, ihn hier zu treffen und hätte ihn gern nach Haus zurückgeführt, denn daß ich's nur sage: der arme Gerhard leidet unsäglich, der Kleine ist seine ganze Welt, der Träger aller seiner Hoffnungen, der Ersatz für sein verlorenes, ewig betrauertes Jugendglück!

Langsam hatte ich, während ich sprach, die Blicke erhoben. Die schöne Frau, deren Antlitz so bleich, daß es sich lilienhaft von ihrem dichten, goldlockigen Scheitel abhob, versuchte umsonst, mir ein Wort; zu erwidern..

Nun bleibt mir die traurige Pflicht, meinem armen Freund die Erfolglosigkeit meines Forschens zu verkünden, fuhr ich fort, indem ich mich erhob. b

Ich nehme innig theil, sagte die Gräfin, die ebenfalls auf gestanden war, mit tiefbewegter Stimme.Auch ich werde nach dem Kleinen forschen und auf jeden Fall meine Abreise, die ich für den Nachmittag festgesetzt hatte, verschieben. Wollen Sie so gütig sein und mir Nachricht zukommen lassen, sobald Sie eine Spur des kleinen Sünders gefunden haben?

Ich bringe Ihnen sicher selbst Nachricht!

Auf jeden Fall?

Auf jeden Fall, gnädige Frau! 0 5

Sie sah mir mit den wundervollen Augen angstvoll, flehend in's Angesicht. Fast begann ich nun selbst, mich um den verlorenen, kleinen Thunichtgut zu sorgen, da ich zwei Menschen um seinetwillen in so tiefer, schmerzlicher Bewegung wußte.

Gerhard war kleines Wortes fähig, als ich ihm meine Bot⸗ schaft überbrachte.

Nun habe ich keine Hoffnung mehr, sagte er endlich.

Ich lachte ihm in's Angesicht, um ihm Muth zu machen, ob⸗ gleich mir's selbst beklommen genug um's Herz war.

Wir müssen eben auf's Neue suchen, ich wette, daß wir den Vogel in ein paar Stunden gefangen haben. Unsere Polizei läßt so kleine Missethäter nicht leicht nach Amerika entwischen!

Drei Stunden lang waren wir darauf in athemloser Bewegung. Alle Anlagen, Straßen und Plätze durchstöberten wir, leider ohne den mindesten Erfolg. Der arme Gerhard, dem die Angst aus dem blassen Antlitz sprach, bestellte Zeitungsaufrufe und Plakate und setzte eine fürstliche Belohnung auf das Haupt seines mißrathenen Erziehungsprodultes.

Der Zustand meines eigenen leeren Magens und meiner müden Füße ließ mich endlich mitleidsvolle Schlüsse auf den Status meines armen Freundes schließen. Eifrig suchte ich nach Vorwänden, um ihn zu einer kurzen Rast zu bewegen.

Vielleicht ist der Junge inzwischen heimgekehrt!

Gewiß nicht! sagte er mit schmerzlichem Lächeln. läßt ihn der Trotz nicht den Rückweg finden.

Es war merkwürdig, in wie kurzer Zeit der Schwärmer gelernt! hatte, seinen Sohn nach sich selbst zu beurtheilen! i

So müssen wir die Jagd eben fortsetzen, stöhnte ich.

Die Straße, auf der wir, immer rechts und links spähend, dahinschritten, hatte uns indessen, ohne daß wir's gewahrten, wieder in die Nähe der Villa Gisela geführt, was mir erst zum Bewußt⸗ sein kam, als ich plötzlich die drei burgundrothen Sonnenschirme meiner englischen Freundinnen aus einem vorüberrollenden Landauer auftauchen sah.

Laß mich nun erst einer Höflichkeitspflicht genügen, Gerhard, die mir aus Deiner Unhöflichkeit erwächst, sagte ich.Die Gräfin Fersen bat mich so innig um Nachricht über den Erfolg unseres Suchens; und übrigens ist die Möglichkeit, daß Fritzchen sich in⸗ zwischen doch bei ihr eingestellt hat, so groß, daß ich den Umstand, hundert Schritte von ihrer Wohnung entfernt zu sein, benutzen möchte. 5

Wohnt sie hier! rief er laut, wie ein Erwachender, der sich über seine Umgebung nicht Rechenschaft ablegt.

Ja. Entschließe Dich, und komm mit mir! sagte ich, durch seine Bewegung ermuthigt.

Mein Gott, wie Du mich peinigst, rief er mit einem Auf wand von Heftigkeit, der wahrscheinlich nicht mir, sondern einer mahnenden Stimme seines eigenen Innern galt.Komm bald zu rück; ich erwarte Dich in der Mistraße, fügte er etwas sanfter hinzu.

Mit großen Schritten eilte er davon. Kopfschüttelnd sah ich ihm nach und wollte mich eben auch zum Gehen wenden, als er

D 5 N

So schnell