Ausgabe 
21.3.1886
 
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Laß ihn! sagte Gerhard bestimmt;Du würdest ihm jetzt nichts abgewinnen; ich muß sein Vertrauen allmälich wieder zu er⸗ langen suchen. Ich habe ihm so viel Güte gezeigt, daß er mir nicht lange trotzen wird. 5

Bei aller Zuversichtlichkeit klang etwas wie Beschämung durch seine Worte. Gleichgiltig war ihm die Ungnade seines Lieblings keineswegs.

Soll ich es Euch gestehen? Ich war förmlich froh bei dem Gedanken, daß die Sorge, sein verzogenes Kind zu versöhnen, den leidenschaftlichen Mann jetzt von seinem neuerwachten Liebesschmerze abzog. Es fiel mir ein, daß ich als Kind in einem alten Almanach die tiefsinnige Lebensregel gelesen hatte:Wer leichtiglich aufbrauset, dem gebe man ein Knötlein aufzulösen, sobald er sich erreget; das beruhigt das Blut.

Gerhard's hochsinnige Erziehungspläne mit seinem eigenen ungestümen Willen lagen?

Aeußerlich beruhigt überließ ich also Vater und Sohn ihrem Schicksal. a

Sehe ich Dich heute nicht wieder? fragte Gerhard, als ich mich zum Gehen wandte.

Wenn Dir's recht ist, spreche ich Abends noch einmal vor.

vernehmen.

Scherze nur, sagte er trübe. f a

Glaubt Ihr, daß mir's im Grunde gar wenig scherzhaft zu Muthe war? Gerhard's Schicksal schnitt mir in's tiefste Herz. Wie theuer mußte ihm das Weib noch sein, zu dem er doch so rücksichts⸗ los ungestüm jede Brücke zerbrach! Vergeblich sann ich über eine Möglichkeit nach, die beiden Herzen einander zuzuführen. Gerhard's Starrsinn machte jede freundliche Lösung unmöglich!

Meinem Vorsatz, mich im Vorübergehen nach dem Befinden meiner englischen Freunde zu erkundigen, kam der Zufall zu Hilfe, indem er mir an einer Ecke des Promenadenplatzes die ganze liebens würdige Gesellschaft entgegenführte. Ein durch mein mangelhaftes Englisch herbeigeführtes Mißverständniß ließ die gute Mrs. Lee zu meinen Gunsten glauben, daß die auf meinem Gesicht geschriebene Erregung der Sorge um den Verlauf ihrer gestrigen Migräne gelte, welcher Umstand ihre Vorliebe für mich so steigerte, daß sie mit größter Dringlichkeit auf meiner Theilnahme an einer für den Nach⸗ mittag projektirten Fahrt nach Nymphenburg bestand. Erst gegen neun Uhr führte uns der flotte Jagdwagen wieder in die Thore der Ludwigsstadt heim.. 5

Trotz der späten Stunde trieb mich's unwiderstehlich zu Gerhard. Mit eigenthümlichem Bangen sah ich dem Status seines Haus friedens entgegen. Um so angenehmer wurde ich durch das an⸗ muthige, freundliche Familienbild überrascht, das sich mir beim Ein tritt in sein geräumiges Wohnzimmer darbot. Unter der traulich leuchtenden Gasampel am runden, mit einem weichen, weinrothen Wollteppich überdeckten Tisch saß Gerhard vor einer Mappe mit Liezen⸗Mayer's Faustkartons; sein Junge thronte ihm gegenüber auf dem durch Kissen erhöhten Sitz eines Armstuhls und sah mit dem selben verständnißvollen Ernst, der die Züge seines Vaters schmückte, auf den vor ihm aufgeschlagenenHans Huckebein nieder. a

Trotz alledem schien mir's, als sei mein Eintritt keine unwill kommene Störung des friedlichen téte-A-tete.

Gerhard begrüßte mich mit solcher Emphase, daß es schien, als wolle er sich durch den Wortreichthum, mit dem er die nichtige Thatsache meines Kommens feierte, für eine lange Zeit drückenden Schweigens entschädigen.

Das Herrlein ist ja noch merkwürdig munter, sagte ich, auf den Knaben deutend, der in seinem Interesse für den Unglücksraben noch nicht ein einziges Mal die langen Wimpern emporgehoben hatte.

Du hast Recht, es ist Zeit, daß Käte ihn zu Bett bringt, erwiderte Gerhard, indem er die Klingel zog. 5

Ohne ein Wort zu sagen, ließ sich Fritzchen von der verschlafenen Wärterin hinausgeleiten.

Sagst Du nicht: Gute Nacht? mahnte ihn Käte an der Schwelle. Mit einem trotzigen Zucken seines Mundes ging der

Kleine auf mich zu und reichte mir sein weiches Händchen. Nun, und ich? fragte Gerhard, der daneben stand. Gute Nacht! murmelte das Kind, ohne aufzuschauen, indem

nüßchen zu imponiren, scherzte ich, als der Bösewicht, von einem

Gab es ein schöneres Knötlein, als den Widerstreit, in dem

Hoffentlich finde ich Dich dann mit Deiner Familie im besten Ein

es mit seiner Hand, statt sie in Gerhard's dargebotene Rechte zu legen, die harten Finger der Alten fest umschloß. 9 Versuche es doch mal, dem kleinen Rebellen mit einem Kopf

schmerzlichen Blick seines väterlichen Erziehers begleitet, hinter der Thür verschwunden war. f

Das würde jetzt wenig helfen, seufzte Gerhard.

Wer weiß; versuch's einmal; Euer ideales Einverständniß scheint mir ohnehin bedenklich erschüttert zu sein!

Leider, leider; der Junge ist mir ernstlich böse, und ich Narr ja lache nur! ich leide darunter, denn der Junge ist mein einziges Glück! a

Mein Bemühen, das Interesse Gerhard's von der Ursache seiner Verstimmung abzulenken, war an jenem Abend ohne Erfolg; ver⸗ gebens berührte ich alle Saiten, die sonst einen Widerhall in seiner Brust zu wecken pflegten; er schien all' seinen Gesprächsstoff in Gegenwart des Knaben ausgezahlt zu haben; nun, da das Kind schlief, war er so einsilbig und träumerisch, daß ich's ihm anmerkte, wie erleichtert er sich fühlen würde, wenn ich ihm durch mein Gehen von der Last der monotonen, interesselosen Antworten befreite, zu denen er seine Lippen zwang.

Verstimmt, wie noch nie, gingen wir aus einander. Wie mag er die Nacht durchseufzt haben, da schon ich, der ich doch mit dem mohnbekränzten Gotte auf bestem Fuße lebe, nicht eine Sekunde lang die Lider schloß!

Am nächsten Vormittag führte mich der Zweck, meine Toilette durch ein paar kleine Aenderungen einem beabsichtigten Besuch an zupassen, von der Glypthotek, wo ich einige Stunden verbracht hatte, in mein Hotel zurück.

Es wartet ein Herr in Ihrem Zimmer, der schon drei Mal da war und nach Ihnen fragte, sagte mir der Portier.

Gerhard, sagte ich mir in schneller Erkenntniß der Sachlage, indem ich hastig, zwei und drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe emporstieg. f

Ich hatte mich nicht getäuscht, er war es, und doch war's nicht er. Ein blasser Mann mit wirrem Haar und angst⸗ voll nach der Thür gerichteten Augen saß in schlaffer Haltung vor dem Rauchtisch am Fenster. Bei meinem Eintritt schreckte er em⸗ por und rief im Ton der rathlosesten Verzweiflung:Um Gottes⸗ willen, Rolf, was soll ich thun? Der Junge ist verschwunden!

Nach meiner namenlosen, durch Gerhard's Anblick verursachten Spannung wirkten diese Worte wie eine Erleichterung auf mich.

So suchen wir ihn, sagte ich ruhig;diese kleine Sorte von Deserteuren ist gewöhnlich sehr schnell abzufassen. Für künftig legen wir ihm schon das Handwerk.

Wüßtest Du nur, wie mich die Angst schon umhergetrieben hat! Ich war bereits auf ein Paar Polizeistationen, drei mal schon im botanischen Garten und drei mal bei Dir, mein Gott, als ob Du mir helfen könntest.

Seit wann vermißt ihr ihn denn? fragte ich, da ich sah, wie wohl es ihm that, sein beklommenes Herz auszuschütten.

Heut morgen saß er noch mit mir beim Kaffee, ohne ein Wort zu reden. Solch ein Trotz! Ich sprach allerlei zu ihm,

er rührte sich nicht. Erst als ich meine Cigarre anzündete und mich anschickte, hinüber ins Atelier zu gehen, sah er mich groß an und sagte:Darf ich heute mit Nelly das Kind taufen? Fast hätte ichJa gesagt, so erfreute mich der Klang seiner Stimme. Aber Du weißt, daß es unmöglich war, und so sagte ichNein! Er verschluckte die Thränen und sagte nur ebenfallsNein! als ich ihn fragte, ob ich ihm das rehbraune Pony kaufen solle, das bei unserem Nachbar zum Verkaufe steht.

So konnte ich nichts thun, als der alten Käte einschärfen, heute keinesfalls mit dem Jungen nach dem botanischen Garten zu gehen. Ich wollte ihr noch sagen, sie möge heute besonders auf ihn achten, aber sie sah mich schon nach dem ersten Befehl so sonderbar erstaunt an, daß ich's unterließ. Wäre ich doch hinter ihr drein gegangen, f statt ihr aus dem Atelierfenster so lange nachzusehen, bis mir die Augen übergingen! Nach einer Stunde kam sie heim und berichtete, Fritz sei, während sie einen Augenblick mit einer Freundin geplaudert habe, von ihrer Seite verschwunden. Seitdem bin ich unterwegs. 0 Er ist nirgends, nirgends, ich habe überall nach ihm geforscht. Ich werde wahnsinnig, wenn er verunglückt ist. Hast Du keine Ahnung, Rolf, wo er sein kann? a

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