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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 12.
Gießen, den 21. März.
1886.
Der Trotz kopf. Novelle von Frida Schanz. (Schluß.)
Am nächsten Morgen klopfte ich pünktlich zur verabredeten Stunde an Gerhard's Thür, um ihn abzuholen.— Er schien mir abgespannt und müde, wie nach schlafloser Nacht.— Die durch einen Früh— regen herrlich abgekühlte Sommerluft schien ihn indeß merklich zu erfrischen, und als ich ihn endlich vor Petersen's herrlicher Schöpfung stehen sah, über die Ihr in meinen Fachnotizen manches Nähere findet, da vergaß ich es eine Zeit lang ganz, daß der Mann, der so mit tiefster Seele genoß, innerlich krank und elend war.
Auch auf dem Heimwege war er voll prächtigen Humors.„Ich habe eine Idee, die Dir den sorglichen Vater in höchster Glorie zeigen soll,“ sagte er,„fürchtest Du einen kleinen Umweg nicht, so laß uns jetzt durch den botanischen Garten gehen. Vielleicht treffen wir den Jungen und meine zukünftige Schwiegertochter dort. Ich möchte das Hexchen doch in Augenschein nehmen.“
Lebhaft plaudernd schritten wir ein paar Minuten später durch die schönen Anlagen, immer spähend und lauschend, ob nicht ein heller Kinderhut oder ein frisches Lachen uns das Pärchen verkünde. Endlich trafen wir es im Schatten einer Platane auf einer Bank, während die beiden Hüterinnen, in einiger Entfernung lustwandelnd, sich vergeblich bemühten, den Schatz ihrer Erfahrungen durch Panto⸗ mimen gegen einander auszutauschen.
Das kleine Mädchen war augenscheinlich damit beschäftigt, ihrem Freund ein Märchen oder eine gar wunderbare Geschichte zu er⸗ zählen, denn Fritzchen sah so starr und erstaunt in ihr kleines Ge⸗ sicht, welches der breite Schirm ihres blaßblauen Seidenhütchens unseren Blicken entzog, daß er unser Näherkommen nicht gewahrte.
Plötzlich wandte die Kleine, durch den Flug einer Amsel auf⸗ geschreckt, flüchtig den Kopf zur Seite. Ein süßes, kleines, von goldigem Gelock gar reizend umrahmtes Gesicht wurde sichtbar.
„Nicht übel!“ flüsterte mir Gerhard zu.
Mir aber stieg eine siedendheiße Blutwelle in die Wangen.
„Corneliens Kind!“ sagte ich, indem ich meinen Arm unwill⸗ kürlich mit einer hastigen Bewegung in den Gerhard's legte.
Wie der starke Mann erschrak! Eine solche erschütternde Wirkung meiner Worte hätte ich nicht geträumt. Seine Züge wurden fahl, und die Lippen, die eben noch so übermüthig gescherzt hatten, bebten wie in namenlosem Weh.
„Willst Du mir einen Liebesdienst erweisen, Rolf?“ sagte er
tonlos, nachdem ich ihn, ohne daß die Kinder uns bemerkt, zu einer
Bank im Gebüsch geleitet hatte. „Jeden!“ entgegnete ich bewegt. „So geh zu der Alten und sage ihr, daß sie mir den Jungen augenblicklich nach Hause führt.“ „Der Kleine wird schwer hinwegzubringen sein,“ stotterte ich in der Ueberzeugung, daß der mit den idealen Grundsätzen von
Recht und Billigkeit erzogene Knabe dem überraschenden Befehl gegenüber auf eine wohlberechtigte Opposition schwerlich verzichten werde. i
„Ich will es,— das muß genug sein!“ sagte Gerhard düster.
Trotzdem glaubte ich, in dem schwierigen Falle mit feiner Diplo⸗ matie vorgehen zu müssen. Die Alte, der ich meinen Auftrag wohl in ziemlicher Erregung vorgebracht haben mag, unterstützte mich mit der erschrockenen Frage:„Ist der Herr krank?“
„Ja, ja, gehen Sie so schnell Sie können!“
Das Uebrige überließ ich ihrer Weisheit und eilte, theils um jeder weiteren Auskunft enthoben zu sein, theils weil jedes andere Interesse in der Theilnahme für Gerhard unterging, zu dem Platze, auf dem ich ihn allein zurückgelassen hatte.
Lange saßen wir stumm neben einander, bis mein Gewissen mir um des armen Jungen willen den Muth gab, den finsteren Schweiger an den Aufbruch zu erinnern. Während des langen Weges, den wir wortlos zurücklegten, hatte ich Gelegenheit, aus den Gesichts⸗ zügen des theuern Gefährten, von denen jetzt jede Spur von Wider⸗ standskraft und trotziger Lebensfreude geschwunden war, den tiefen, nagenden Seelenschmerz zu lesen, den er sonst vor den Augen der Welt so geschickt zu verbergen verstand.
Als wir in Gerhard's Wohnung anlangten, flog uns Fritzchen verweint und blaß entgegen.
„Bist Du nicht mehr krank, Vater? Darf ich nun wieder fort? Nelly wartet noch. Wir müssen das Kindchen taufen!“
Mit ruhiger Festigkeit ergriff Gerhard, der pädagogische Idealist, seines Sohnes kleine Hand.
„Du wirst nicht mehr mit der Kleinen spielen, weder heute, noch morgen,— nie mehr, hörst Du?— Ich will es nicht, und Du wirst gehorchen!“
Das Kind, das dem sonderbaren Befehl anfangs verwundert, beinahe verständnißlos gelauscht hatte, sah jetzt mit einem Ausdruck plötzlichen Verstehens zu seinem Vater empor. In seinen Augen, die sich mit Thränen füllten, lag eine so ergreifende, stumme An⸗ klage, daß Gerhard, obgleich er sein gutes Herz in diesem Augen— blick mit all' seinem Trotz gewappnet hatte, die erste und einzige Ungerechtigkeit, die er dem armen Schelm anthat, doch auf's pein— lichste empfinden mußte.
Trotzdem erhellte sich sein finsteres Antlitz nicht.
„Wirst Du gehorchen?“ sagte er scharf.
Da brachen die zurückgehaltenen Thränen wie ein Strom aus den schönen großen Kinderaugen. Zitternd riß der arme kleine Bursche sich von Gerhard's Hand los und eilte wie ein verwundeter Vogel, der sein Weh in's Dickicht trägt, von dannen.
Unwillkürlich trieb mich das Mitleid ihm nach.
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