doch in diesen deutschen Bürgern steckt, die glücklich sind, wenn ein verlumpter und lüderlicher Baron oder Graf ihr Goldtöchterchen mit seiner Hand beglückt. Dieser Baron ist übrigens auch, wie ich aus sicherer Quelle, von dem nun verstorbenen Kriminalrath Rothe erfahren habe, Dein Deuunziant, der Dich zu einem der Mörder Lichnowsky's stempelte. Er ist unmittelbar nach dem Aufstand vom 18. September in Frankfurt am Main gewesen und hat dort zufällig in demselben Hotel logirt, in welchem Du bis zum Ausbruch des Barrikaden— kampfes wohntest. In dem Fremdenbuch las er Deinen Namen. Durch einen Kellner des Hotels, der Dich mit der Flinte in der Hand hinter der Barrikade gesehen hat, erfuhr er Deine Betheiligung am Kampfe, woraus der Herr Adjutant sofort schloß, daß Du auch an der Todtschlägerei von Auerswald und Lichnowsky betheiligt ge— wesen. Einem Demokraten sind solche Nichtwürdigkeiten selbstver— ständlich zuzutrauen.“
(Fortsetzung folgt.)
Ein Opfer. Eine kleine Sommergeschichte von Mirjam Odd.
Sie saß auf einem schwellenden, goldig schimmernden Sammet— kissen von weichem Moose, welches den graugrünen, verwitternden Baumstumpf polsterte. Stolz wie eine Königin auf dem Throne saß sie da und ebenso unnahbar. Ihre Füße ruhten im üppigen Purpurteppich der blühenden Haide und über ihrem hochgetragenen Haupte mit der glänzenden Flechtenkrone darauf wölbte der tiefblaue Sommerhimmel seinen strahlenden Baldachin. Ruhig blickten ihre dunkelgrauen Augen ins Weite, in die verschwimmende bläuliche Ferne jenseits des stillen Sees zu ihren Füßen, und der schöne, ernste Kopf bewegte sich nicht, obgleich eine blumenstaubgepuderte Biene ihn drohend umsummte. Sie war ja so vernünftig, Carola Rabe, und wußte, daß man die kleinen Stachelträger nicht reizen muß— und handelte auch demgemäß.
„Wie abgeschmackt!“ sagte sie.„Ein reicher Gardelieutenant, Rittergutsbesitzer z., der eine arme Gouvernante heirathen will. In Wirklichkeit ist dergleichen nie vorgekommen, aber auch im Roman findet man Aehnliches jetzt albern.“
Der junge Mann vor ihr mit dem treuherzigen Gesichte zupfte von einer langen Weidenruthe, welche er eben mit einem zierlichen Federmesserchen vom nahen Gebüsch geschnitten hatte, all die schmalen Silberblätter ab. Er warf einen verstohlenen, fast verächtlichen Blick auf seine schmucke Uniform und sprach kein Wort.
„Damit ich mein Leben lang an das Opfer erinnert würde, welches Sie mir brachten! Damit ich hören müßte, daß Sie mich aus Mitleid heiratheten,“ fuhr sie eifriger fort.
„Es ist ein Mann, der Sie versichert, daß Sie nie eine Silbe in ähnlichem Sinne von ihm vernehmen würden.“ g
„Mienen, Blicke,— Gedanken würden dasselbe sein!“
Er zuckte zornig die Achseln.
„Wenn ich eiwas für Sie thun könnte, etwas Großes, Schweres; wenn ich Sie erretten könnte von Schande oder Tod oder der⸗ gleichen.— Aber daran ist nicht zu denken— Gott sei Dank!“ setzte sie fast erschrocken hinzu.„Anders jedoch kann ich Ihnen nie gehören ohne das Gefühl der tiefsten Demüthigung.“
Beide blickten sie nun in's Blaue, nachdenklich grübelnd, mit trostlosem Blick.
„So gehen Sie denn!“ sagte sie langsam und monoton, wie irgend eine tugendhafte tragische Heldin.
„Ich will nicht!“ rief er heftig.„Es ist eine Thorheit von Ihnen, eine lächerliche Phantasterei, bei weitem romanhafter, als der Wunsch eines häßlichen, nichts weniger als geistreichen Mannes, ein bildschönes, gescheidtes und feingebildetes Mädchen heirathen zu wollen. Nichts hindert uns, glücklich zu sein, als Ihr heilloser Starrfinn.— Nennen Sie es nicht ehrenhafte Gesinnung!“ setzte er, mit dem Fuße stampfend, hinzu; denn seit zwei Stunden hatte er sie mit allen Gründen, welche ihm Vernunft und Liebe liehen, zu überzeugen und überreden gesucht, und seine Geduld schwand selbst der Inniggeliebten gegenüber.
„So gehe ich“, sagte sie fest und erhob sich. Schon hatte sie sich gewandt, da blickte sie zögernd zurück und hielt ihm die weiße Hand hin:„Leben Sie wohl! Lassen Sie uns als Freunde scheiden.“
Er sah sie einen Augenblick durchdringend an; dann warf er sich ihr plötzlich stürmisch vor die Füße in das tiefe Haidekraut und preßte sein glühendes Antlitz in die duftigen Falbeln, welche den Saum ihres hellen Mousselinkleides umkräuselten. n
Sie blickte mißbilligend auf ihn nieder und trat eilig zurück, erschrak aber heftig, als er blitzschnell aufsprang, einen leichten Schrei ausstieß und hastig seinen Rock aufriß. 5 5
„Eine Schlange,“ sagte er einen Moment darauf ruhig, als er ihrem ängstlich fragenden Blick begegnete. f 5
Sie wurde schneebleich.„Es giebt Kreuzottern hier? Sie gebissen?“ fragte sie mit zitternder Stimme⸗
Er nickte bejahend.
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In der That war der sonnenbestrahlte Haideboden wohl ein geeigneter Aufenthaltsort für die wärmeliebenden Reptilien. a „Kommen Sie schnell mit nach unserer Villa,“ rief sie und griff
nach seinem Arme.„Es ist das nächste Haus.“
„Es ist zu weit,“ antwortete er in abweisendem Tone. a
„Was kann man thun?“ schluchzte sie und verbarg nicht die niederströmenden Thränen. d 5
„Man müßte die Wunde aussaugen; aber es ist Niemand da, es zu thun. Ich selbst kann nicht dazu gelangen.“ Damit begann er seinen Rock gleichmüthig zuzuknöpfen.„Was liegt übrigens daran?“ i ä
„Das Gift ist tödtlich?“
Ja!“
Da sprang sie auf ihn zu:„Zeigen Sie mir die Wunde.“
Ein triumphirend glückliches Lächeln, welches sie nicht bemerkte, spielte ganz flüchtig um seinen liebenswürdigen Mund. Mit der Linken öffnete er wieder die Uniform, während Carola scheu zu Boden blickte, zog dann den linken Arm aus dem Aermel, entfernte schnell den goldenen Manschettenknopf und streifte mit der Rechten, welche immer noch das kleine Federmesser hielt, womit er die Gerte geschnitten hatte, den blendenden Hemdärmel weit hinauf, so daß der kräftige weiße Arm bis zur Schulter sichtbar wurde.
„Da ist's!“ sagte er und schaute prüfend in ihr Antlitz.
Sie sah auf, schauerte zusammen, wurde glühendroth, trat heran und tupfte mit der schmalen Fingerspitze leise und zaghaft auf die winzige Wunde, welche sich dicht unterhalb der Schulter am linken Oberarm zeigte, beugte sich schnell und preßte ihre Lippen auf das leicht blutende Fleckchen. Er fühlte sogar deutlich den Druck ihrer kleinen Zähne. i i i f
Ein paar Mal richtete sie sich auf und führte ihr Battisttaschen— tuch zum Munde, so daß schwache Blutspuren darauf sichtbar wurden.
Auch ihm war die warme Röthe in die Wangen gestiegen und seine dunkeln Augen schimmerten feucht.
„Jetzt ist's genug!“ sagte er nach etwa fünf Minuten.„Jetzt muß das Gift entfernt sein.“
Sie sah mit bangem Zweifel zu ihm auf, aber sein Gesicht blieb ruhig und sorglos. i
„Haben Sie Kölnisches Wasser bei sich?“ fragte er.
Sie zog mit bebenden Händen das kleine Kristallfläschchen aus der Tasche und badete die mißbandelte Schulter mit wahren Fluthen der wohlriechenden Essenz, wobei sich manchmal eine warme Thräne darunter mischte.
„Es ist gut; es hat keine Gefahr weiter,“ sprach er,„spülen Sie nur Ihren Mund, damit Ihnen das Gift nicht doch etwa schädlich ist, obgleich es nur seine heillose Macht zeigen soll, weun es in's Blut übergeht.“ 8
Sie trat gehorsam zum Seestrande und führte das klare Wasser mit der Hand zum Munde. Schnell ordnete er indeß seinen An⸗ zug. Als sie sich wieder umwandte, ruhten seine Blicke auf ihr. Sie erschrak vor der Gluth darin.: Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloß er sie fest in seine Arme. Sie sträubte sich noch. f 7 ö
„Du weißt, daß Du nun mein Weib werden mußt,“ sagte er bestimmt.„Nur meine zukünftige Frau durfte mir das thun. Eine Schande wäre es für mich, von einem mir fernstehenden Mädchen einen solchen Dienst anzunehmen.— Und das Leben gerettet hast Du mir auch.“ g
Sie fügte sich schweigend und glückselig.
„Meine kleine Lebensretterin!“ neckt er sie immer noch nach Jahren glücklichster Ehe, aber sie weiß nicht, warum er immer so
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