Ausgabe 
21.2.1886
 
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5 seine Liebkosungen dulde.

Nun hab ich genug, hob mein Vater an, sich erhebend und auf mich zutretend,genug des Unsinns, der Schwärmerei. Ich bin ein getreuer Diener meines Fürsten, was er will, muß jeder gute Unterthan wollen. Wer die Rechte unseres Herzogs schmälert,

es mein eigenes Fleisch und Blut. Walter, Du bist mein Sohn. Ich war einst stolz auf Dich, die Stimme des alten Mannes zitterte,ich will Alles vergeben und vergessen, ich will meinem gnädigsten Herrn zu Füßen fallen, ich will um Gnade für Dich bitten, daß der Steckbrief zurückgenommen wird, wenn Du Dich bekehrst und reumüthig Dein Unrecht gestehst. Er hatte bei den

letzten Worten seine beiden Hände auf meine Schultern gelegt, und blickte mir tief erregt in die Augen.

Eine schwere Stille trat ein. Die Blicke der Meinigen hingen an mir. In den Augen meines Schwagers blitzte schon der Triumph auf über meine Unterwerfung. Aber ich konnte nicht widerrufen. Gern hätte ich mein Leben hingegeben aber widerrufen, einen Verrath an dem begehen, was ich für gut und recht erkannt hatte, das war mir unmöglich, ich hätte mich ja selbst verrathen müssen! Vater, was Du verlangst ist unmöglich. Es ist eine Ehr

losigkeit, preßte ich hervor.

Ist das Dein letztes Wort, Walter? knirschte er. Der Zorn hatte ihn überwältigt. n

Ich neigte stumm mein Haupt.

Er streckte die Hand aus und wies nach der Thür.

Dann sind wir geschiedene Leute, stieß er rauh hervor,für immer, ich habe nur noch einen Sohn, und er wandte sich zu Moritz.

Laß uns nicht so scheiden, Vater, bat ich,ich gehe fort von hier, weit fort, über das Meer. Gieb mir Deine Hand, Vater, laß mich ziehen mit dem Bewußtsein, im Vaterlande noch Herzen zu haben, die sich meiner erinnern, eine Stätte, wo man meiner freundlich gedenkt.

Mein Vater wendete sich mit kurzer, von mir.

Ich bet die Hand meinen Geschwistern. Sie berührten sie nicht. Mein Schwager hustete und räusperte sich und kehrte sich gegen das Fenster.

Da trat die alte Köchin ein. Sie war noch zu meiner Mutter Zeiten ins Haus gekommen. Sie sah mich nicht gleich.

Das Essen ist fertig, Herr Amtmann, sagte sie,ich habe die Suppe auftragen lassen und den Karpfen angerichtet. Ach, Herr Gott, da ist ja der Herr Walter die Alte nannte mich immer beim Vornamenach, du lieber Gott, das ist schön, daß Sie wieder da sind, und zur Kirmeß gerade. Gelt, Sie haben das so eingerichtet? Und das gute alte Mädchen trat auf mich zu und schüttelte mir mit ihren braunen, mageren Händen die Rechte. Doch wie die Alte mir ins Gesicht sah, da merkte sie wohl, daß ich nicht zur Kirmeßfeier gekommen war.

Aber, du mein Herrgott, stammelte sie verlegen,Sie sehen ja aus, als wäre eine Leiche im Haus.

Mein Vater unterbrach sie.

Geh in die Küche, Sophie, laß das Geschwätz, sagte er schroff.

Die Alte sah ihn verwundert an. Das war sonst nicht seine Art. Ich drückte ihr die Hand und stürmte hinaus, aus dem Zimmer, dessen Luft mich zu ersticken drohte, die Treppe hinab und ins Freie.

Die Lichter des Amtshofes leuchteten mir nur noch schwach aus der Ferne entgegen, als ich mich noch einmal umwendete, um dem elterlichen Hause, den Spielplätzen meiner Jugend und dem kleinen Kirchdorf, in dessen Friedhof meine gute Mutter schlummerte, für immer ein Lebewohl zuzuwinken. ö

Ich war ausgestoßen aus dem väterlichen Hause, losgelöst von dem heimathlichen Boden, ein Flüchtling, der im fernen Lande Schutz für seine Freiheit und Unterkommen suchte!

Ein bitteres Weh, das Gefühl des Verlassenseins kam über mich. Ich beugte mich nieder und raffte eine Handvoll heimathlicher Erde

abweisender Geberde

nehmen wollte. 8 b Da springt ein Hund an mich heran mit freundlichem Gebell. Es ist Findling. Er leckt mir die Hände und ist glücklich, als ich Aber die Zeit drängt, der Postmeister

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ist ein Rebell, mit dem ich nichts zu thun haben will, und wäre

keine Minute zu verlieren.

auf, die ich mit hinüber über den Ocean, nach dem fernen Westen,

wartete, mich zur Station zu bringen. Jeder Verzug konnte ge fährlich werden.

Geh nach Hause, Findling, sagte ich zu dem Thier,ich kann Dich nicht mitnehmen, ich komme nicht wieder und so scheuche ich ihn zurück. Aber als ich eine kurze Strecke gegangen, sehe ich den Schatten des Thieres neben mir. Ich bedrohe es und es bleibt schüchtern stehen. Da rollt der Wagen heran.

Rasch eingestiegen, ruft mir der Postmeister zu,wir haben Deine Ankunft muß ruchbar geworden sein. Ich habe ein paar verdächtige Gesichter die Post umschwirren sehen. Vorwärts, und er klatschte auf die Pferde, die rasch der Station zuflogen. Es war gegen zehn Uhr, als wir sie erreichten. Der Zug ging in einer Viertelstunde weiter. Wir nahmen Abschied, der Postmeister wollte so rasch als möglich zurück, um keinen Verdacht durch längeres Ausbleiben zu erregen.

Auf Wiedersehen, flüsterte er mir noch einmal zu,im freien geeinigten Vaterlande. Noch ein Druck der Hand, und ich stand allein auf dem Perron des Bahnhofs. Da keuchte der von Süden kommende Zug heran. Die Lichter der Lokomotive, die wie die großen glühenden Augen eines dämonischen Ungeheuers aus der Nacht aufleuchteten, kamen immer näher, ein gellender Pfiff, der Zug stand. Die Schaffner sprangen ab, rissen die Waggons auf und schrieen:Einsteigen, Einsteigen. Der Zug hat nur zwei Minuten Aufenthalt. Ich steige in ein leeres Coupé und blicke gedankenvoll durch die Fenster des Waggons nach der andern Seite des Bahnhofs. Es folgt mir Niemand weiter und wenige Augen blicke später schlägt der Kondukteur die Thüre zu und fort rasselt der Zug nach Norden. Es war ein Schnellzug, der nur an wenigen Stationen hielt. Ueber eine Stunde bin ich schon gefahren, und viele Meilen liegen zwischen mir und der Heimath, die ich vielleicht niemals wiedersehen sollte.

Ich war kein verwöhnter Goldsohn des Glücks. Ich war ein Mann, der Bitteres erduldet und viel verloren hatte, nach dem schon der bleiche Gesell Tod seine knöcherne Hand ausgestreckt hatte. Aber selbst in der Mordnacht vor Friedericia war meine Seele nicht so beklommen, als jetzt in dem einsamen Coupe des Schnellzugs, der mich nach Bremerhaven führte. Vor mir eine dunkele, ungewisse Zukunft in einem unbekannten Lande, hinter mir die Verfolgung einer schmachvollen Anklage, zerfallen mit meiner Familie, verstoßen von meinem Vater, o, ein stärkeres Herz hätte unter diesem Druck gebangt. Da, als ich hinaussah aus dem einsamen Coupe in die sternenlose Nacht, Felder, Wälder, einzelne Bäume und Häuser an mir vorüberflogen wie wesenlose Schatten und ich, ergriffen von einem mächtigen Nervenschauer, zusammenfröstelte bis in's Herz hinein, da fuͤhlte ich plötzlich neben mir auf dem Polster etwas Lebendiges. Ueberrascht wende ich mich um, zünde ein Wachskerzchen an und, furchtsam, den Kopf auf die vorgestreckten Pfoten nieder geduckt, erblicke ich Findling. Das Thier war jedenfalls hinter der Postkutsche hergelaufen und dann auf der Station unbemerkt in das dunkele Coupe geschlüpft.

Es war, als wisse er jetzt, daß ich ihn nicht fortjagen könne und behalten müsse. Und wie ich das Thier mit seinen treuen, klugen Augen so vor mir liegen und mich bittend anblicken sah, kam es über mich mit unwiderstehlicher Gewalt und, mögen Sie lächeln, meine Herren, über den sentimentalen Barrikadenkämpfer, ich beugte mich nieder zu dem Hund und weinte wie ein Kind. Und dann, dann fühlte ich mich nicht mehr so einsam und verlassen. Ich hatte einen Gefährten, einen Freund aus der Heimath, wenn es auch nur ein armer Hund war. Seit jener Nacht war das Thier mein unzertrennlicher Begleiter. Ich will Ihnen nicht meine Schick sale drüben jenseits des großen Wassers schildern, ich brauchte Tage dazu und mir stehen nur ein paar Stunden zu Gebote und außer⸗ dem, und es flog ein müdes Lächeln über sein Gesicht, auf dessen sonst so blassen Wangen die Erregung eine flüchtige Röthe gemalt hatte,würde meine Brust diese lange Erzählung nicht aushalten. Aber Sie können mir glauben, wenn ich Ihnen sage: Es war ein harter Kampf, den ich in Amerika zu bestehen hatte. Ein deutscher Jurist, der englischen Sprache nicht mächtig, ohne Geldmittel, ohne Bekannte, an harte Handarbeit nicht gewöhnt, ist eine außerordent⸗ lich hilflose Figur in dem nordamerikanischen Leben. Ich war Straßenkehrer in New-Vork, ich hütete auf einer Farm des Westens das Vieh, ich arbeitete in den Erzminen, ich war Pelzjäger, ich war Redakteur eines deutschen Blattes in Cleveland, dann in St. Louis,