Ausgabe 
21.2.1886
 
Einzelbild herunterladen

rr ⁵5ÜW ³T Md

0 8

..

Methusalem werden, um ein einiges freies Und nun gute Nacht, Walter.

Vaterland zu erleben.

Am anderen Abend schlich ich mich auf Feldwegen nach der eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Domäne zu meinem Vater. Es war ein rauher Oktoberabend. Der Herbstwind wirbelte das welke Laub der Bäume auf und trieb es raschelnd über die Wiesen. Graue Nebel stiegen empor. Dunkles Regengewölk stand über den Wäldern. Zwischen mir und dem Postmeister war verab⸗ redet, daß er mich mit einem Wagen an einer Waldlichtung er⸗ warten sollte. Jetzt sah ich die Lichter des Amtshofes mir entgegen schimmern. Ich schlug einen Weg ein, der mich durch eine Hinter⸗ thür in den Garten des Gutes fuhrte. Mir lag daran, den Dienst leuten nicht zu begegnen, von denen mich Einige genau kannten. Ich hatte Glück. Die Thür war nur angelehnt. Mit immer lang⸗ samerem Schritte ging ich durch den Gakten auf das Wohngebäude zu. Es war dunkel, aber ich kannte in dem Garten jeden Winkel. Dort in jener Ecke am Zaune lag eine Grube, in welcher während des Winters unter einer Erdschicht Sellerie, Meerrettig, Möhren, Krautköpfe aufbewahrt wurden. Im Sommer war sie für uns Knaben die Höhle Robinsons. Das kleine verfallene Gartenhaus drüben, von Jasmin umrankt und wildem Wein, hatten wir in ein historisches Gebäude verwandelt. Es war die Bastille gewesen, die wir unzählige Mal erstürmt hatten. Mein älterer Bruder war der Gouverneur des Gefängnisses, einige Quartaner seine Soldaten. Ich aber mit einer Rotte Dorfjungen erstürmte die Bastille und befreite die Gefangenen. Die Letzteren wurden, da sich Niemand dazu hergeben wollte, von ein paar Ziegenböcken des Amtshofes dar gestellt. Nach ihrer Befreiung erhielten sie zur Stärkung ein paar Krautköpfe. i

Einmal freilich hatte die Besatzung der Bastille den Spieß umgedreht, und das Volk von Paris wurde furchtbar durchgebläut, so daß meine Mutter außer sich gerieth, als sie bei der Sonnabends⸗ wäsche auf meinem elfjährigen Rücken die blauen und rothen Striemen entdeckte, die das Schwert des Gouverneurs darauf hinter⸗ lassen hatte.

Ich blieb einen Augenblick an dem Gartenhäuschen stehen, mich der frohen Jugendzeit und der guten Mutter erinnernd. Je näher ich dem Amtshause gekommen war, desto beklommener wurde ich, desto mehr schlug mir das Herz. Wie würde der Vater mich auf nehmen? Wenn ich ihn wenigstens nur allein traf! Was ich vor Allem fürchtete, war die Gegenwart meiner Geschwister. Vom Vater konnte ich Manches ertragen, von ihnen nicht. Doch ich nahm mir vor, mich zu beherrschen. Wenn meine Mutter noch lebte! sie war der gute, versöhnende Genius des Hauses. Ach, die Erde, dieses unersättliche Ungeheuer, das die Beute, die es um⸗ schließt, nie wieder herausgiebt, hatte sie zu früh verschlungen! Ich ermannte mich und schritt weiter. Da läuft ein dunkler Schatten über den Weg. Ich bleibe stehen, ein Thier springt an mich, leckt mir die Hände und ist außer sich vor Freude! Es war der schwarze Hund, dem ich einst das Leben gerettet.

Ich streichelte ihn, ich erwiderta eine Liebkosungen. Ich nehme den freundlichen Willkommen des Thieres als eine gute Vorbedeutung

Es eutstand eine drückende peinliche Stille. Weder meine Ge⸗ schwister, noch mein Schwager hatten bis jetzt ein Wort gesprochen, mein Vater starrte finster vor sich hin. Meine Schwester ergriff jetzt das Wort.. Du hast Deine Familie mit Schande bedeckt, sagte sie heftig und hart,wir müssen uns Deiner schämen. Ein Steckbrief ver folgt Dich. 5 9

Ich erinnerte mich meines Vorsatzes und erwiderte so ruhig, als in meiner erregten Stimmung möglich:

Man hat schon bessere Männer als mich steckbrieflich verfolgt. Auch habe ich Euch keine Schande gemacht, weil ich für mein Vaterland gefochten habe. 5

Warst Du nicht, fiel mein Schwager ein und fixirte mich scharf,unter denen, welche den unglücklichen Fürsten Lichnowsky erschlugen? a

Schwager, unterbrach ich ihn, nur mühsam meinen Zorn zurückdämmend,sprich nicht weiter.... Glaubst Du wirklich, daß ich ein feiger Mörder bin? Er schlug vor meinem Blick die Augen betreten nieder. 5.

Nein, nein, das hat der Walter nicht gethan, mischte sich jetzt wieder mein Vater ins Gespräch,ein Mörder ist er nicht, aber ein Rebell bist Du, das frißt an meinem Herzen. Hinter den Barrikaden hast Du gestanden! Ein Kaiserreich wolltet Ihr aus Deutschland machen, vielleicht gar eine Republik! Unsern guädigsten Herrn den Herzog, dem ich Alles verdanke, wolltet Ihr seine Sou veränetät nehmen. Sieh', Walter, das ist undenkbar schlecht von Dir, das kann ich Dir nicht vergeben. Vom Herzog habe ich diese Domäne gepachtet. Der Himmel hat mich gesegnet, ich habe gute Ernten gehabt. Ich habe mir etwas erworben, habe Dich studiren lassen können. Ich war eines armen Schullehrers Sohn, durch die Gnade unseres Herzogs bin ich zu Hab und Gut gekommen. Ich bin ein wohlhabender Mann geworden. Und gegen diesen gnädigen Herrn hast Du rebellirt! 2

Ein Wort, mein Vater, unterbrach ich ihn.Diese Domäne war durch schlechte Wirthschaft heruntergekommen, als Du sie vor vierzig Jahren erhieltst. Du bast es uns oft erzählt, wie Du Dich hast plagen müssen mit der Mutter, um Feld und Wiesen wieder herzustellen, den Viehstand zu beben. Als Du sie bekamst, zahltest Du achthundert Thaler jährlichen Pacht, heute achttausend. n hast Dich für Deinen gnädigsten Herrn ehrlich geplagt, Vater. Es war Deine Arbeit, die Dir Deinen Wohlstand erworben hat, nicht die Gnade des Herzogs hat ihn Dir in den Schooß geworfen. Das beruht auf Gegenseitigkeit! 4 5

Ich sah, wie während meiner Rede die Stirn meines Vaters sich röthete, wie die Adern an den Schläfen anschwollen und das Blut bläulich durchschimmerte, wie seine Hände sich zusammenzogen. Aber ich fühlte, daß es in dieser Stunde klar zwischen mir und den Meinigen werden mußte.

Ja, ja, auf Gegenseitigkeit, stieß er heraus.Das ist so ein modernes Stichwort von Euch Weltverbesserern. Aber daß es die Gnade meines Herrn war, die mir die Domäne gab, und daß i ihm dafür Treue schulde, daß er mein Landesherr ist, dessen Unter thanen wir Alle sind, davon wollt Ihr nichts wissen! Dann sind

2

auf und gehe etwas beruhigter weiter. Jetzt stehe ich an der Thür zum Wohnhaus. Die Hausflur ist dunkel, aber ich steige rasch und leise die mir wohlbekannte Treppe hinan. Ich stehe vor dem Wohnzimmer. Ich klopfe an. Mein Vater ruft herein! Ich trete ein. Mein Vater, am Tische sitzend, war nicht allein. Mein Bruder, meine Schwester und mein Schwager waren bei ihm. An ihren ernsten und gerötheten Gesichtern, sowie an dem Blatt, welches auf dem Tische lag, erkannte ich sofort, daß die Rede von mir war. Das Blatt war der Eberhardtsche Polizei- Anzeiger.

Mein unerwarteter Eintritt überraschte Alle.

Du, Du bist es, Walter! stieß mein Vater hervor. sorgniß, Aufregung, Zorn sprachen aus seinen Mienen.

Ja, Vater, ich bin hier, um Abschied zu nehmen von Di von Euch Allen, setzte ich hinzu.

Weißt Du nicht, fuhr er fort,daß die Gerichte Dich ver folgen.

Ich weiß es, Vater, aber kein Verräther kennt meinen Aufent halt hier, ich bin nur gekommen, um Abschied von Dir zu nehmen,

Be

haben.

und in Deinem Hause werde ich doch keinen Angeber zu fürchten

meine Knechte mir wohl auch keine Treue schuldig, und können thun und treiben, was sie wollen, wenn sie vom Feld heim kommen und das Vieh gefüttert haben. f

Wir sind nicht des Herzogs Knechte, entgegnete ich.Wir sind die Bürger des Landes, mein Vater. Und wenn Deine Knechte ihre Pflicht der Arbeit erfüllt haben, dann können sie denken, thun und treiben, was sie wollen und ste verantworten können vor ihrem Gewissen und dem Gesetz. Oder meinst Du, daß ein Knecht für den Lohn, den er durch harte Arbeit sich verdient, seinem Herrn auch noch mit Leib und Seele unterthänig sein soll. O, so führt doch die Leibeigenschaft wieder ein, die dem Herrn das Recht giebt, den Leibeigenen selbst zu verkaufen. Nein, mein Vater, das sind Ansichten, die des Volkes Glück nicht fördern. Unser Deutschland ist kein Meierhof, sein Volk ist kein Haufen höriger Leute, wie es die armen Bauern im Mittelalter waren. Wir wollen freie Männer im freien Lande sein. Wir wollen ein einiges großes Vaterland mit einem Haupt. Dieses Haupt soll an der Spitze eines großen Volkes stehen, das frei im Innern, geachtet nach Außen ist. Dafür haben wir gekämpft. Ich kenne den Herzog nur flüchtig. Ich hasse ihn weder, noch liebe ich ihn. Es ist mir gleichgültig..