Ausgabe 
20.6.1886
 
Einzelbild herunterladen

c

*

t bee

E ee

e eee

195

e 7

meine Sünde gegen Julia angefangen hat, entgegnete er nieder geschlagen.Meinen Sie, ich hätte Ihre treuen Rathschläge, Ihre Warnungen vergessen, liebe Freundin? Sie haben mir gesagt:Du hast kein Recht, das beste junge Weib um sein Lebensglück zu be trügen.

Das habe ich nie gesagt, fuhr Frau van Mossel auf;ich habe immer Ihre höchst schwierige Lage im Auge gehabt, und wenn ich hier und da ein Wort gesagt, so wissen Sie ja, daß eine alte Frau, die nichts zu thun hat, oft Dinge sieht, die garnicht existiren.

Sie sind gut, liebe Nachbarin, sagte Lindner und reichte ihr die abgemagerte Hand;die Thatsachen sind da und sie drücken mich zu Boden.

Und Ellinor? fragte Frau van Mossel erregt.

Quälen Sie mich nicht, entgegnete er mit einer Hilflosigkeit in Blick und Haltung, die der alten Dame zeigte, wie wenig Er folg hier zu hoffen war.

Wir müssen Geduld haben, mein liebes Kind, sagte Frau van Mossel tief betrübt zu Ellinor, die, mit einer großen bunten Stickerei beschäftigt, im Garten saß.Der Verlust ist verhältnißmäßig noch neu, und er kam Euch gar zu unerwartet.

Unerwartet? Ja wohl für den Augenblick; aber es war doch sichtbar genug, daß sie täglich mehr dahin schwand, und ich brauchte nur auf Papa's Gesicht zu sehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte, dann wußte ich, wie es mit ihr stand, antwortete Ellinor.Sehen Sie diese Stickerei; mein Mütterchen hat sie angefangen, diese Blumen hat ihre liebe Hand gestickt, und Ellinor drückte ihre frischen Lippen inbrünstig auf die Stickerei.

Als Frau van Mossel sich entfernt hatte, suchte Ellinor den Friedhof auf und weilte so lange am Grabhügel der theuren Ver⸗ blichenen, bis die ersten Sterne am Abendhimmel flimmerten.

Dann erhob sie sich langsam, warf einen langen leidvollen Blick auf die vielen Reihen Derer, die dicht neben einander hier den stillen Todesschlaf schliefen und verließ den Friedhof. Die Dämme rung des Septembertages legte sich schon über die Gräber und ein leichtes Frösteln durchzitterte ihren Körper, als die Dornen eines Rosenstrauches sie energisch auf der Stelle bannten.Ellinor, flüsterte eine Stimme, als sie sich zurückbeugte, um sich von den Dornen zu befreien. Sie wollte fliehen, als ein Mann hinter der Cypresse hervortrat.Ellinor, fliehe nicht vor mir, sei Du wenig stens nicht hart gegen mich.

Bleich und erschreckt sah sie dem Manne ins Gesicht, der dicht zu ihr getreten war.Ich kenne Sie nicht, was wollen Sie, wer sind Sie? flüsterte sie hastig.

So weit ist es gekommen, daß die Schwester den Bruder nicht kennt, daß sie ihn fürchtet, wie einen Mörder, rief Georg in einem Tone, der Ellinor ergriff. Sie erinnerte sich, sie hatte ihn einmal flüchtig gesehen.

Mein Bruder Georg, sagte sie mit bebender Stimme und streckte ihm beide Hände entgegen.

Der Himmel weiß, wie ich mich nach diesen Worten gesehnt habe, sprach er langsam und führte das Taschentuch an die Augen,sage es noch einmal, meine Schwester, sage noch einmal: mein Bruder Georg. Wie manchmal habe ich hier an ihrem Grabe, die mir eine Mutter gewesen ist, gestanden und habe darauf ge wartet, daß mir meine Schwester versöhnend die Hand reichen werde; Gott sei Dank, der Tag ist gekommen! und er drückte Ellinor's Hände und zog sie mit Heftigkeit an seine Lippen.Du grollst mir nicht, Schwester?

Warum sollte ich Dir grollen? fragte sie und sah ihn freundlich an.Ich weiß nicht, warum der Vater Dich nicht leiden mag

Ich bin ein armer, unglücklicher Mensch, Schwester, bin es immer gewesen, Kinder, die in Bezug auf Schönheit stiefmütterlich von der Natur behandelt worden sind, erfreuen sich selten eines be⸗ sonderen Wohlgefallens der Eltern, sagte Georg in trübem Tone.

Er flößte Ellinor ein tiefes Mitleid ein; nein, er war nicht schön, der arme Georg; aber warum sollte man ihn nicht lieben können? 5

Meine Zwillingsschwester sorgte dafür, daß unsers Vaters Zu⸗ neigung ihr allein zu Theil ward; vielleicht weißt Du davon, wie ihre Eifersucht der armen Frau unter dem Hügel da das Leben in Mandsfelt verbittert hat.

Ellinor bewegte verneinend das Haupt. i

Es ist Gras gewachsen über die Geschichte, der Vater denkt

nicht mehr daran, desto besser. Liebe hat er nie für mich gehabt, dafür hat Adeline gesorgt, ein kleiner Umstand kam dazu ein Irrthum, den ich ihm, mit aller gebührenden Achtung, bei der Her ausgabe meines mütterlichen Vermögens, bewies, und nun ist jede Hoffnung auf Versöhnung vergebens. Georg's Gesicht hatte den kläglichsten Ausdruck angenommen.

Ich will mit dem Vater sprechen; vielleicht wird er jetzt in seinem tiefen Schmerze milder gegen Dich geworden sein, sagte Ellinor tröstend;aber ich muß nach Hause, es wird dunkel; Du wirst mich begleiten, mein Bruder.

Das selbst ist mir nicht gestattet! rief er schmerzlich aus. Würde es unserem Vater hinterbracht werden, so dürfte ich Dich nicht mehr sehen. Versuche es nie, Schwester, eine Versöhnung zwischen ihm und mir herbeiführen zu wollen, Du würdest nur die Sache schlimmer machen, und ich würde Dein liebes Gesicht nicht mehr vor mir sehen, nach welchem ich mich so sehr gesehnt habe. Ich werde es jetzt öfters versuchen, Dich zu sprechen; wenn Du, von Zeit zu Zeit in dem kleinen Tannenwald, der kaum eine Viertel

stunde von Mandsfelt entfernt ist, spazieren gehen wolltest, so könnte

ich Dich zuweilen treffen. Ich habe keinen Menschen auf der Welt, wie glücklich würde ich sein, wenn Du dem häßlichen alten Bruder, den Niemand lieben wollte, ein wenig gut sein wolltest. Georg's Stimme wurde bewegt und unsicher; er brach kurz ab und reichte Ellinor die Hand.

Ich will Dich lieben, Georg! sagte sie und diese Worte kamen tief aus dem Herzen.Aber warum glaubst Du, daß Niemand Dich geliebt habe, auch meine gute Mutter sie vollendete den Satz nicht.

Ich bin noch nicht ein Jahr mit ihr in Mandsfelt zusammen gewesen, und dann wußte ich, daß man ihr alle meine einfältigen Streiche mit den schwärzesten Farben ausgemalt hatte nun, da dachte ich störrisch, ich wolle mich lieber gar nicht um ihre Zunei gung bewerben, um nicht zurückgewiesen und von Adeline verhöhnt zu werden, erklärte er mit einer Offenheit, die Ellinor rührte. Das war es ja, worüber ihre Mutter geklagt hatte, als sie einst Georg auf dem Wege nach Mandsfelt begegneten.

Gute Nacht, Schwester; auf Wiedersehen! sagte jener hastig, drückte Ellinor die Hand und verschwand auf der andern Seite des Friedhofes. Wie sie auf dem Wege dem Gutshause zuging, fühlte sie sich beunruhigt und doch wieder freudig erregt. Durfte sie, ohne ihren Vater davon in Kenntniß zu setzen, ihren Bruder heimlich sehen? In seiner gegenwärtigen Gemüthsverfassung konnte sie über haupt nicht mit ihm über Georg sprechen, und dann, wenn er diesen Sohn nie geliebt hatte, was war überhaupt zu hoffen? Ellinor seufzte tief. Der gute Vater, wer konnte ihn ergründen?

War ihre Mutter vor einem wirklichen Argwohn geflüchtet, oder hatte ihr Vater derselben gegenüber nie einem Zweifel Raum gegeben? Und nun diese Adeline, die ihr Vater so sehr geliebt, die an seinem Arme hing, wenn die Mutter im Zimmer in Thränen ausbrach, diese schöne Schwester, glatt und geschmeidig wie eine Schlange, hatte ihrer Mutter das Leben in Mandsfelt verbittert, so hatte Georg gesagt. Und wahr mußte es sein; denn ihre Mutter hatte nie über die Stieftochter gesprochen.Es wird so sein, flüsterte sie und trat schnellen Schrittes in den Hof,diese schreckliche Adeline hat den armen Georg aus der Liebe des Vaters verdrängt. Ich stehe nicht unter ihrem Einfluß, und ich will und darf ihn lieben. Der arme Mensch, er hat so wenig Empfehlendes; seine Manieren sind bäuerisch, seine Kleidung so vernachlässigt und auch sein Gesicht ist wenig sympathisch; aber gerade deswegen will ich ihm gut sein!

Ellinor fühlte sich auf sich selbst angewiesen und war überzeugt, daß sie kein Recht besaß, die bescheidene Annäherung ihres Bruders zurückzuweisen; zudem drängte ihr warmes Gefühl sie dazu, dem nahen Verwandten, der so einsam im Leben dastand, eine treue Schwester zu sein. Sie stand ja auch allein seit ihrer Mutter Tode, der Vater wich ihr eher aus. So wollte sie treu zum Bruder halten, und wenn später der Vater zu seiner alten Kraft und Ge sundheit gekommen war, dann wollte sie Georg vor ihn führen und sagen:Vergieb ihm, wenn er Dich beleidigt hat; er ist Dein Sohn, und ich liebe meinen Bruder von ganzem Herzen, und Du wirst uns nicht Beide unglücklich machen wollen durch das unselige Zer würfniß. Dann konnte die Zukunft noch schöne Tage bringen.

Sie ging lange mit sich zu Rathe, ob sie nicht Eduard van Mossel von den Zusammenkünften mit ihrem Bruder sprechen sollte;