Einzelbild herunterladen

196=

als sie endlich Georg darüber fragte, bat jener sie dringend, dies nicht zu thun, ohne weitere Gründe anzugeben. Die Geschwister sahen sich jede Woche einmal. Bei einer solchen Zusammenkunft zog sie schüchtern ein schweres Beutelchen heraus und legte die treueste Bitte in ihre seelenvollen Augen.Georg, Du kannst und darfst mir diese erste Bitte nicht abschlagen; der Verwalter in Jastrow schickt mir so viel Geld, und ich weiß keine Verwendung dafür; Du verwendest es für Dein Gut, nicht wahr, Du bist mein lieber Bruder?

Diesmal traten Georg wirklich Thränen in die Augen.Ellinor, das vergesse ich Dir nicht, rief er und drückte ihre Hände, daß sie hätte aufschreien mögen;aber Dein großmüthiges Anerbieten annehmen, das thue ich nicht. Siehst Du, das fühlt sich, ausdrücken kann ich es nicht; aber wenn ich Dein Geld nähme, es würde einen Schatten auf unsere geschwisterlichen Beziehungen werfen. Ich habe Dich gefunden der Tölpel, der sich keines Menschen Gunst zu erfreuen hat, findet eine großmüthige Schwester, die ihm gut ist. Siehst Du, ich muß Dir's nur gestehen: es mag ja sonst gehen, wie es kann, ich bin aber im Leben nicht so glücklich gewesen, wie jetzt! er hob den rechten Arm in die Höhe, als wollte er Hurrah! rufen. Diese Bewegung so ungeschickt und täppisch sie war, rührte das Mädchen tief.

Auch ich bin glücklich, daß wir uns so nahe getreten sind, sagte sie weich und sah ihm treu und vertrauensvoll in die Augen. Du bist aber gut und nimmst das Geld, fügte sie bittend hinzu.

Nein, wahrhaftig nicht! betheuerte er mit den heftigsten Ge berden;aber gedenken will ich Dir's, Du gute Schwester!

Du hast einen Verwalter, ist er wenigstens für Dich ein zu verlässiger Mensch? fragte sie zögernd.

Auf den kann ich unter allen Umständen zählen! rief Georg betheuernd;ein Hund ist nicht so treu, wie mein Klas.

Seine Tante hat ihn nicht gelobt, sagte sie und bewegte be denklich das schöne jugendliche Köpfchen.

Da hat sie unrecht gehabt, der Junge konnte ihr nicht mehr geben, als er besaß. Ich kann den Klas nicht hoch besolden; er hat mich genug bei Lebzeiten der Alten geplagt, daß ich ihr des

Neffen Lohn auf den Tag bezahlte; seit sie todt ist, läßt mir der arme Junge Ruhe; für sie braucht er nichts, antwortete Georg überzeugend. N

Als Ellinor mit ihrem Beutelchen voll Goldstücken und Banknoten

wieder nach Hause ging, war sie tief bewegt. sie wirkliche Zuneigung für ihren Bruder.

Die Zusammenkünfte der Geschwister dauerten ungestört bis zum Februar fort. Einmal, da Ellinor dem Bruder die Hand zum Ab schied reichte, flüsterte jener:Da kommt Eduard van Mossel in seinem Wagen, laß uns schnell in den Tannenwald treten.

Diesmal empfand

Warum sollen wir uns verstecken? fragte sie und sah ihn

mit den schönen Augen unschuldsvoll an.Eduard ist edel und gut, er verdient, daß ich nie ein Geheimniß vor ihm habe. Nein, vor ihn treten wollen wir und uns ihm zeigen; es wird mir wohler sein, wenn er weiß, daß wir uns öfters sehen. Komm, gieb mir Deine Hand, wir gehen ihm entgegen.

Georg war schon zwischen die Tannenstämme gesprungen.Ich bitte Dich, kein Wort davon vor ihm. Ich sehe den Verrath über all, halte mir es zu gut, ich habe Dich gar zu lieb. Nur kein Wort! rief er ihr ängstlich zu und trat hinter die Stämme zurück.

Er sah wie Eduard's freundliches Gesicht erröthete, als er des jungen Mädchen ansichtig wurde.Du hier, Ellinor? fragte er; Du bist also eine Freundin von einsamen Spaziergängen ge worden?

Nimm mich mit Dir, ich wollte heute doch zu Euch kommen, sagte sie und streckte ihm beide Hände entgegen.

Er sprang rasch aus dem Wagen und drückte, ohne daß sie es ahnte, einen Kuß auf die langen Locken, die dem breitkrempigen schwarzen Filzhut entrollten. Wie vorsichtig und zärtlich er sie in den Wagen setzte und die Reisedecke um sie faltete!

Also doch! murmelte Georg;es war ja kaum daran zu zweifeln, daß der kluge Nachbar sie sich entgehen lassen würde.

Eduard war glücklich, als Ellinor im offnen Wagen mit ihm durch die sonnige, obwohl noch winterliche Flur fuhr. Der Ver kehr mit Mandsfelt war seit Julia's Tode nicht mehr so lebhaft wie früher. Seine Mutter klagte viel und war viel seltener als sonst zu einem Besuche in Mandsfelt zu bewegen.Unser Nach

bar hütet ja noch immer beharrlich sein Zimmer und Ellinor könnte zu mir kommen, wenn sie Sehnsucht nach uns empfindet.

Es machte ihr keine Freude, als sie Beide zusammen an⸗ kommen sah.Der arme Junge, flüsterte sie und warf dabei einen recht betrübten Blick auf die alten Raritäten, welche sie umgaben. Was war denn je sicher gewesen vor den kleinen kecken Händen? Wie sie Eduard behend und überglücklich aus dem Wagen hob, als wäre er wieder zwanzig Jahre alt! Frau van Mossel seufzte tief. Und als sie dem Mädchen das kalte, rosige Gesichtchen küßte und sie Thränen in den leuchtenden Augen sah, da drückte sie die Kleine warm an ihre Brust..

Nun kann ich doch wieder einmal von ganzem Herzen von meinem Mütterchen sprechen; Sie haben sie allein ganz gekannt, sagte sie zu Frau van Mossel und küßte diese noch einmal mit Innigkeit. Ja, wer konnte ihr böse sein, trotzdem sie nun wieder den runden Hut und den Mantel auf den nächststehenden Sessel warf, statt draußen im Vorzimmer Beides an den Haken aufzu hängen; Frau van Mossel war fest überzeugt, daß ihr Sohn unter der Verachtung jedes der alten strikten Hausgesetze leiden werde, und des Mädchens unabhängiger Charakter fügte sich nicht diesen Gesetzen, die das Lächeln so oft auf den frischen Kindermund gebracht hatten. a

Ich will zu Fuße nach Hause gehen, erklärte Ellinor endlich

und stand auf.

Das wirst Du nicht, mein Kind; der Kutscher fährt Dich nach Hause, entgegnete Frau van Mossel.

So mag er nachkommen; es ist noch ganz hell, ich werde eine Strecke gehen, entschied sie und nahm herzlichen Abschied von der alten Dame. Da gingen sie nun wieder aus dem Hofe, Eduard bot ihr das Geleit an und sie legte recht fest den runden Arm in den seinen. Frau van Mossel war müde und verdrießlich und legte sich zu Bette.

Eduard fühlte sich heute so jung wie das holde Kind, das ver traulich an seinem Arme hing. Hatte er vorher manchen Tag in ernster Erwägung zugebracht, so war heute jedes Bedenken ver schwunden, er fühlte sich wie berauscht.

Da hält der Wagen, rief sie und ihr Arm verließ den seinen. Es ist sechs Uhr, die Stunde, die ich auf Papa's Zimmer zu bringe, ich will nun einsteigen, guten Abend, Eduard.

Es war ihm, als könne er sie nicht gehen lassen; das Wort, das er seit Monaten von seinen Lippen zurückgedrängt, kam nun stürmisch, fast gegen seinen Willen hervor. Er hielt die kleine Hand fest und sagte laut aus übervoller Brust:Meine geliebte theure Ellinor, werde mein Weib, willst Du?

Die kleine Hand hatte sich heftig bewegt, als wolle sie sich be freien, das rosige Gesichtchen war todtenbleich geworden und die bebenden Lippen versuchten vergeblich ein Wort zu sagen; ein paar Augen, erschreckt und scheu, blickten plötzlich hilflos zu ihm auf.

Was war das? welche Wirkung hatte seine Werbung hervorgebracht?

O, sei mir nicht böse, Eduard, flüsterte sie und zitterte an allen Gliedern,es ist so unerwartet, Du bist so gut, so herzens gut, ich werde Alles thun, was Du willst.

Gute Nacht, Ellinor, sagte er mit erstickter Stimme. Sie sah nicht, wie bleich er war, sie vermied, ihm ins Gesicht zu sehen; er führte sie zum Wagen und verschwand. Und sie saß bleich und bewegungslos und starrte in die Abenddzämmerung und Thränen rannen langsam über ihre Wangen.Der beste, treuste Freund! murmelte sie.O, ich habe ihn ja auch lieb, sehr lieb; aber daß ich seine Frau werden könnte, daran habe ich nie gedacht!

Sie saß bis tief in die Nacht hinein in dem Zimmerchen, das ihre Mutter so frisch und schön für sie hatte herrichten lassen. Was würde nun die gute Mutter sagen, wenn sie ihr erzählte, Alles, Alles, was sie keinem Menschen, und nur sich tief erröthend mit Verdruß und Aerger über sich selbst, gestanden hatte? Sie fühlte sich so verlassen, kein Mensch war auf der Welt, der ein tröstendes Wort zu ihr gesprochen hätte. Ihr Bruder? Durch das Geheimniß, das er bewahrt haben wollte, war er ihr so unerreichbar, und wie sollte der sie verstehen?

Sie weinte viel, küßte das Bild ihrer Mutter und fing an zu schreiben.Lieber, guter Eduard! Wenn ich die Worte, worin Du mir den ehrenden Beweis giebst, daß ich in Deinen Augen mehr wie ein dummes Kind, ja eine Persönlichkeit bin, die Du selbst für würdig hältst, Dein Leben mit ihr zu theilen, für den Augenblick