194
Herzeleids lag, war so verschieden von seiner kleinen Freundin, daß es ihn für den Augenblick verwirrte, und ihr inniges rückhaltloses Vertrauen ihn in eine Verlegenheit versetzte, die er kaum bemeistern konnte. Wie ein Retter, ein Trost, vom Himmel geschickt, war dem verlassenen Kinde Eduard erschienen, und die Beweise ihrer Dankbarkeit und ihres unbeschränkten Vertrauens waren so zart, so rührend, daß Eduard kaum begriff, wie so schnell aus dem muntern Mädchen, dem die Welt nur zu seinem Spielwerk und Zeitvertreib geschaffen schien, ein so gutes selbstloses Wesen geworden war, das lebhaft an die verklärte Mutter erinnerte.
Von dem Begräbniß kehrten viele der Herren nach Mandsfelt zurück, dem Gutsbesitzer und seiner Tochter ein Trostwort zu sagen; Lindner war nicht zu bewegen, sein Zimmer zu verlassen, und Eduard van Mossel wurde unruhig und dachte, ob es nicht an ihm sei, der versammelten Gesellschaft zu sagen, daß Herr Lindner dankbar für die Theilnahme an seinem Verlust sei, daß aber sein Befinden ihn verhindere, es den Herren selbst zu sagen. Er sah nach dem einzigen Verwandten des Hauses, Otto von Manners, dessen Ob— liegenheit dies eigentlich gewesen wäre. Der aber schien garnicht daran zu denken, irgendwie die Rechte eines nahen Verwandten hier zu beanspruchen; und da Eduard von Anfang an in Cannes und hier Herrn Lindner vertreten hatte, so fand er selbst, daß er als intimer Freund und Nachbar besser im Stande sei, allen noth— wendigen Erfordernissen zu genügen. Da öffnete sich die Thüre und Ellinor erschien in tiefer Trauer, bleich, den reizenden Kopf gesenkt, aber so überraschend schön, daß Alle die hohe, so rührend in ihrer stillen Trauer erscheinende Gestalt wie eine ihnen unbe— kannte Dame anstaunten. Sie erhob die großen braunen Augen mit einem Blicke holder Schüchternheit, und als sie ein Dankeswort an die Herren, die auf sie zueilten, richten wollte, zitterten ihre Lippen und sie brach in Thränen aus.
Otto von Manners war der letzte, der ihr die Hand reichte, als sich das Zimmer geleert hatte; er fühlte, wie die arme kleine Hand in der seinen zitterte; ihm ging es wie ihr, er wollte zu ihr sprechen; aber aus den erbleichten Lippen kam kein Wort. Er hatte die Todte so sehr geliebt, sie war dem frühe verwaisten Knaben eine treue Mutter gewesen. Er war mit der Hoffnung gekommen, Ellinor an der Leiche der Mutter ein Bruder zu sein und in ihr die Erinnerung an die Tage zu wecken, wo Julia ihre Liebe so innig zwischen den beiden Kindern theilte; aber er hatte sie kaum auf Augenblicke gesehen. Es war Jemand da, der dem Vater und der Tochter unentbehrlich schien, der alle bewährte Rechte an das Vertrauen und die Zuneigung seines Onkels und seiner Cousine hatte; Eduard van Mossel vertrat den Sohn des Hauses und es konnte wohl kaum ein Zweifel sein, daß er Ellinor über Alles lieb und werth war. Er hätte blind sein müssen, wenn er nicht ge— sehen hätte, wie es trostvoll über ihr betrübtes Gesicht kam, wenn sie ihn erblickte, und dieser zeigte die Ruhe des sich im sichern Besitze wissenden Verlobten. Otto hatte Eduard van Mossel nicht aus den Augen verloren und er zweifelte nicht mehr an den Be— ziehungen, in denen er zu Ellinor stehen sollte.„Die, die mich liebte, ist todt,“ sagte er sich traurig, und so war er der letzte ge— wesen, der vor das junge Mädchen hintrat und ihr die Hand reichte. „Lebe wohl, Ellinor,“ sagte er endlich bewegt;„ich will abreisen.“
Sie beugte nur das Haupt und sagte nichts.„Würde nicht vielleicht ein Aufenthalt in Armünde dem Onkel wohlthun und würde es nicht auch für Dich gut sein?“ fragte er zögernd. Sie schüttelte langsam den Kopf und erhob schwermüthig die Augen zu ihm. „Nicht jetzt,“ antwortete sie,„in Armünde würde mir der Verlust doppelt fühlbar sein.“
Er hatte ihr nichts mehr zu sagen; in Mandsfelt freilich war Eduard van Mossel, da gab es Trost für sie, und in Armünde war nur er. Sie ging mit bis zur Thüre, sie reichte ihm noch einmal die Hand und brach in Thränen aus; vielleicht begleitete sie ihn nur, weil Eduard ebenfalls in den Wagen stieg. Der Hausfreund war ein freundlicher liebenswürdiger Mann, Otto gestand es zu; er hatte sich auch bemüht, dem Verwandten des Hauses bei jeder Gelegenheit die erste Stelle anzuweisen, auch das gab Otto zu; van Mossel war ein Mann von Takt und ein schöner Mann, kein Wunder, daß er Ellinor gefiel. Alles dieses war unbestreitbar, auch daß sich Eduard bemühte, auf der Fahrt bis zur Stadt den guten Eindruck womöglich noch zu erhöhen, indem er nur von Julia und ihrem stillen Wirken als Wohlthäterin der Armen sprach.
Otto athmete auf, als er allein im Eisenbahncoupe saß; er drückte sich trotzig in die Ecke und schloß die Augen: er sah nur schwarzen Crepp, ein gebeugtes Köpfchen und ein alabaster weißes Gesicht vor sich, und zwei Augen, die ihm keine Ruhe ließen.
„Vor anderthalb Jahren, als sie die Ellinor von ehedem war, hätte ich mich vielleicht über ihren Verlust trösten können; aber nun weiß ich, daß ich für sie eine jener Leidenschaften empfinde, die für's Leben verhängnißvoll werden.“ Otto sprang auf und durchmaß das Coupe, das er allein inne hatte. Wie war er gekommen auf die Kunde von Julia's Tod, mit welchem Schmerze und mit welchen Hoffnungen! Mußte Ellinor sich nicht gerade jetzt daran erinnern, wie sie zusammen unter der treuen Obhut derjenigen aufgewachsen waren, deren Hinscheiden sie betrauerten? Er hatte sie kaum gesehen, sie war bei dem Vater gewesen, und wenn er versucht hatte, mit ihr zu sprechen, wie es ihm gewissermaßen als Bruder zukam, so war sie in ein trostloses Weinen ausgebrochen. Was hätte er darum gegeben, wenn sie, wie in frühern Zeiten, ihn nicht in ihren ehe— maligen stürmischen Liebkosungen erdrückt, nein, wenn sie ihm nur die weiche thränenfeuchte Wange zum brüderlichen Kusse hingereicht hätte, aber selbst das war ihm versagt worden. Er fühlte sich nun von Ellinor getrennt für immer! Und wenn sie die Frau Eduard van Mossel's wurde, was sollte er ihr einsam sein Leben lang nach⸗ trauern? Rose liebte ihn, das war augenscheinlich; ihre Eltern wünschten sehr, das einzige Kind mit Otto zu verheirathen. Er konnte Armünde kaufen, sein Vermögen reichte dazu hin, der Landsitz war ihm werth des raschen Gedeihens wegen. Konnte er die Ver— gangenheit nicht auslöschen und zu neuen Zielen emporstreben? Ach nein, ohne Ellinor erbleichte die Sonne über Armünde, und die ganze Welt füllte sich in Nacht und Nebel. Mit tiefem Weh im Herzen fuhr der junge Mann seinem fernen Wirkungskreise zu.
XIII.
Monat um Monat ging an Ellinor vorüber und sie fühlte sich einsamer, verwaister, wie kurz nach dem Tode der Mutter. Ihr Vater ging wohl hier und da seinen Geschäften nach; sein Anblick aber war erbarmenswerth. Ellinor hatte versucht, ihn seinem Gram zu entreißen, war oft des Tages zu ihm in sein Zimmer gegangen, oder hatte ihn hinaus auf's Feld begleitet, ihren eigenen Kummer zum Schweigen gebracht und ihm ein heiteres Gesicht gezeigt, allein mit tiefem Schmerz sah sie, daß er am liebsten allein war, daß ihre kindlichen Bestrebungen keinen Erfolg hatten.
Frau van Mossel versuchte das Ihrige. Sie war nicht die Frau der zarten Andeutungen, sondern gewöhnt, prompt auf ihr Ziel loszugehen.
„Sie bereiten Ellinor ein trostloses unerträgliches Leben, lieber Herr Nachbar,“ sagte sie eines Tages, nachdem sie rasch und un— angemeldet in sein Zimmer getreten.„Das Kind ist siebenzehn Jahre alt, die Mutter todt und der Vater kümmert sich nicht um sie.“ Lindner sah erschreckt auf und winkte abwehrend mit der Hand. „Um Gottes willen, Frau Nachbarin, schonen Sie mich,“ murmelte er und sah dabei so elend aus, daß er Frau van Mossel das tiefste Mitleid einflößte.„Es thut mir selbst wehe, Ihnen die Augen öffnen zu müssen,“ sagte sie mit Thränen in der Stimme;„aber Ellinor ist nicht wieder zu erkennen; Sie müssen endlich wieder Sie selbst werden, sonst weiß ich nicht, was aus dem armen Kinde werden soll. Denken Sie doch an unsere gute Julia: soll ihr Tod denn Ellinor ganz elternlos gemacht haben?“
„O, ich denke an meine Julia; der Gedanke an sie, an ihre blühende Jugend, die sie mir gab, verläßt mich nicht bei Tag und bei Nacht. Ich war es, der ihr das Leben hier unmöglich machte, der sie in Noth und Elend trieb,— so steht sie jetzt vor mir; was sie im Leben nie werden konnte, das ist sie nun im Tode ge— worden: meine Anklägerin,“ sagte Lindner tonlos und stützte den müden Kopf in die Hände.
Frau van Mossel stand rathlos, eine solche Schwierigkeit hatte sie nicht vorausgesehen.„Ach, wohin gerathen Sie, Herr Nach— bar!“ rief sie ungeduldig.„Sie steigern ein kleines Mißverständniß zu einer Schuld; Sie müssen sich doch eingestehen, daß hier un— vorhergesehene dunkele Ursachen die Hauptfaktoren waren, die unsre gute Julia aus Ihrem Hause trieben. Sie sind krank, mein lieber Lindner; reisen Sie mit Ellinor.“
Lindner schüttelte den Kopf.
„Sie wollen es übersehen, wo


